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Radiohead beim Lollapalooza in Berlin: Fulminante Arbeit am eigenen Mythos

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Radiohead beim Lollapalooza in Berlin: Fulminante Arbeit am eigenen Mythos

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Ed O’Brien wird’s schon richten! Radiohead-Kritiker, aber auch Fans machen seit Jahren Witze über den Rhythmusgitarristen, weil er durch die von Sänger Thom Yorke angetriebenen, wichtiger gewordenen Elektronik-Spielereien zur Nebenfigur zu werden droht. Wie unfair doch diese Unkenrufe sind. Bei der Live-Umsetzung des aktuellen Albums „A Moon Shaped Pool“ zeigt der eher dem Rock zugeneigte O’Brien, wie man dem teilweise monumental auftrumpfenden, teilweise Lagerfeuer-artigen Sound der Platte gerecht wird.

Ed O' Brien
Ed O’ Brien

Er ist ein besserer, vielschichtigerer Sänger als Yorke, und er allein ersetzt den Geister-Chor des London Contemporary Orchestras in „Decks Dark“, und er allein setzt – man hätte das vorher gar nicht glauben können – im Bossa Nova von „Present Tense“ mit seinen Handclaps die Akzente. Was für eine treffsichere Ökonomie. Die Gainsbourg-Streicher in „The Numbers“, auf dem Album eine Spur zu aufdringlich, sie vermitteln fast den Eindruck, Radiohead bedienen sich erstmals eines Fremd-Samples, federt er mit der Gitarre, Jonny Greenwood mit dem Keyboard ab. Ein Hoch auf Ed.

Die Bühne wird wichtiger als das Studio

Die Großartigkeit des Radiohead-Auftritts am Lollapalooza-Sonntag ist leichter zu erkennen, wenn man von der Band nicht immer erwarten will, dass sie das Rad neu erfindet. Neue Alben gibt es von ihnen nur noch zwei pro Jahrzehnt, das kann nicht ausreichen um (elektronische) Musikströmungen weiter zu entwickeln. Das Feld des so genannten, von Radiohead um die Jahrtausendwende mitgeprägten „Indietronic“ ist abgegrast; tatsächlich klingen die meisten neuen Stücke, was nichts Schlechtes ist, als hätte Thom Yorke sie zuhause an Akustikgitarre und Klavier entwickelt, und die Band dann im Studio ein Gerüst erstellt.

Day 2 Lollapalooza Berlin 2016

Viel aufregender als die Frage, ob Radiohead neue Stile in ihre Musik integrieren, ist mittlerweile die Frage, wie die Band ihre neuen und etablierten Lieder in Livefassungen weiter wachsen lässt. Anders als bei ihren zwei letzten Platten, „In Rainbows“ (2007) und „The King Of Limbs“ (2011) brachten sie zu „A Moon Shaped Pool“ keine begleitenden „Live From The Basement“-Alben raus, die die Potentiale der Studiosongs weiter ausloteten, so dass man sich während der Tour etwa auf Krautrock, wie in „Bloom“ freuen konnte.

Das ältere „Everything In It’s Right Place“ erhält einen neuen Moog-Sound und geht in „Idiotheque“ über; das neue „Ful Stop“ prescht noch schneller voran als auf Platte, wirkt wie ein Hochgeschwindigkeitszug; die zwei Drums in „Lotus Flower“ sind technisch gesehen nicht notwendig, verleihen aber jedem Song nun mal mehr Power; und wie „Reckoner“ muss ein Song klingen, wenn Gott seine Energie direkt in eine Band fließen lässt – allein schon der Anfang ist wie eine Messe: zwei Schellenkränze, zwei Schlagzeuge, eine Rassel. Yorke singt, als alle Instrumente aussetzen und der Moment ganz seiner ist, die wunderschöne Zeile: „Because we separate / like ripples on a blank shore / in rainbows / in rainbows“.

Radiohead auf der Bühne zu sehen, ist, auch wenn es abgedroschen klingt, wie Musiker bei der Arbeit zuzusehen. Dafür sorgt auch ihr Kamerateam. Es bildet weniger Gesichter ab als Hände auf Saiten und Füße an den Bassdrums, gespannte Sehnen und viele Finger. Echte Arbeitsnachweise. Der in sechs Teile zerlegte Großbildschirm zeigt die Sechs einzeln, und die Kamera ruht auch dann auf einer Hand, wenn sie mal nichts tut. Denn der wichtige Moment kommt bestimmt.

Day 2 Lollapalooza Berlin 2016

Etwas hart ist die Entscheidung der Band, die Sets ihrer aktuellen Tournee mit mindestens fünf neuen Stücken zu beginnen, und zwar in der alphabetischen Reihenfolge wie auf Platte. Das bedeutet, nach dem Midtempo-Opener von „Burn The Witch“, vier langsame Songs in Folge. Nicht jeder Festival-Headliner könnte sich das erlauben, bei Radiohead kommen die Hits dann ab dem zweiten Drittel.

„No Surprises“ (das eine – wirklich, sie sind es wieder: spanische Touristengruppe im Publikum als „All Apologies“ bejubelt), „2+2 = 5“,„Street Spirit (Fade Out)“, sowie das in 20 Jahren selten gespielte, aber bei dieser Tour etwas häufiger gebrachte „Let Down“. Für „Ok Computer“-Fans die Perle schlechthin. Hier zeigt sich der Nachteil eines riesigen Open Airs: Wer weiter hinten steht, hört dabei mehr Leute miteinander quatschen als vor Freude ausrasten.

“Creep” in gleißendem Licht

„What Can I Say? There Is Nothing To Say“, sagte Thom Yorke vor dem Radiohead-Gig vor Journalisten, am 11. September, in einer richtigen Entscheidung. Es war der 11. September – also 2001, als die Terroranschläge die Welt erschütterten, und die Band, so wie jetzt wieder gleichen Datums, in Berlin auftrat.

Verweise auf das traurige Jubiläum sparen sich Radiohead, stattdessen gibt es als letzte Zugaben zwei Stücke, die nicht nur das heutige Hit-Set komplettieren, sondern die Kraft der Rockmusik feiern. „Karma Police“ und davor jenes Lied, das der Band über Jahrzehnte wie ein Klotz am Bein hing, weil es so erfolgreich und untypisch für sie werden würde: „Creep“.

Der Song mit seiner Grunge-typischen Leise-Laut-Struktur, das letzte Mal davor in Berlin 1997 gespielt, könnte gerade dann peinlich sein, wenn die Band ihn mit Ironie aufführt. Aber Radiohead wissen, dass sie der Single ihre Karriere verdanken, auch, weil es zum Antrieb wurde, sich immer weiter von ihr weg zu entwickeln.

Den dramatischen „Run“-Part des Songs unterlegt die Lichtregie mit gleißendem weißen Licht, die Musikfarbe der Schonungslosigkeit, wie U2 es nicht anders in Auftrag hätten geben können. Konsequent und ehrlich.

Thom Yorke kündigt „Creep“ ja mit einem der lustigsten wie präzisesten Sätze an, den man bisher auf der Bühne von ihm hören durfte: „I Know It, You Know It, They Know It“. Das Ding steht halt für sich.

Sebastian Reuter Redferns
Sebastian Reuter Redferns
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