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Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 14: Andy Brennan, übernehmen Sie!

Das ist passiert

FBI-Agent Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) klärt Agentin Tamara Preston (Khrysta Belle) über die ersten Untersuchungen der „Blue Rose“-Gruppe auf und spricht von einer gewissen Lois Duffy, die von FBI-Vizedirektor Gordon Cole (David Lynch) und Agent Phillip Jeffries (David Bowie) samt ihrer geheimnisvollen (und bösen) Doppelgängerin geschnappt werden konnte.

Diane (Laura Dern) klärt die Agenten nach der Präsentation eines Beweisstücks darüber auf, dass sie die Schwester von Janey-E (Naomi Watts) ist, sie sie aber schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat.

Kooperation

Gordon Cole rückt anschließend mit einem weiteren (!) seiner „Monica Bellucci“-Träume raus, den er einst gehabt hat. Dort traf er die Schauspielerin (sie selbst) in einem Café. Ein Satz, den sie wie selbstverständlich von sich gibt („We are like the dreamer who dreams and then lives inside the dream. But who is the dreamer?“) erinnert ihn an ein Treffen mit Agent Jeffries, als dieser nach Jahren der Abstinenz plötzlich wieder auftauchte (gezeigt wird die Szene aus „Fire Walk With Me“). Später ruft er noch bei Sheriff Truman (Robert Forster) in Twin Peaks an, um sich über das gefundene Dokument aus Lara Palmers Tagebuch aufklären zu lassen (worin von zwei Coopers die Rede ist).

Sheriff Truman macht sich – nachdem der hinterhältige Deputy Chad Broxford (John Pirruccello) überwältigt wird – mit den Deputys Hawk (Michael Horse), Bobby Briggs (Dana Ashbrook) und Andy Brennan (Harry Goaz) auf den Weg in den Wald von Twin Peaks, um zum Jack Rabbit’s Palace zu gelangen, wo Bobby sich in seiner Jugend des Öfteren mit seinem Vater Garland aufhielt.

Mit dem Bewusstsein, dass um 2:53 Uhr hier erneut Geheimnisvolles passieren soll, entdecken die Gesetzeshüter eine nackte Frau ohne Augen (Nae). Außerdem öffnet sich ein Wirbel und zieht Deputy Andy an den unbekannten Ort, wo der Riese (Carel Struycken) residiert (zu sehen bereits in Folge 8; ist es die White Lodge?). Hier erfährt Andy, dass er gut auf die schutzlose Frau aufpassen soll und erkennt zugleich viele weitere Puzzleteile zur Lösung des großen Rätsels, darunter auch den Woodsman und jene Urkraft, die BOB schuf.

James Hurley (James Marshall), inzwischen Security-Mitglied des Great Northern Hotels, erfährt die Lebensgeschichte seines britischen Arbeitskollegen Freddy Sykes (Jake Wardle), der einen grünen Handschuh trägt. Angeblich soll dieser nach einem Besuch bei einem gewissen Feuerwehrmann entschieden haben, nach Twin Peaks zu kommen und für immer den mit ihm verwachsenen Handschuh mit Superkräften zu tragen. Im Keller des Hotels forscht James einem seltsamen Geräusch hinterher und macht eine Entdeckung.

Sarah Palmer (Grace Zabriskie) genehmigt sich derweil in einer Bar einen Drink und wird von einem ziemlich feisten Typen von der Seite angequatscht. Sie zeigt buchstäblich ihr zweites Gesicht und offenbart, dass in ihr anscheinend ein Dämon die Strippen zieht – und im Ernstfall zu allem bereit ist. In der Bang Bang Bar gibt es Musik von Lissie („Wild West“) und das Gespräch zweier Frauen, Sophie (Emily Stofle, seit 2009 die Ehefrau von David Lynch) und Megan (Shane Lynch), über Tina, die Mutter von Megan. Sie sah angeblich Billy zum letzten Mal, der wie eine Art Zombie im Gefängnis von Twin Peaks hockt und dort Deputy Chad mit Tiergeräuschen in den Wahnsinn treibt.

