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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress
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Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 15: I’ve been loving you too long

Eine Teekanne!?!

Der böse Cooper (Kyle MacLachlan) ist mitten in der Nacht unterwegs zur Tankstelle, die bereits in Folge acht so intensiv bebildert wurde und anscheinend außerhalb von Zeit und Ort existiert. Jedenfalls verschwindet sie später wieder unter magischem Lynch-Gedonner und -Geblitz. Eine Treppe über dem Gebäude findet sich jener Raum, der Zuschauern aus „Fire Walk With Me“ natürlich bekannt vorkommt (Blumentapete!). Wir sehen endlich den erschreckenden Jumping Man (Carlton Lee Russell) wieder, allerdings viel zu kurz. Mr. C. will allerdings eh nur zu Phillip Jeffries (David Bowie) und findet ihn auch. Doch nach Bowies Archivaufnahmen-Traum-Auftritt in der 14. Folge wird es nun noch verrückter: Der FBI-Agent erscheint in Form einer rauchenden Teekanne oder einer jener eigentümlichen Maschinen, die in „Der Elefantenmensch“ zu sehen sind.

Der böse Cooper fragt nach der geheimnisvollen Judy (jene Frau, von der Jeffries im Prequel-Film nicht reden wollte, die er aber – möglicherweise in der Black Lodge – getroffen haben will) und erhält in die Luft geschrieben einige Koordinaten. Führen sie nach Twin Peaks? David Bowie ist übrigens nicht zu hören. Es handelt sich bei der Synchronstimme um Nathan Frizzell, der allerdings den Südstaaten-Akzent des vom Musiker gespielten Charakters hervorragend nachahmt.

Während nun immer spannender wird, wer sich hinter „Judy“ verbirgt (eines der großen Rätsel, das „Twin Peaks“-Fans seit „Fire Walk With Me“ beschäftigt), kann man erneut über eine Anspielung an Lynchs eigenes fotografisch-künstlerisches Werk staunen. Die Vorliebe für Maschinen aus dem Vorindustriezeitalter bebilderte der Regisseur schon in „Eraserhead“, „Der Elefantenmensch“ und selbst in „Blue Velvet“.

Abreibung für Richard Horne

Vor der Tür der Tankstelle lauert Richard Horne (Eamon Farren) und stellt Mr. C. zur Rede. Keine gute Idee. Dachte man vielleicht noch, dass der Sohn von Audrey Horne vielleicht zugreifen könnte, so wird er von Cooper eines Besseren belehrt und erhält eine fürchterliche Abreibung verpasst. Schließlich nimmt der dunkle Mann ihn aber mit in seinem Van, nicht ohne zuvor seiner Vertrauensperson (Diane?) eine SMS geschrieben zu haben: „Las Vegas“.

The Drugs Really Work

Eine der rätselhaftesten Szenen der an rätselhaften Szenen nicht armen Episode 15: Steve (Caleb Landry Jones), der Ehemann von Becky (Amanda Seyfried), sitzt mit seiner Affäre Gersten (Alicia Witt) an einen Baum gelehnt im Wald von Twin Peaks. Beide faseln unverständliches Zeug („I have done it“; „You didn’t do anything“) und sind abwechselnd von Angst und Lust aufeinander gepackt. Steve spielt mehrfach mit einer Pistole herum, lädt sie – was Gersten offensichtlich sehr erschreckt. Sie versucht ihn mit Küssen abzulenken.

Doch bevor all das irgendeinen Sinn ergibt, erscheint ein Mann mit seinem Hund im Wald. Beide fühlen sich ertappt, Gersten rennt um den Baum herum. Doch dann hören wir einen Schuss. Hat sich Steve, der anscheinend vor etwas davonläuft, das Leben genommen? Später sehen wir, wie der Zeuge Carl Rodd (Harry Dean Stanton) von dem Ereignis erzählt. Bei dem Mann mit Hund handelt es sich übrigens um „Twin Peaks“-Co-Schöpfer Mark Frost, erneut in seiner Rolle als Cyril Pons.

