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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress
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Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 16: :-) ALL

Man kann es kurz machen: In der 16. Stunde findet „Twin Peaks: The Return“ so langsam aus einem selbstgewählten künstlichen und künstlerischen Koma. Wenn all das, was in den letzten Episoden passiert ist, so etwas wie eine aufgeschlagene Wunde darstellen soll, welche die Zeit über die anschauliche, friedliche Welt von Twin Peaks (dem symbolisierten ursprünglichen Amerika) geschlagen hat, so werden nun nach einer nicht ganz unkomplizierten Operation die Fäden gezogen.

Audrey im Roadhouse

Fangen wir doch zur Abwechslung von hinten an – was ja auch für die Filme von David Lynch durchaus ratsam ist. Audrey Horne (Sherilyn Fenn) hat es mit Charlie (Clark Middleton) nach all dem Hin und Her in den letzten Folgen doch noch ins Roadhouse geschafft. Dort sehen wir Eddie Vedder, der seinen versprochenen „Twin Peaks“-Auftritt gibt und unter seinem Geburtsnamen Edward Louis Severson den neuen Song „Out Of Sand“ in einer berückenden, zartfühlenden und zugleich lamentierenden Version singt.

Kooperation

„Now it’s gone, gone/ And I am who I am/Who I was I will never be again/ Running out of sand“, singt Vedder – und den Zuschauern der neuen Season von „Twin Peaks“ ist natürlich schon in früheren Folgen sicher das Licht aufgegangen, dass die Live-Darbietungen nicht nur (häufig) hübsch anzusehen sind, sondern auch der Erzählung so manche Erklärungen zuliefern. Zuletzt wusste Audrey offenbar gar nicht, wer sie ist. „I’m not sure who I am“, raunte sie ihrem seltsam abweisenden Ehemann entgegen. Sie sagte ihm zudem ins Gesicht, dass sie ihn aus tiefster Seele hassen würde.

Doch im Roadhouse angekommen, erhält die Horne-Tochter die Chance, sich an all das zu erinnern, was sie einst geprägt hat, was sie auch uns Zuschauern so sympathisch machte. Audrey wird zum Tanz gebeten – zu ihrem Tanz. Tatsächlich hören und sehen wir erneut den legendären Tanz, den die Schauspielerin einst in der Serie mit autistischer Präzision aufführte. Ein verträumtes Hin- und Herschwenken, aus dem sich alles herauslesen ließ, was Audrey als Figur auszeichnete. Nach „Just You“ also eine weitere Soundtrack-Nummer, die ihren Neuaufguss in der Bang Bang Bar erhält.

Doch anders als in Episode zwei der ersten Staffel, als Audrey ihren Tanz im RR Diner spontan hinlegte, hat er nun nicht einmal mehr ansatzweise das Unbeschwerte der Vergangenheit. Das ist traurig, hat aber vielleicht auch seinen Grund. Als plötzlich eine Schlägerei ausbricht (in der Bang Bang Bar scheinen wohl nur die verschlagensten Gestalten der wöchentlich aufgeführten Indie-Musik zu lauschen), bittet sie Charlie, sie sofort herauszubringen. Und als sie die Tür verlassen, findet sich Audrey in einem weißen Raum wieder – dazu ein wirres elektronisches Fiepen.

Dieser Cliffhanger, mit der die spektakuläre Folge dann auch endet, öffnet Tür und Tor für einen neuen Blick auf die Serie. Natürlich könnte es zunächst der Hinweis sein, dass sich Audrey tatsächlich noch im Koma befindet und nun – da sie im Roadhouse angekommen ist – so langsam aus ihrem tiefen, unruhigen Traum erwacht („Dallas“?). Aber vielleicht ist es auch die erste Andeutung darauf, dass mit ihr im Koma auch die von allen narrativen Fesseln befreite Handlung nur ein Teil ihrer Traumwelt ist. Oder will uns David Lynch tatsächlich auf den ganz großen Meta-Trip bringen, in dem fiktionale Realität und mediale Anschauung (die Rückkehr nach Twin Peaks und die Rückkehr nach „Twin Peaks“) unerkenntlich miteinander verschwommen sind, sich nun aber wieder voneinander lösen?

