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Kritik: Stephen King: „Später“ – die Geister, die er rief



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Die Rezension enthält Spoiler.

Stephen King ist selbstbewusst genug, seine Vorbilder zu benennen, gar, wenn sich seine Geschichte zunächst wie ein Plagiat liest: „Ich kann tote Menschen sehen“, bekennt der junge Jamie. So, wie der kleine Cole in M. Night Shyamalans Horror-Thriller „The Sixth Sense“ (1999) steht Jamie mit seiner Mutter in einem Unfallstau – und betrachtet die übel zugerichtete Leiche eines verunglückten Radfahrers, der sich nun als Geist aufbaut. Als Nachahmer will King sich jedoch nicht verstanden wissen, denn Jamie schießt hinterher: „Allerdings ist es nicht so wie in dem einen Film mit Bruce Willis.“

King hat noch nie bei anderen abgeschrieben, und anders als Cole verwendet Jamie seine übernatürliche Begabung nicht, um Verstorbene, die nicht von ihrem irdischen Leben lassen können, den Weg ins Jenseits zu weisen. Das schaffen die schon von ganz alleine. Jamie wird von anderen Menschen dafür missbraucht, den Geistern Geheimnisse zu entlocken. Er liefert Hinweise, etwa darauf, wo sich der letzte, noch nicht detonierte Sprengkörper des Bombenlegers befindet, der sich selbst in die Luft jagte. Er wird dafür missbraucht, von einem getöteten Drogendealer zu erfahren, wo er die heiße Ware versteckt hält.

Roman über die Ära Obama

„Later“ ist Kings drittes Buch für den „Hard Case Crime“-Verlag (hierzulande erscheint das Buch bei Heyne). Dort, wo er verhältnismäßig kurze Romane publiziert, in denen Kriminalfälle mehr oder weniger übernatürlichen Ursprungs gelöst werden müssen. Beim ausgezeichneten „Colorado Kid“ geht’s weniger um Geister, in „Joyland“ wiederum ist das Whodunnit noch der uninteressanteste Part. „Later“ weicht noch mehr von der Hard-Case-Linie ab, ist kein Detektivroman. Eher eine Reflexion über die Akzeptanz von Andersartigkeit und dem kindlichen Unvermögen, sich der Brutalität der Erwachsenen und deren Möglichkeiten zur Manipulation zu stellen. Der Titel „Später“ verweist jedoch nicht nur darauf, was der kleine Jamie hätte anders machen können, reagierte er bei Gefahr mit der Überlegtheit und scheinbaren Ruhe der Erwachsenen. Die „dazu komme ich später“-Berichtsstruktur ist auch die eines erwachsen gewordenen Ich-Erzählers, der weiß, wie gute Storys sich aufbauen lassen müssen. Denn im Gegensatz zu Shyamalans Spukgestalten sind Kings Geister nicht immer gleichgültig gegenüber den Lebenden. Der Twist kommt später, am Ende, eben „Später“.

„Später“ offenbart vielleicht nicht Kings kreativste Ideen, aber er ordnet das Geschehen geschickt in seine Ära ein. Ab den Nullerjahren, mit der Wahl George W. Bushs zum US-Präsidenten, wurde Stephen King, 25 Jahre nach seinem Romandebüt mit „Carrie“, zunehmend zum politischen Autor. „Under The Dome“ fertigte Bush ab, „Das Institut“ Donald Trump.  „Später“ spielt 2008, als Obama Präsident ist und die Weltwirtschaftskrise unzählige Lebensgrundlagen vernichtet, was King erstaunlicherweise veranlasst, seine Story mal nicht in ländlichen Gemeinden anzusiedeln, sondern am Ort der Genese des Wirtschaftscrashs, New York.

Vernichtet wird auch die Existenz von Jamies Mutter Tia, einer Literaturagentin; anders als ihre Lebensgefährtin, die Polizistin Liz, ist Tia machtlos gegenüber der Rezession. Liz schlittert von selbst in ihre Krise, sie sichert sich einen vermeintlich abschwungsicheren Nebenjob durch Drogenhandel – und verliert die Kontrolle. Kings Mitleid hält sich jedoch, wie gegenüber allen Wählern der Republikaner, in Grenzen. Liz glaubt nicht daran, dass Barack Obama in den USA geboren wurde; sie wirkt wie ein schwacher, etwas dummer Mensch.

Wer Kings Literatur der vergangenen Jahrzehnte verfolgt hat, entdeckt in seinen Büchern unzählige Selbstreferenzen – heute spräche man von „Easter Eggs“. Es gibt einen Autounfall vor Jamies Geburt, der sich auf sein Leben auswirken wird, herbeigeführt durch einen Betrunkenen – King wurde 1999 fast von einem mehrfach wegen Alkoholdelikten am Steuer belangten Pickup-Fahrer totgefahren. Jamie spricht von Büchern als „Magie zum Mitnehmen“ – mit dem Spruch bewarb King sich einst selbst.

Aber die eigentliche Pointe des Romans besteht in der nicht wirklich versteckten Kritik am Schriftstellerbetrieb. King amüsiert sich über Trash-Schreiberei à la „Fifty Shades Of Grey“ und stellt, wie zuletzt in „Finder’s Keepers“, die Frage nach wahrer Urheberschaft erfolgreicher Literatur. Welchen Einfluss haben Agenten, vor allem Lektoren für die Sichtbarkeit populärer Stoffe? Wie häufig kommt es vor, dass sie gar heimlich mitschreiben? Jamies Mutter Tia nutzt die Fähigkeiten ihres Sohns, um mit einem von ihr vertretenen, plötzlich verstorbenen Bestseller-Autoren zu kommunizieren – denn er verstarb, kurz bevor er sein jüngstes Buch abgeben konnte. Tia will an die Inhalte gelangen, um seinen Stoff postum herauszubringen, weil sie Geld braucht. Redigiert hatte sie die verquasten Storys des Mannes heimlich seit Jahren.

Stephen King, „Später“, Heyne, 304 Seiten. Hier bestellen.


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