Miss Thompson über den Tod von Amy Winehouse


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Amy Winehouse und Miss Thompso
Das im Text erwähnte Foto: Amy Winehouse und Miss Thompson auf Santa Lucia

Ich habe Amy Winehouse in Oslo getroffen, kein Witz.

Oslo ist der dunkelste Ort der Welt, man friert selbst im Pelzmantel. Das einzig erfreuliche sind billige, aber köstliche Hotdogs (für einen Euro). Egal, ich wollte Amy treffen, zum Interview. Einen Tag vorher war sie noch im Knast in Bergen. Und ein paar Tage davor im Polizeirevier, und davor ein paar Tage im Pub in London.  Dann backstage in Oslo. Amy war noch in der Garderobe nebenan. Der Tourmanager rief alle paar Minuten rüber, sie solle jetzt kommen. „Amy!“

Es war, als ob ein siebenköpfiges Monster vom anderen Zimmer rüberkrähte „WHAT????“ Sollte sie wirklich rüberkommen? War sie bewaffnet?

Schönste Momente der absoluten Kontrollfreiheit: kein Promofritze, kein Pressemensch, alle hatten bereits aufgegeben.  Papa Mitch war am Abend zu Besuch, er fand nur eines schlimm: Wenn die Jungs im Publikum sich über seine Tochter lustig machten, das nervte ihn echt. Sonst nix.

Der Monsterbändiger bzw. „Tourmanager“  war als einziger übrig. (Er sollte später kündigen. Grund: Er habe ohne sein Wissen passiv Heroin mitgeraucht auf der Amy-Tour, und er habe nicht gewusst, warum er sich über Monate so schlapp fühlte.)

Die Tür flog auf, und Amy kam auf Zehenspitzen rein. Sie trug einen Fred Perry-Pullover, eine Unterhose, die Repetto-Ballerinas (dreckig, ohne Blutflecken), das Rabenhaar reichte bis zum Hintern, ihre Pupillen: zwei Pünktchen im Weltall.  Gegenüber: der böse Dackel Blake, damals Amys Freund/Ehemann, weiß der Teufel, seine Energie war das Gegenteil zu Amy: Speed, Speed-Zähne, Speed-Grinsen, einfach irrsinnig unangenehm. (Amy und Blake waren wie Sid und Nancy, nur eben dass Amy Sid war.)

Das sogenannte Interview lief gar nicht schlecht. Amy sagte, ich wäre eine „nice lady“, obwohl sie mich gar nicht richtig sehen konnte. Die Augendeckel gingen zu, und gar nicht so oft wieder auf. Amy erzählte, sie wollte irgendwann einen Schönheitssalon aufmachen, Hausfrau sein, weil sie das befreie. Das Putzen. Der erste Ehekrach kam schnell, wegen der Kinder von Paul Weller – Amy fand sie extrem süß, Blake konnte als Speed-Mensch mit so was nichts anfangen (er sagte, sie sähen aus wie Transvestiten). Amy warf ihm einen Plastikbecher an den Kopf, voll mit durchsichtigem Zeug. Als Versöhnung baute Blake eine Zigarette, die wir alle drei rauchen mussten, weil das Interview sonst zu Ende gewesen wäre. Tourmanager: „Amy, du musst jetzt auf die Bühne…“

Amy: „Neeeeiiin, noch eine Frage.“

Tourmanager: „Es ist Zeit.“

Amy: „Ich gehe nicht auf diese Scheißbühne!“

Amy ging irgendwann auf die Scheißbühne. Und es war sensationell. Amy Winehouse war die einzige, die auf der Bühne den Tod zeigte, ihn durchscheinen ließ.

Die Leute kamen immer, um genau das zu sehen – und dann hat es sie so erschreckt, dass sie zu Amys Musik nie gefeiert haben. Sondern immer nur Hand in Hand mit Freund oder Freundin stehen blieben. Das war niemals Amys Ziel: Sie trank auf der Bühne oder lief auch mal hinter die Bühne, um mit dem Dackel-Face zu knutschen.

Zum zweiten Mal  habe ich Amy auf der Insel Santa Lucia getroffen, da hing sie ein paar Monate rum. Sie rannte jeden Tag mit irgendwelchen Kötern aus der Gegend am Strand herum, die Kinder liebten sie. Manchmal ritt sie mit einem Rasta-Reitlehrer ohne Sattel wie eine Irre am Strand entlang, oder man konnte sie neben britischen Touristen finden, beim Trinken. Oder einfach nur so. Eines Morgens habe ich Amy nach einem Foto gefragt. Ich sagte ihr, ich würde sie sehr bewundern, ich hätte gern ein Foto mit ihr. Peinlich, aber in dem Fall war es mit egal.

Amy war nicht gut drauf. Sie war gerade im Gespräch mit einem Briten, es war zehn Uhr morgens, und sie hatte schon ein Gläschen auf. Der Kellner sagte, er fülle ihre Gläser morgens nicht ganz so voll. Amy wollte mir zunächst eine reinhauen (ich sah schon das legendäre Foto mit blauem Auge vor mir), aber dann riss sie mir die Kamera aus der Hand und machte mit ihrem Tattoo-Arm ein super Foto von uns. Nachts ging ich noch mal zur Hotelbar am Strand. Amy kam gerade heraus, sie war die letzte, sie erkannte mich nicht mehr und fragte „What’s your name, darling?“. Sie fragte auch, ob sie mein Rolling-Stones-T-Shirt haben könne. Ich zog es aus, sie zog es an. Sie war wie ein Kind, dem man nichts abschlagen kann, weil es einen so schön anschaut.

Amy war nicht mehr auf dem Planeten E. Niemand konnte sie halten oder kontrollieren. Beim Santa Lucia Jazz Festival trat Amy ein paar Tage später auf, sie zog nach dem ersten Lied die weißen (!) Christian-Louboutin-Schuhe auf der Bühne aus, weil sie in ihnen nicht richtig stehen konnte. Sie tapste im blauen Minikleid über die Bühne, sie trällerte ein paar Hits, es regnete plötzlich schlimm, Stromausfall. Amy sah den Regen gar nicht. Eine der besten Nächte, ever. I love her.

Anne Philippi