Jetzt kommt die Superfaust

Als Freddie (Jake Wardle) in der vergangenen Folge seinem Arbeitskollegen, James Hurley (James Marshall), von seiner grünen Superfaust berichtete, ahnten wir ja schon, dass sie recht bald zum Einsatz kommen würde. Doch dass sie die beiden Sicherheitsmänner des Great Northern gleich hinter Gitter bringen würde, war wohl alles andere als voraussehbar. James scheint von seiner in Entdeckung im Hotelkeller nicht mehr viel wissen zu wollen, dafür treibt es ihn mit Freddie ins Roadhouse. Hier trifft er Renee (Jessica Szohr) wieder, die seinen Auftritt in der Bang Bang Bar zuletzt mit allerhand Tränchen begleitet hatte. Allerdings ist sie auch mit ihrem ziemlich übelgelaunten Typen unterwegs. Der stellt James nicht nur zur Rede, sondern prügelt auch gleich drauflos. Für Freddie ist der Moment gekommen, sein besonderes Accessoire einzusetzen. Während die gerade abgespielte Musik von ZZ Top jeweils bei seinen Schlägen elektronisch verfremdet wird, schlägt er Renees schlechtere Hälfte krankenhausreif. Schließlich landen die beiden ungleichen Männer im Twin-Peaks-Knast bei Naido (Nae) und dem immer noch vor sich hin blutenden Billy.

Dougie erwacht (na ja, fast)

Das Killerpärchen Hutch (Tim Roth) und Chantal (Jennifer Jason Leigh) schießt erst Mr. Todd (Patrick Fischler) ins Jenseits und will sich dann auf Dougie (Kyle MacLachlan) konzentrieren. Zuvor wird aber erst einmal ein McDonalds-Mahl im Van verputzt, während anschließend die Sterne beobachtet werden wollen. Dougie genießt derweil zuhause erneut die Zuwendung seiner in ihn vollkommen vernarrten Frau Janey-E (Naomi Watts) und ein schönes, saftiges Stück Schokoladenkuchen. War noch zu Beginn der neuen Season darüber spekuliert worden, warum in „Twin Peaks“ viel zu wenig geschmaust wird – inzwischen ist die Quote wieder voll erfüllt.

Als Dougie im Grunde aus Versehen den Fernseher einschaltet, läuft dort gerade „Sunset Boulevard“ von Billy Wilder. Einer der Lieblingsfilme von David Lynch (es gibt eigentlich kaum ein Interview, in dem er ihn nicht erwähnt) und die heimliche Grundlage für „Mulholland Drive“. In diesem Fall hören wir aus dem Film den Namen Gordon Cole, was uns Zuschauer daran erinnert, dass Lynch den Namen für seine von ihm gespielte „Twin Peaks“-Figur natürlich sehr bewusst gewählt hat. Dougie erinnert es aber auch an ein Leben vor der eigenen Apathie – und so kriecht er mit einer Gabel bewaffnet in Richtung Steckdose und steckt sie genau dort hinein. Licht. Blitz. Schwarzblende. Elektrizität ist alles in „Twin Peaks: The Return“.

„Who are you, Charlie?“

Was für Audrey Horne (Sherilyn Fenn) alles andere als klar ist, obwohl sie Charlie (Clark Middleton) eigentlich bereits als ihren Ehemann vorgestellt hat, ist auch für uns nicht deutlich. Die dritte Sequenz mit den beiden in der Serie bringt sie erneut nicht einen Meter voran. Immer noch wollen beide ins Roadhouse, weil Audrey Billy suchen will, doch sie kommen einfach nicht los, weil Audrey ihrem gehässigen und spitzfindigen Partner permanent Vorwürfe macht. Irgendwann zieht er sich den Mantel wieder aus, um zuhause zu bleiben, weswegen ihm Audrey an die Gurgel geht („Do you know how much I fucking hate you?“).

Eine der prominentesten Theorien der Die-Hard-Fans im Netz ist, dass es sich bei der gesamten Szene um eine Art Komatraum handeln könnte. Das würde insofern passen, als dass Audrey nach der Explosion in Twin Peaks vor 25 Jahren möglicherweise nicht mehr zu Bewusstsein gekommen ist. (Aber wie kam dann Richard in die Welt?) Ebenfalls ein Indiz dafür: In Träumen spielen oft Handlungsvorhaben eine Rolle, die nicht verwirklicht werden können und durch verschiedene Umstände verzögert werden (unbewusste Signale, die später in der Erinnerung weit bedeutender werden als der eigentliche Vorgang). Genau das ist in der Audrey-Szene der Fall, wenn es um den Wunsch geht, das Haus zu verlassen. Das Haus stünde dann für die Psyche der im Schlaf „gefangenen“, sich selbst nicht bewussten Audrey. Charlie könnte die flüsternde Stimme ihres Arztes sein. Alles nur eine verrückte Fantasie? Wir werden sehen.