Nun wird es ernst…

Nach zwei zuletzt reichlich durchwachsenen Episoden mit allerhand Storydetails, die sich nicht wirklich zu einem großen Ganzen fügen wollten (Audrey! Billy!), biegt „Twin Peaks: The Return“ so langsam auf die Zielgerade ein. Da ist es natürlich die schönste Überraschung für Fans, dass David Lynch seinem Freund David Bowie eine ganz besondere Folge der neuen Staffel widmet. In einer Traumsequenz, die Agent Gordon Cole seinen Kollegen erzählt, taucht der Musiker tatsächlich in seiner bizarren Rolle als Agent Phillip Jeffries aus dem Kino-Prequel „Fire Walk With Me“ wieder auf.

Eine Traumszene, die übrigens an die Ästhetik einer von Lynchs Dior-Werbungen erinnert und Monica Bellucci einen verdienten Diven-Auftritt sichert. Inklusive der Erinnerung, dass es sich bei „Twin Peaks“ eben um eine geradezu mustergültige und auch im Wortsinn ganz konkrete Traumerzählung handelt, in der Symbole mitsamt Verschiebung und Verdichtung gelesen werden müssen. Da passt es nur, dass Monica Bellucci den Nonsens-Satz „We are like the dreamer who dreams and then lives inside the dream“ von sich gibt, denn der erinnert nicht nur Cole an Jeffries, sondern auch den Zuschauer von „Fire Walk With Me“ an den dort geäußerten Satz des Agenten: „We live inside a dream.“

Schauen Sie sich unbedingt diese Szene aus „Fire Walk With Me“ (noch einmal) an:

Ein wenig ist es so, als würde Lynch das Figurenarsenal und Erzähluniversum der Mystery-Serie als Textur für einen Traum verwenden, bei dem allerdings nie ganz klar wird, wer der Träumer ist. Natürlich sind es – wie in allen Lynch-Filmen – am Ende die Zuschauer, die nach unruhigen Träumen erwachen und erkennen müssen, dass sie durch das nächtliche Abenteuer verwandelt wurden. Ganz im Ernst: „Twin Peaks“ wagt etwas, das im Grunde keine andere Serie der Gegenwart wagen würde – denn die Serie funktioniert ganz durchgängig als Narrativ, das auf einer Traumlogik beruht. Lynch und Frost vertrauen darauf, dass die Zuschauer dieses ungeheure Spiel mitspielen.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm sprach einmal von Märchen, Mythen und Träumen als Universalsprache des menschlichen Bewusstseins. Darin zeigten sich anhand von durchaus immer wiederkehrenden Symbolen allgemeingültige Wahrheiten über das (kollektive) Unbewusste einer Gesellschaft. Möglicherweise ist „Twin Peaks: The Return“ auch das: eine meisterhafte Auseinandersetzung mit jenen archetypischen Bildern, die unser Leben zusammenhalten (guter Kaffee, die glückliche Familie, vertrauenswürdige Versicherungen, Gesetzeshüter, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind), hinter deren Selbstverständlichkeit nicht selten der Wahnsinn anklopft.

Alle Fragen bleiben offen

Die 14. Folge von „Twin Peaks: The Return“ steht ganz im Zeichen der Serienmythologie, es werden so viele Fährten gelegt, dass auch geübten Zuschauern der Reihe so langsam schwindlig werden könnte. Stellvertretend nur einige wenige Fragen, deren Lösung man bei entsprechender Zeit hinterherhecheln könnte:

