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Hail, Caesar! Regie: Ethan Coen, Joel Coen

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„Die Leute wollen keine Fakten, sie wollen an etwas glauben“, heißt es an einer Stelle im fantastischen neuen Film der Coen-Brüder, „Hail, Caesar!“. Wir befinden uns in den frühen Fünfzigern, wenige Jahre nach dem Holocaust, der Koreakrieg ist in vollem Gange, das paranoide Amerika ahnt an jeder Ecke kommunistische Spione, und die Leute, sie wollen keine Fakten, sie wollen an etwas glauben, und zwar in diesem Fall an Filmstars, an diese Götter einer gottlosen Zeit, an deren Perfektion, deren Schönheit und unschuldige Sexualität. Wenn auch alles andere in sich zusammenbricht, die Sterne leuchten hell am Firmament, und in Hollywood gab es schon immer, nach eigener Aussage, „more stars than there are in heaven“.

„Hail, Caesar!“ ist ein Film über die Fertigung dieser Stars, die Herstellung dieser Bilder, die Fabrikation dieser Träume; Hollywood als dream factory wird hier ganz wörtlich genommen: Wie am Fließband produziert das fiktive Studio Capitol Pictures monumentale Bibel-Epen, Westernfilme mit singenden Cowboys, Broadway-Adaptionen, Musicals, die seichter kaum sein könnten. In jeder Fabrik muss es einen Meister geben, der zwischen oben und unten vermittelt, der als Aufseher den Laden zusammenhält; bei Capitol Records ist das Eddie Mannix (Josh Brolin), ein fixer, der die kleinen und großen Katastrophen der Dreharbeiten behebt, kaschiert und vor der Klatschpresse geheim hält. „Hail, Caesar!“ begleitet Mannix einen Tag lang. Es ist ein langer Tag, er hat in letzter Zeit nur lange Tage, er hechtet von Filmset zu Filmset und rettet, was zu retten ist; er organisiert dem unehelich schwangeren Starlet (Scarlett Johansson) einen respektablen Ehemann, er beschwichtigt den britischen Highbrow-Regisseur (Ralph Fiennes) – Name: Laurence Laurentz! – der die Talentlosigkeit seines Hauptdarstellers nicht fassen kann; er verhandelt mit einer Gruppe Bösewichter, deren Hintergrund hier nicht verraten werden soll, um einen entführten Filmstar (George Clooney).

Hollywood, wie es so (natürlich) nie existiert hat

Die Coen-Brüder zeigen das Hollywood der frühen Fünfziger als Fabrik, ja, aber nicht als seelenlose Maschinerie. Die Zuneigung, die sie für diese Periode des amerikanischen Filmemachens empfinden, ist nicht zu übersehen; mit bemerkenswerter Sorgfalt und beeindruckendem Ideenreichtum errichten sie ein neues altes Hollywood, von Roger Deakins kongenial fotografiert, das es so natürlich nie gegeben hat. Denn ihr Film ist ja selbst ein Film, und alle Manierismen des alten Hollywood, die sie in den fiktiven Produktionen der Capitol Pictures so kenntnisreich parodieren, reproduzieren sie mit ihrem Film wiederum bewusst selbst. Der wunderbare dritte Akt von „Hail, Caesar!“, in dem sich in klassischer Coen-Art eine absurd-komische Situation zu einer irrwitzigen Klimax hochschaukelt, könnte selbst unter der Aufsicht eines Eddie Mannix entstanden sein. Nicht umsonst trägt der Film der Coen-Brüder denselben Titel wie eine Produktion von Capitol Pictures.

Das Studiosystem der frühen Fünfziger war natürlich eine Welt weißer Männer; Frauen arbeiteten als Sekretärinnen, manchmal schnitten sie – wie hier Frances McDormand – die Filme der Männer in lichtlosen Räumen; meistens machten sie zuhause das Essen. Einen einzigen Afroamerikaner sieht man in „Hail, Caesar!“, wie Kritiker Richard Brody anmerkt, einen Portier. Das ist selbstverständlich kein Problem des Films, sondern eines der Zeit, die er porträtiert. Bei aller Zuneigung für dieses untergegangene Hollywood zeigen die Coen-Brüder die diskriminierende Homogenität dieses Systems auf, und seine Angst vor dem Untergang. Am deutlichsten wird diese Existenzangst in der allgegenwärtigen Paranoia der Akteure, in ihrer Panik, die Wahrheit könnte ans Licht kommen. Denn das ist ja im Grunde der einzige Job des fixers Eddie Mannix: Aufzupassen, dass niemand die Wahrheit erfährt.

George Clooney ist wieder der Idiot

„Hail, Caesar!“ ist so reich an faszinierenden Figuren, dass man sich fast wünscht, der Film wäre nur die Pilotfolge einer Serie, um noch mehr Zeit in der Gesellschaft solch kurioser Charaktere verbringen zu können. Die Coen-Brüder haben George Clooney wieder einmal als Idioten besetzt, und wieder einmal brilliert er. Channing Tatum glänzt als steppender Segler in einer Szene, die an homoerotischen Untertönen kaum zu überbieten wäre (Homosexualität war in diesem Hollywood nämlich so alltäglich wie unsichtbar). Josh Brolin hat als Eddie Mannix die schwierige Aufgabe, der straight guy zu sein, der ernste, erdende Anker, der den Irrsinn dieser Welt zu klären versucht. Mannix zweifelt, an seiner Karriere, an seinem Weg, er hat ein schlechtes Gewissen, geht täglich in die Beichte. Er ist im Kern doch ein Suchender, und damit eine klassische Coen-Figur, die sich den klassischen, spirituellen Coen-Fragen nähert. Gibt es einen Gott? Vielleicht, der Film weiß es nicht sicher, er zweifelt. Was wir aber sicher wissen: Es gibt das Kino. Und da wollen wir keine Fakten, sondern: glauben.

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