Dougie Jones/Agent Dale Cooper im Krankenhaus

Dem möglichen Erwachen Audreys entspricht ein anderes Erwachen, dem Fans der Reihe nun zuweilen schon nervös seit vielen Folgen entgegenfiebern: Dougie Jones (Kyle MacLachlan) liegt nach seinem von „Sunset Boulevard“ ausgelösten Gabelgriff in die Steckdose im Koma im Krankenhaus. Nicht nur Janey-E (Naomi Watts) und Sonny Jim (Pierce Gagnon) sorgen sich rührend um sein Wohl, sondern auch die Mitchum-Brüder. Sie versorgen ihn mit allerlei Fingerfood-Köstlichkeiten und erledigen, immer noch auf rührende Art dankbar für Dougies Einsatz in der Vergangenheit, den Einkauf für die Familie. Das hat ungeahnte Folgen für das Killer-Pärchen, das bereits vor dem Haus der Jones‘ wartet, um Dougie auszuschalten. Aber dazu später mehr.

In Krankenhauszimmer erscheint der Einarmige (Al Strobel) und meldet sich aus dem Red Room. In diesem Moment erwacht Agent Dale Cooper und sein wacher Gesichtsausdruck verrät uns, dass er vollständig genesen und in seiner ganzen Tatkraft wieder zurück ist. Er erhält den geheimnisumwobenen Eulenring und trägt dem Einarmigen auf, einen weiteren Doppelgänger zu erschaffen. Dazu gibt er eine jener Perlen weiter, deren Existenz bisher noch ungeklärt sind. Schließlich wird der ganz ohne Koffein wachgeschüttelte Cooper von seiner neuen Familie und von Bushnell (Don Murray) überrascht. Alle sind erstaunt, aber werden von Coopers Eloquenz sofort zum Schweigen gebracht. Dazu gibt es dann noch das „Twin Peaks“-Theme von Angelo Badalamenti. Und das glücklicherweise mal nicht in der Kurzversion wie im Vorspann. Als er erfährt, dass das FBI nach ihm sucht, gibt Cooper den sicher bald auf T-Shirts gedruckten Spruch zurück: „I am the FBI“. Noch irgendwelche Fragen? Cooper verabschiedet sich in einer anrührenden Sequenz von seinen Lieben und verlangt von den Mitchum-Brüdern (James Belushi, Robert Knepper) nach Twin Peaks gebracht zu werden. Der Showdown rückt also näher.

Die Hutchens vor Dougies Haus

Zwischenzeitlich müssen aber erst einmal die Eheleute Chantal (Jennifer Jason Leigh) und Gary Hutchens (Tim Roth) in einer makaberen, sehr komischen Sequenz das Zeitliche segnen. In Erwartung Dougies zeigen sie sich erst irritiert darüber, ewig warten zu müssen (Chantal gehen bereits die Knabbersachen aus, was sie äußerst unleidlich macht) und dann auch noch das FBI und die rosa Girlies der Mitchum-Brüder vorzufinden. Schließlich parkt ein polnischer Buchhalter vor ihrem Van und beschwert sich, dass sie in seiner Auffahrt warten würden. Was folgt ist ein Gewitter der zufällig sich entladenden, obskuren Gewalt, das man in der Form bereits auch schon in z.B. „Mulholland Drive“ gesehen hat. Man erinnere sich an die Szene des Kopfgeldjägers im Büro, der erst einen Mann hinrichtet, um dann festzustellen, dass die Kugel durch die Wand geschlagen ist und eine ziemlich zickige kubanische Putzfrau getroffen hat.

Schließlich rammt der Pole mit seinem im Grunde mickrigen Gefährt den Laster des Killer-Pärchens und reagiert auf die Waffengewalt der beiden seinerseits mit einer Maschinenpistole. Zwei Probleme weniger. Lynchs Umgang mit seinen prominenten Gaststars irritiert allerdings dann doch, oder haben Tim Roth und Jennifer Jason Leigh der Handlung irgendwie ihren Stempel aufgedrückt? Ihre vernuschelten Wortduelle waren durchaus komisch, aber nie so recht greifbar.

Mr. C. und Richard Horne irgendwo in Twin Peaks (?)

Nicht gerade zimperlich geht auch der böse Cooper (Kyle MacLachlan) mit seinem Begleiter, Richard Horne (Eamon Farren), um. Während die 16. Episode erneut mit jenem für Lynch längst zum Standard gewordenen Lichtkegelspiel beginnt, das ein Gefährt durch die dunkle Einöde amerikanischer Highways und Straßenpfade treibt (zur bisher eindringlichsten Soundcollage der neuen Staffel: „Night Electricity Theme“ von Dean Hurley, zu finden auf dem empfehlenswerten „Twin Peaks“-Soundtrack-Ableger „Anthology Resource Vol. 1“), findet Mr. C. den Ort, den er nach seinen von drei verschiedenen Stellen erhaltenen Koordinaten gesucht hat.