Was hat es mit dem Strommast mit der Nummer 32481 auf sich? Warum befindet sich Billy anscheinend in Gewahrsam im Gefängnis von Twin Peaks und blutet wie ein Zombie aus dem Mund? Warum müssen Insassen in diesem Knast eigentlich immer Tiergeräusche von sich geben (wie einst schon Bobby Briggs, als er in der ersten Staffel in Gewahrsam genommen wurde und wie ein Hund bellte)? Wie liegen die Dinge zwischen Diane und Janey-E? Sind beide deshalb Schwestern, weil sie als Schauspielerinnen – Laura Dern und Naomi Watts – auf „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“ verweisen, die als Teil einer „Los-Angeles-Trilogie“ zusammen mit „Lost Highway“ ebenfalls auf den Traum als gemeinsame narrative Grundlage blicken? Ist der gute Cooper in den behäbigen Dougie gefahren?, weil uns Lynch eine buddhistische Lektion erteilen will? Ist das Mädchen ohne Augen (Naido) etwa Judy, die bisher unbekannte Schwester der verstorbenen Josie Packard (Joan Chen)? Ist sie recht eigentlich der Grund, warum der böse Cooper nach Twin Peaks kommen will – um sie schließlich zu töten (was anderen zuvor noch nicht gelang)? Welches Geheimnis befindet sich im Keller des Great Northern? Taucht gar Laura Palmer wieder auf? Ist die Elektrizität, mit der Lynch mit seinem Sound-Designer Dean Hurley auch auf der akustischen Ebene der neuen Folgen permanent spielt, der Schlüssel zum Geheimnis? Was hat es mit dem schwarzen Feuer auf sich? Ist Sarah Palmer das Mädchen, in das das Froschwesen geschlüpft ist und das deshalb zu eigenartigen Visionen (und zu noch manch Gruseligerem) fähig ist? Wird der Junge mit den grünen Handschuhen, dessen Schicksal angeblich in Twin Peaks liegt, zur Schlüsselfigur (wie zum Beispiel auf Reddit heftig diskutiert wird)? Und was ist denn nun mit Audrey?

Die Fragen nehmen kein Ende und werden im Zweifel sogar noch in den nächsten Folgen vergrößert. „Twin Peaks: The Return“ wird ganz sicher mit gleich mehreren Cliffhangern enden. Auch dies wird eine buddhistische Lektion: Fortsetzung ausgeschlossen.

Einige Antworten gibt es aber doch!

Ein wenig Klärung gibt es allerdings auch: So wissen wir nun, dass der Riese, wie er sich an dem geheimen Ort, den man als White Lodge verstehen kann, so etwas wie der Antagonist zum Woodsman ist, einem Schreckgespenst der Black Lodge. Er bezeichnet sich selbst als Feuerwehrmann. Später spricht ja auch Freddy Sykes von einem Feuerwehrmann, von dem er den grünen Handschuh hat. Wir haben gesehen, dass das Rancho-Rosa-Logo zu Beginn jeder Folge die Farbe ändert (dieses Mal war es, natürlich passend, Schwarz-Weiß). Lois Duffy, von der Albert Tammy erzählt, könnte ein Wegweiser zur Doppelgänger-Problematik legen, die in der gesamten Serie eine so große Bedeutung hat.

Tammy spricht nach der Geschichte über Lois, in der sich die eine von beiden in Luft auflöst, von einer „Tulpa“, einer Figur aus dem tibetanischen Mystizismus. Eine blaue Rose. Eine Person, die eigentlich gar nicht existiert. Manifestation von Gedanken, die durch reine Willenskraft entsteht. Kommt zu guter Letzt doch noch David Lynchs Hang zur Transzendentalen Meditation zum Tragen? Die buddhistische Dimension des „Twin Peaks“-Stoffs liegt allerdings auf der Hand und wurde mehrfach in der Serie auch thematisiert (man erinnere sich an Agent Dale Coopers tibetanisches Ritual in der zweiten Folge der ersten Staffel, in dem er versuchte, den Kreis der möglichen Mörder von Laura Palmer einzugrenzen).

Genießen!

