Heute im Kino



Nick Cave und Warren Ellis: „Keine Furcht vor dem Ende“


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Als im Frühjahr 2021 Nick Cave und Warren Ellis damit begannen, ihre neue Tour vorzubereiten, bei der sie sowohl das Bad Seeds-Album „Ghosteen“ als auch ihre gemeinsame Arbeit als Duo, „Carnage“, auf die Bühne bringen wollten, luden sie dazu einen langjährigen Freund und Wegbegleiter ein. Der australische Regisseur Andrew Dominik sah mit seiner Kamera zu, wie die beiden ihre Songs mit Hilfe von Sänger*innen, einem Streichquartett sowie einem Besuch von Marianne Faithfull zu neuem Leben erweckten – und zeichnete dabei auch das spannende Bild einer außergewöhnlichen künstlerischen Freundschaft. Am 11. Mai ist der erstaunlich emotionale Dokumentarfilm „This Much I Know To Be True“ heute für einen Tag in den deutschen Kinos zu sehen. Wir sprachen aus diesem Anlass mit Ellis in einem Videointerview.

Mr. Ellis, Sie und Nick Cave hatten bereits bei dem Dokumentarfilm „One More Time With Feeling“ mit dem Regisseur Andrew Dominik zusammengearbeitet. Was war dieses Mal bei „This Much I Know to Be True” anders?

Der entscheidende Unterschied, das muss man so direkt sagen, war natürlich, dass „One More Time With Feeling“ nach dem Tod von Nicks Sohn, der entstand und echte Trauerarbeit (Caves Sohn Arthur starb 2015 im Alter von 15 Jahren, in der vergangenen Woche gab Cave bekannt, dass sein Sohn Jethro gestorben ist). Da ging es ganz konkret darum, wie Nick dieses Ereignis zu verarbeiten versucht – und wir alle waren Teil dieses eigentlich unglaublich privaten Prozesses, der plötzlich gefilmt wurde. Wenn ich den Film heute sehe, staune ich immer noch, wie roh und unvermittelt Andrew das alles eingefangen hat. Auch dieses Mal könnte man sagen, dass ein Trauma den Kern des Films ausmacht. Nur eben ein globales.

Sie meinen die Corona-Pandemie?

Genau, denn im Grunde ist das ja ein Lockdown-Film, der uns dabei begleitet, wie wir uns im Frühjahr 2021 darauf vorbereiten, endlich wieder auf Tour gehen zu können. Die Produktionsbedingungen waren dieses Mal vollkommen andere, denn wir mussten uns natürlich ständig testen, Abstand halten und all diese Dinge, um die man sich sonst nie Gedanken gemacht hätte. Aber auch die Stimmung war natürlich eine ganz andere als bei „One More Time With Feeling“. Damals befanden wir uns noch in einem Nebel und wussten nicht, wie das Leben überhaupt weitergehen kann. Dieses Mal schwangen Aufbruch und Neuanfang schon konkret mit.

Die Pandemie und ihre Konsequenzen werden im Film ganz konkret spürbar durch den Gastauftritt von Marianne Faithfull, die damals gerade eine schwere Covid-Erkrankung hinter sich hatte…

Oh ja, Marianne hatte damals richtig zu kämpfen. Aber gleichzeitig war sie nicht nur ganz sie selbst, sondern eigentlich noch mehr Marianne als sonst. Ich finde den Moment im Film großartig, in dem sie sich geradezu widerborstig gibt. Überhaupt ist für mich ihr Besuch bei uns eine Art Schlüsselmoment in „This Much I Know to Be True“, gerade weil Freundschaft und künstlerische Schaffensprozesse das Thema des Films sind. Unsere Beziehung zu Marianne reicht weit zurück, und während des ersten Lockdowns hatte ich ein Album mit ihr aufgekommen, an dem auch Nick mitwirkte. Zu sehen, wie sie nun, nach allem, was sie durchgemacht hatte, immer noch Herrin ihrer Lage war und eine Situation kontrollieren konnte, fand ich ebenso beeindruckend wie ermutigend.

Um mal auf Nick Cave zu sprechen zu kommen: erinnern Sie sich eigentlich noch daran, wie Sie beide sich das erste Mal begegnet sind? Und wie schnell war Ihnen damals klar, dass daraus eine ganz besondere Beziehung wird?

