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Radiohead – „The King Of Limbs“. (K)eine Rezension


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Radiohead haben uns mal wieder gefoppt. Sagen mal eben, dass die neue Platte kommt. In einer Woche. Für alle. Selbst das Label erfuhr erst am Morgen der Bekanntgabe von seinem Glück, am 25. März den physischen Release von „The King Of Limbs“ zu besorgen. Bis dahin hat wohl jeder amtliche Radiohead-Fan und jeder der mitreden will, seine fairen 7,99 Euro für den Download der acht Songs gezahlt – ohne Umwege straight auf das Konto der Band. Man kann ebenso davon ausgehen, dass die Fanfraktion später noch die schicke Deluxe-Newspaper-Edition kaufen wird – und da diese erst Mitte Mai verschifft wird, holt sich der ein oder andere vielleicht noch zur Überbrückung die reguläre CD. Ihr letzter Coup: Der Download wurde dann nicht wie angekündigt am Samstag freigeschaltet, sondern am Freitag, vielleicht, um noch die ein oder andere Musikredaktion in Aufregung zu versetzen. Auch im Mehringdamm machte sich diese bemerkbar: Leitende Marketing-Angestellte fragten aufgeregt in die Runde, ob wir das Album schon hätten, und „was wir dazu machen“. O-Ton: „Egal, wie es aussieht. Es muss JETZT passieren.“ Und als Online-Redakteur saß man dort, hörte nicht minder aufgeregt die neuen Songs, die man sich gerade heruntergeladen hatte wie jeder andere auch, und fragte sich – „So what?! Was soll ich jetzt auf Knopfdruck dazu sagen?“

Dass „Bloom“ einer der nervigsten Opener ist, die ich seit langem gehört habe?
Dass das nachfolgende „Morning Mr Magpie“ ein hypnotisches Meisterwerk ist (Einschätzung nach zweimaligem Hören)?
Dass Yorkes herrlich kratziger Gesang in dem Song, und vor allem die Textzeile „You got some nerve coming here“, die Chuzpe ihres Coups ganz wunderbar treffen?
Dass „Codex“ sich anfühlt, als würde man mit Kopfhörern durch ein Korallenriff tauchen?
Dass es fast ein wenig schmerzt, wie wenig man die Band raushört und wie sehr Yorkes Soloschaffen?
Dass der Typ, der in Songs wie „Little By Little“ und „Feral“ die vertrackten Rhythmen zimmert, unmöglich derselbe Philip James Selway sein kann, der im vergangenen Jahr mit „Familial“ ein ebenso wunderbares wie konservatives Songwriter-Pop-Album veröffentlichte?

Klar, es wäre sicherlich der ein oder andere treffende Satz dabei gewesen. Vielleicht bzw. bestimmt hätte es auch gereicht, sich ein Feuilleton-gerechtes Fazit aus den Fingern zu saugen. Vielleicht hätte sogar der ein oder andere dieses hier unterschrieben: „Ein weiterer Klassiker: einer, der die straighten Electronica von ‚Pablo Honey‘ mit hymnenartigem Britpopnummern von ‚Kid A‘ und komplexem Prog-Rock von ‚The Bends‘ verheiratet. Eine radikale Neuerfindung, die zeitlose Trägheit mit postmoderner Finsternis im Tempel elektronischer Tragweite fusioniert.“ Klingt doch super, oder? Ist aber leider kompletter, wenn auch amüsanter Bullshit der deutschen Vice, die schon am vergangenen Mittwoch das erste Review von „King Of Limbs“ postete. Ein fiktives Track by Track mit Titeln wie „Creep II“, „Rape Alarm“ und „Calls Will Cost £1 Plus Standard Rate. Calls From Mobiles May Be Considerably More“.

Und hier sind wir bei dem Nebeneffekt der Radiohead’schen Veröffentlichungspolitik, der nicht zu verachten ist: Radiohead haben mit diesem Wege den sonst oft so komfortablen Zeitvorsprung der Musikkritik ausgehebelt. Die Downloads wurden für alle gleichzeitig freigeschaltet, es gab keine Vorabbemusterung, nichts. Und: Sie haben damit ganz nebenbei gezeigt, in welchem Tempo die Musikkritik manchmal ihre Rezensionen raushaut. In einem Tempo nämlich, das kaum eine ausführliche Rezeption zulässt. So fragt man sich dann doch, wie die ehrwürdige BBC schon am frühen Freitagnachmittag ein Review gezimmert haben kann, das zu dem Schluss kommt: „But that’s the beauty of Radiohead – they’ve never, certainly not since the breakthrough days of Creep, been a band for the people. They’re too idiosyncratic for that, and even though there are moments aplenty here that suggest the band hasn’t furthered their vision, subtle differences to a tested formula ensure The King of Limbs is another great album from Britain’s most consistently brilliant band.“ Hui, das klingt gut. Und ging schnell!

Die amerikanischen Kollegen lösten dieses Dilemma mit einem Track-by-Track-Rundgang, in dem es zum Beispiel über das von mir so geschätzte „Morning Mr. Magpie“ heißt, der Song sei: „Clattering, hyperactive, pencil-neck funk with a spare guitar melody. ‚You stole it all/Give it back,‘ Yorke intones slowly. What a groove: with or without electronic intermediaries, Phil Selway is one of rock’s great drummers.“ Das ist schön gesagt, aber dürfte auch nur für jene interessant sein, die sich den Download noch nicht gegönnt haben – und es bevormundet auf der anderen Seite jeden Radiohead-Fan, der sich das so oder so ähnlich auch selbst denken möchte.