Glück und Trauer

Die 15. Folge von „Twin Peaks: The Return“ wird als eine der eindringlichsten der Staffel in Erinnerung bleiben, weil eine ihrer wichtigsten Figuren – manche Fans sprechen sogar davon, dass sie die gute Seele der Reihe sei – aus dem Leben scheidet, und weil zwei weitere Charaktere, die eigentlich fürs ewige Unglück bestimmt schienen, endlich frei und von einem Lächeln gesäumt zueinander finden DÜRFEN.

Die Episode beginnt auch gleich mit diesem herzerwärmenden Moment, mit dem Lynch demonstriert, dass er seinen alten Helden doch mehr Entwicklung zugesteht, als bisher angenommen. Zeitweise erschienen die Bewohner des kleinen Städtchens ja nur wie gespensterähnliche Randfiguren, die auch 25 Jahre später noch betulich ihre Neurosen pflegen. Aber nachdem Nadine Hurley (Wendy Robie) von Dr. Amp (Russ Tamblyn) mit einer Schaufel bedacht worden ist und sie sich ganz sprichwörtlich die Scheiße aus dem Leben geschaufelt hat, pilgert sie mit ihrer ganz eigenen „Straight Story“ im Kopf viele Kilometer und mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zu Big Ed, um ihn endgültig für Norma (Peggy Lipton) freizugeben. Der Leidgeplagte will noch ängstlich nachfragen, wird aber sogleich von Nadine umarmt. Schließlich pustet er tief durch. Der Atem der Freiheit.

Zu den Klängen von Otis Reddings „I’ve been loving you too long“ betritt Ed das RR Diner und muss zunächst auf seine Angebetete warten. Die hat noch ein Gespräch mit Manager Walter (Grant Goodeve) vor sich. Aber es ist kein intimes, beide haben anscheinend nichts miteinander. Stattdessen weist Norma die Idee des Geschäftsmanns ab, aus ihrem Restaurant eine Kette zu machen. Unerträgliche Minuten verharrt Ed auf seinem Platz. Otis Redding singt sich die weidwunde Seele aus dem Körper. Aber dann spürt Ed die Hand von Norma auf seinen Schultern. Es ist die versöhnlichste, wärmste, romantischste Geste in „Twin Peaks: The Return“. Beide küssen sich und Ed macht seiner Geliebten einen Heiratsantrag. Was für eine Hoffnung gewährt uns die Serie: Selbst die größten Pechvögel, die unglücklichsten Verliebten, können noch auf Erlösung hoffen.

Viel Hoffnung bleibt indes der Log Lady, Margaret Lanterman (Catherine E. Coulson), nicht mehr. Im Gespräch mit Deputy Hawk (Michael Horse) weist sie mehrfach daraufhin, dass sie sterben muss. Nicht ohne noch einmal vor der Gefahr zu warnen, die auf Twin Peaks zukommen wird. Es ist erschreckend, die bereits todkranke Schauspielerin in ihrer ganzen Fragilität zu beobachten. Anscheinend schenkte sie Lynch, der Serie und uns Zuschauern die Szenen nur wenige Tage vor ihrem Tod. Stoisch empfängt Hawk ihren Abschied, sie sagt schwermütig „Good Bye“ und der Indianer antwortet: „Good night, Margaret!“ Schließlich weinen alle Mitglieder des Sheriff’s Department um die große Lady mit ihrem geheimnisvollen Holzscheit, von dem sie sagt: „My log is turning gold“. Ein letztes Rätsel.

Axolotl

Diese neue Staffel von „Twin Peaks“ kennt aber eben nicht nur die versöhnlichen Töne, mit denen dann doch die meisten Folgen vor allem der zweiten Staffel endeten. Stattdessen regiert das Unheimliche, die Tatsache, dass das Grauen sich wie aus dem Nichts auf die Auserwählten wirft, von denen diese Ausnahmeserie erzählt. Während in der Bang Bang Bar The Veills ihren Song „Axolotl“ (jenes fabelwesenähnliche Urviech mit den Selbstheilungskräften) spielen, sehen wir ein asiatisches Mädchen, das von einigen Trucker-Rüpeln von ihrem Sitzplatz verscheucht wird und – auf den kahlen Boden der Tanzfläche gesetzt – plötzlich irritiert zu kriechen beginnt. „Who needs The Devil when you’ve got The Lord?“ singt Frontmann Finn Andrews – und die Kleine kreischt, als würde der Schrecken ihr in die Brust gerammt.

Es sind noch drei Folgen, dann kommt diese atemlose, ganz in sich selbst ruhende, spektakuläre Serie zu ihrem Ende. Jede Wette, dass das Grauen nicht aus der Welt gejagt werden kann. Menschen können sich nicht selber heilen. Das kann nur ein Axolotl.


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