Es handelt sich um einen massiven Stein, der nicht weit von Twin Peaks zu finden sein muss – jedenfalls findet sich in der Nähe Jerry Horne (David Patrick Kelly), den wir an anderer Stelle ja schon durch den Wald trollen sahen, wie er das Geschehen mit einem Fernglas etwas ungeschickt beobachtet. Nur noch einmal klarer wird mit all dem Koordinatengewirr, dass es sich bei „Twin Peaks: The Return“ wie bei allen Filmen Lynchs aus den letzten Jahrzehnten um eine labyrinthische Erzählung handelt, ein geflochtenes Band, das keinen Anfang und kein Ende kennt, nicht einmal einen Ort, an dem sich etwas Orientierung festmachen ließe. Das war bisher im Lynch-Universum Twin Peaks, eine feststehende, unverrückbare Lokalität. Doch existiert dieses Twin Peaks so, wie wir es bisher kannten, überhaupt?

Cooper schickt Richard vor, um den Stein näher zu begutachten. Aus welchem Grund auch immer ist der Widerspenstige nun vollkommen stumm und macht, was man ihm sagt. Ein Fehler, denn als er genau an der Stelle ankommt, die die Koordinaten vorsehen, erfasst ihn ein heftiger Blitz. „Goodbye, my son“, ruft ihm Mr. C. noch hinterher – und wir wissen nun, dass Richard tatsächlich der sehr wahrscheinlich nach einer Vergewaltigung gezeugte Nachwuchs des bösen Coopers und Audrey Hornes ist. Was für eine schreckliche Pointe sich Lynch hier ausgedacht hat! Aber was war noch einmal mit Diane (Laura Dern) und der Vergewaltigung?

Diane im Red Room

Bevor Mr. C. den Ort des Schreckens zufrieden verlässt, um Twin Peaks näher zu kommen , schreibt er noch Diane eine SMS: „:-) ALL“. Ein Zeichen, dass alle Widersacher auf dem Weg zum Ziel erledigt sind? Die Botschaft löst bei der ehemaligen Assistentin von Agent Dale Cooper nahezu einen Nervenanfall aus. Hat BOB, hat das Böse, die Macht über sie gewonnen? Ist Diane in Wirklichkeit gar nicht Diane, sondern die böse Diane (die Perücke könnte ein Hinweis sein)? Mit Waffe in der Handtasche macht sie sich stillschweigend und trotzdem zitternd auf den Weg zu dem Zimmer, indem FBI-Vize Gordon Cole (David Lynch), Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) und Tamara Preston (Chrysta Belle) seit einigen Folgen auf neue Eingebungen warten.

Diane erzählt davon, dass sie einst von Mr. C. zur bereits bekannten Tankstelle irgendwo im Nirgendwo verschleppt und vergewaltigt wurde. Dort wäre tatsächlich eine Doppelgängerin von ihr erschaffen worden (ist die echte Diane also etwa Janey-E?). Außerdem erzählt sie etwas vom Sheriff, bei dem sich Naidoo (Nae) befinden soll. Doch dann zückt die unflätige Blondine mit dem Hang, etwas zu viel zu rauchen und zu trinken, ihren Revolver, wird aber von Albert und Tamara überwältigt, die ihre Waffe schneller ziehen. Diane, schwer getroffen, verschwindet vor ihren Augen und landet im Red Room. Dort beleidigt sie erst einmal den Einarmigen („Fuck You!“), bevor ihr Gesicht zerbricht und eine weitere goldene Perle hervortritt. Ein schöner, bizarrer Effekt, der noch einmal auf Lynchs distortion photos und seine großen surrealistischen Vorbilder (u.a. natürlich René Magritte) verweist.

Noch eine Woche, noch zwei Folgen – und „Twin Peaks: The Return“ ist abgeschlossen. Die 16. Folge gebärdete sich als eine der kohärentesten und verfolgte zielgenau nur wenige Handlungsstränge. Doch einige Fragen, die sich bisher gar nicht gestellt hatten, kamen dann doch recht unvermittelt hineingeplatzt. Gibt es in Twin Peaks tatsächlich ein unerwartetes Wiedersehen zwischen gleich mehreren Doppelgängern? Ist Audrey Horne der Schlüssel zu all dem, was in den letzten Folgen passiert ist? Was ist eigentlich mit Sarah Palmer? Werden wir erfahren, ob Naidoo die verschwundene Judy ist? Und spielt am Ende vielleicht doch noch Laura Palmer eine entscheidende Rolle? Schließlich taucht sie zuverlässig im (übrigens reichlich unoriginellen) Vorspann auf.

Nächste Woche gibt es die Auflösung – außerdem wählt ROLLING STONE die besten Szenen der Serie.

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