Das deutsche Äquivalent dazu gibt es einen Tag später bei laut.de, die zwar Kritik drüberschreiben, damit es sich unter „Radiohead King Of Limbs Kritik“ gut googeln lässt, dann aber im Text eingestehen, dass der Text eher eine Mitschrift ist. Ein sehr wahrer Leserkommentar: „Einen Tag nach der Veröffentlichung eines Radiohead-Albums es bewerten zu wollen, ist mutig. Daher ist es umso erfreulicher, dass das Review wirklich gut geworden ist.“ Das ist wohl der größte Leserzuspruch, den man dafür bekommen kann, was aber nichts daran ändert, dass auch diese Zeilen kaum als in die Google-Ewig- oder -Endlichkeit gebrannte Einschätzung des Albums herhalten können.

Die Büronachbarn vom Musikexpress behelfen sich derweil mit einem amüsanten Videointerview ihres hauseigenen Plattenmeisters Albert Koch, der gleich zugibt, das Album nur eineinhalb Mal gehört zu haben.

Es soll hier natürlich nicht darum gehen, die Kritikerkollegenschaft vorzuführen oder zu dissen. Aber Radiohead haben dieser Tage deutlich gemacht, dass man als Kritiker nicht vergessen sollte, dass Musikjournalismus Vertrauenssache ist und bleibt, und dass man sich gerade als etabliertes Musikmedium nicht zu einem voreiligen, geschwollen klingenden Fazit hinreißen lassen sollte.

Und natürlich darf man am Ende auch nicht vergessen, sich vor Radiohead zu verneigen. Vielleicht vor diesen acht Songs, aber vor allem darüber, dass sie es mal wieder geschafft haben, die Musik- und die Internet-Welt zumindest ein ganzes Wochenende in Ekstase zu versetzen. Selbst unsere Zunft, der man oft Übermüdung am Thema nachsagt – ausgelöst durch die permanente Überdosis an guter (und schlechter) Musik – wurde ganz fickerig, als die ersten MP3s eintrafen. Und man befasste sich auf Augenhöhe miteinander: Kein Wissensvorsprung, der einem bei diesen Songs weiterhalf, kein Kollege, der schon vorher ein Interview geführt hatte und dieses Wissen an der Kaffeemaschine zum besten gab. Keine Pre-Listenings, keine schussgesicherten Vorab-Watermark-Streams. Man trug diese Songs am Freitag in seinen Kopfhörern nach Hause, durch die Stadt, durch das Nachtleben und grübelte, wie jeder andere auch, was man davon nun halten sollte. Um dann am Ende – zumindest in meinem Fall – bei einer Handvoll Songs geradezu in Begeisterung zu geraten. Was bei insgesamt acht Songs ja schon mal eine verdammt gute Quote ist.

Natürlich wird es noch eine Rezension geben. Wie das bei uns immer so ist, werden Birgit Fuß und Arne Willander einen passenden Autor beauftragen, der seine Hausaufgaben machen wird. Er wird sich noch einmal aufmerksam durch Yorkes Soloalbum und das fintenreiche Oeuvre Radioheads hören, und sich dort vermutlich vor allem von „Kid A“ und „Amnesiac“ das Hirn verspulen lassen. Er wird nachforschen, ob man am Ende von „Codex“ wirklich einen Post-Dubstep-Einfluss heraushören kann. Er wird (hoffentlich) herausfinden, wo das Geräusch rauskam, das nach 40 Sekunden dem Song „Feral“ ins Rückgrat tritt – und was Thom Yorke im Clip zu „Lotus Flower“ in die Glieder gefahren ist. Er wird „The King Of Limbs“ zwischen oder in den Genre-Schubladen verorten und er wird das ganze am Ende mit einer Sternchen-Anzahl x versehen. Ganz wie man das von uns kennt. Wir sind also dran. Bis dahin hören wir die neue Radiohead und freuen uns und grübeln weiter… Wie jeder ander auch.


Radiohead und Thom Yorke: Bisher unveröffentlichte Musikvideos aufgetaucht

Nigel Godrich, der langjährige Produzent von Radiohead, hat Material der „From The Basement“-Session aus 2008 ausgegraben. Darin sieht man Thom Yorke anfangs allein in einem Raum Klavier spielen und singen. Das Video wurde am 14. April auf Radioheads offiziellem YouTube-Kanal veröffentlicht. Thom Yorke: „From The Basement“ Yorkes Performance beinhaltet frühe Versionen des „In Rainbows“-Songs „Videotape“ (2007) sowie die „Disk 2“-Stücke „Down Is the New Up“ und „Last Flowers“. Der Musiker spielte auch „Analyse“ von seinem Debüt-Soloalbum „The Eraser“ (2006). Radiohead: Mehr Material aus dem Archiv Um ihre Fans während der Coronavirus-Zeit zu unterhalten, kramte die Band schon im vergangenen Jahr…
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