Vielleicht sind es aber gar nicht all diese großen und kleinen Rätsel, die „Twin Peaks: The Return“ so sehr zum Vergnügen machen, zur besten Serien, die in diesem Jahr im Fernsehen zu sehen ist. Es sind viel mehr die von David Lynch und Mark Frost mit außergewöhnlicher inszenatorischer Präzision geschaffenen Räume für Worte, Geräusche, Gesten, visualisierte Gedanken, Reminiszenzen an Vergangenes (schauen Sie doch einmal „Augen ohne Gesicht“ von Georges Franju oder „The Piano Tuner of Earthquakes“ von den Quay-Brüdern; Sie werden über manche Parallelen staunen) und überhaupt das Vergnügen, auf etwas zurückzukommen, das vor 25 Jahren – nicht immer mit der wünschenswerten Sorgfalt – erschaffen wurde und nun eine gewaltige Metamorphose durchmacht. Auch hier darf der buddhistische Zug nicht fehlen, zeigt uns Lynch doch eine Welt, in die der Schrecken wie eine Atombombenexplosion gefahren ist und in der nicht einmal der Tod Erlösung bringt. Vielleicht aber chaplineske Komik. Es gibt eben keine Erkenntnis, nur Stufen des Humors.

Aber dem gegenüber steht die Faszination für das, was diese Figuren geworden sind. Oder was eben nicht. Verändert haben sie sich nämlich kaum (und genau das müsste der Zuschauer doch nach 25 Jahren erwarten). Im Gegenteil: Als Gordon Cole Lucy im Polizeihauptquartier in Twin Peaks anruft, beginnt sie sofort davon zu erzählen, was sie in den letzten Jahren getan hat, sogar von ihrem Urlaub erzählt sie. Und doch ist Lucy immer noch Lucy. Ein schüchternes, kitschiges Mädchen aus einer kleinen Stadt.

Es ist ein Vergnügen, die Schauspieler dabei zu beobachten, wie sie ihre einzigartigen Rollen, von denen Lynch erzählt, dass er auch in den vergangenen Jahren oft von ihnen geträumt hat, noch einmal zum Leben erwecken. Der Regisseur schenkt ihnen dabei viel Zeit zur Entfaltung – etwa wenn James Hurley die ziemlich einzigartige Geschichte seines Arbeitskumpans Freddy hört, und sich in seinem Geburtstagsgesicht unendliches Erstaunen über die unglaubliche Story einer so undefinierbaren Existenz abzeichnet.

Oder Deputy Andy Brennan, der nach seiner völlig unerwarteten Einweisung in die Sonderbarkeiten des Universums alles Selbstbewusstsein zusammensammelt, das ihm sein neurotisches, angsterfülltes Herz zur Verfügung stellt, und das Mädchen ohne Augen in Sicherheit bringt. Aber auch Diane, wie sie missmutig von ihrer Schwester erzählt (die, wie wir wissen, so völlig anders, so leichtherzig und von jener Düsternis befreit ist, die Coopers Assistentin umweht) und dabei mit ihrem fahlen Blick und ihrer verschlossenen Körperhaltung verrät, wie weit sie sich bereits von ihr entfernt hat.

Solche magischen Momente leben von der Selbstsicherheit, dass jede Szene eben nicht wie ein weiterer Baustein für eine trotz aller Komplexität dann doch zu einem linearen Ende hinstrebende Handlung funktionieren muss. Stattdessen geht es um reines Spiel und die Ahnung, dass sich hinter all den beunruhigenden, aber auch heiteren Eindrücken so etwas wie Erlösung finden lässt. Die kennen wir schon (verdammt guter Kaffee und Kirschkuchen). Aber Lynch geht es ja erkennbar darum, den langen Weg als Ziel zu markieren. Noch ist es vielleicht zu früh, das zu sagen, aber möglicherweise ist „Twin Peaks: The Return“ der philosophische Schlüssel zum Lebenswerk des letzten großen amerikanischen Surrealisten. Eine Rückkehr zu seinen Bildern, zu seiner größten Paradies- und Hölle-Schöpfung.

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