Paolo Nutini: Frauentyp


von

Reden wir doch nicht lange herum. Paolo Nutini ist ein Frauentyp: lange Wimpern über großen braunen Augen, sinnliche Lippen und diese sorgfältig verwuschelte Frisur. Storm, die Modelagentur, bei der auch Kate Moss unter Vertrag ist, hat längst angeklopft.

Nutinis Debüt „These Streets“ landete 2006 vermutlich auch wegen dieser Vorzüge des damals 22-Jährigen auf Platz 3 der UK-Charts. So jedenfalls erklären sich Männer in der Regel den Erfolg des Sängers. Doch der Schotte mit dem italienischen Namen hat nicht nur das Gesicht eines Models, er kann auch singen wie ein versoffener Baumwollpflücker aus Louisiana.

Sein neues Album „Sunny Side Up“ klingt wie ein Best-Of mit lauter Rock-, Soul-, Blues-, Folk- und Reggae-Klassikern. Nur dass Nutini alles selbst geschrieben hat. Wenn der Sänger vor einem sitzt, wirkt er wahnsinnig nett. Man fragt ihn nach „Ten Out Of Ten“, seiner hübschen neuen Reggae-Nummer, und Nutini hält einen kennerhaften Vortrag über Rocksteady, 2-Tone und Lee „Scratch“ Perry.

Der einzige Nachteil: Man versteht ihn so schlecht. „Wenn ich eine Ansage mache, geht immer ein Ruck durchs Publikum: Was zum Teufel sagt der da? Der Typ muss Schotte sein“, erzählt Nutini in einer Mischung aus charmanter Ironie und angebrachtem Mitleid. „These Streets“ wurde von unseren US-Kollegen noch als „Mädchen-Platte“ abgetan, doch auf „Sunny Side Up“ dominieren Songs wie das raubeinige „Worried Man“ oder die leise Hymne „Keep Rolling“.

Sie bemühen sich um Tiefe, Gesang und Arrangements sind geradezu perfekt. „Candy“ hat allerdings eine gewisse Nähe zu James Blunt, „Pencils Full Of Lead“ flüchtet ins Dixieland, während „Coming Up Easy“ wieder dezentes Southern-Soul-Flair verströmt. Vielleicht ist Paolo Nutini nicht nur ein Frauentyp, sondern auch ein Chamäleon?

Jürgen Ziemer