Solche Dinge man sich doch erst im Nachhinein bewusst, oder? Zumindest ist das bei mir der Fall. Das erste Mal begegnet bin ich Nick jedenfalls in den 80er-Jahren, doch damals sprachen wir nicht wirklich miteinander. Erst als uns Mitte der 90-Jahre ein gemeinsamer Freund zum Essen einlud, lernten wir uns wirklich kennen. Nick lud mich dann ins Studio ein, was für mich gleichermaßen aufregend und respekteinflößend war, weil ich schon lange großer Fan sowohl von The Birthday Party als auch von den Bad Seeds war – und selbst mit meiner Band Dirty Three erst seit ein paar Jahren aktiv war. Nick fragte dann, ob wir nicht als Vorband mit auf Tour nach Griechenland und Israel kommen wollten. So nahm alles seinen Lauf.

Was macht Sie denn aber zu einem musikalischen Traumpaar, um es mal so auszudrücken?

Ich weiß nur, dass während der Arbeit am Soundtrack zu (John Hillcoats Outback-Western) „The Proposition“ irgendwie klar wurde, wie gut wir als kreatives Team funktionieren. Damals wurde mir bewusst, dass unsere künstlerischen Arbeitsprozesse auf eine Art und Weise zusammenpassen, dank der sich viele neue, spannende Wege einschlagen lassen. Aber das war nichts, was Nick und ich je wirklich artikuliert hätten, sondern passierte unausgesprochen. Wenn eine Zusammenarbeit funktioniert und man gegenseitig die Kreativität befeuert, gibt es für mich keinen Grund, das zu hinterfragen oder zu analysieren. Deswegen kann ich Ihnen das auch gar nicht ausformulieren, was die Chemie zwischen Nick und mir ausmacht. Ich hoffe nur, dass wir es rechtzeitig merken, sollte sie eines Tages nicht mehr stimmen.

Davon kann doch aber nun wirklich keine Rede sein, oder?

Nein, weit gefehlt. Nach unserem Bad Seeds-Album „Ghosteen“ dachte ich kurz, dass das vielleicht unsere letzte Zusammenarbeit war. Einfach weil ich in meinem Kopf immer die Vorstellung hatte, dass ich eines Tages etwas wirklich Großartiges kreiere – und das dann das Ende ist. Jahrelang war das mein Antrieb: ein Meisterwerk zu schaffen und mich danach irgendwo zur Ruhe zu setzen und einen Fish & Chips-Laden aufzumachen. Und als Nick und ich uns nach den Aufnahmen erstmal „Ghosteen“ in Gänze anhörten, sahen wir uns an und spürten beide: Das ist es! Aber zu dem Zeitpunkt war längst vereinbart, dass direkt im Anschluss die Arbeit am Score zu Andrews neuem, in meinen Augen meisterlichen Film „Blonde“ ansteht. So ging es dann also doch einfach nahtlos weiter. Und danach nahmen Nick und ich unser gemeinsames Album „Carnage“ auf. Zu sehen, dass uns auch nach einem Ausnahmewerk wie „Ghosteen“ noch etwas gelingen kann, was richtig gut ist, beruhigte mich und nahm mir diese Furcht vor dem Ende. Ich glaube, solange wir beide weiter neugierig bleiben und uns gegenseitig anspornen und inspirieren, kann diese Zusammenarbeit noch eine Weile weitergehen. Und wenn nicht, dann ziehe ich irgendwann nach Sumatra, wo ich ein Stück Land gekauft habe, und füttere Affen mit Bananen.

Wo Sie gerade das Thema Filmmusik ansprechen: läuft Ihre Zusammenarbeit eigentlich immer gleich ab, egal ob es um einen Score oder um ein Bad Seeds-Album geht?

Die eigentliche Arbeit ist natürlich eine andere. Bei einem Score gibt es nun einmal keine Texte, die geschrieben werden müssen. Außerdem arbeitet man nun einmal mit und für die künstlerische Vision eines anderen. Da gibt es also klarere Parameter, in denen wir uns bewegen; die Inspiration ist bis zu einem gewissen Grad vorgegeben. Aber die Art und Weise, wie Nick und ich zusammenarbeiten und kommunizieren, wie wir nach den passenden Melodien und Akkorden suchen – das ist immer gleich. Ich zumindest gehe immer mit der gleichen Einstellung ins Studio, egal woran wir arbeiten.

 

Interview: Patrick Heidmann