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Stephen King: die besten Bücher – Plätze 70 bis 61

70. „The Dark Tower II: The Drawing Of The Three“ (1987, deutsch: „Drei“) ★★

1987 würde als Kings fleißigstes Jahr in seiner Bibliographie eingehen, und das, obwohl er – oder gerade weil er – stark kokainabhängig war. Vier Bücher kamen damals heraus, drei von ihnen gelungen. Dieses hier ist das vierte Buch.

Band eins, „The Gunslinger“ (1982), war ein Western mit offenem Ende, mit einem Revolvermann als Helden, der für das Erreichen seines Ziels, dem Dunklen Turm, über Leichen geht – auch Kinderleichen. Warum King in der Fortsetzung das Tempo drosselt, ist unerklärlich.

Bemerkenswert, dass viele Kritiker eine Schwäche in der späteren, gleichzeitigen Konzeption der Bände fünf bis sieben sahen, die auf sie so wirkten, als hätte man eine große Praline unnötig in drei Teile zerschnitten. Buch zwei, „The Drawing Of The Three“, zeigt aber den umgekehrten Fall: Wichtige Zutaten fehlen, es dürfte auch King nicht klar gewesen sein, wohin die Reise geht.

Was wird aus dieser Welt?

Zu mühevoll werden die neuen Weggefährten eingeführt, eine Frau im Rollstuhl mit Persönlichkeitsstörung, ein Heroin-Junkie, alle schreien sich, ob in New York, der Parallelwelt des Revolvermanns oder im Flugzeug, dauernd an – es gibt Abzweigungen über Rassimus in den 1950er-Jahren, nur die Geschichte selbst dreht sich nicht weiter. Der drogenabhängige Eddie verliebt sich in Susannah, aber auch hier fehlen Beweggründe. Der Roman wirkt wie ein 1000-Seiter, der auf 500 runtergekürzt wurde.

Was King gelingt, ist das Prinzip Vertrauen als Grundlage eines Bündnisses zu etablieren: Der Revolvermann, vielleicht tödlich verwundet, legt sein Leben in die Hände der neuen Gefährten, da er selber keine Kraft mehr hat. Sie müssen für ihn ihr altes Leben aufgeben und sich mit ihm auf die Reise nach dem „Dunklen Turm“ machen, in einer Welt, die sie noch nicht verstehe. Obwohl der Turm nur für Roland eine Rolle spielen wird, das wissen sie, und obwohl sie dabei vielleicht sterben werden. Es ist ein Buch des „Immer weiter“.

Dieser Kosmos bleibt weitestgehend unskizziert, es gibt außer den „Riesenhummern“ wenige andere Tiere, keine bedeutenden Landschaften, keine geografischen Abmessungen, keine wirkliche Vorstellung von dieser Welt.

King gab damals bereits bekannt, dass es mindestens sechs Bücher zum „Dunklen Turm“ geben würde. Wer „Drawing“ liest, fragt sich: Hat er beim Schreiben nicht gewusst, wohin es geht – oder hält er sich noch zurück, weil das große Bild erst im nächsten Band gezeichnet werden könnte?

69. „Four Past Midnight“ (1990, deutsch „Nachts“)★★½

Das Buch ist Kings erste Novellen-Sammlung seit dem gefeierten „Different Seasons“ von 1982, und wie groß der Druck war, teilte der Autor in einem langen Vorwort mit. Man möge ihm nachsehen, dass er, anders als in den „Jahreszeiten“, stärker auf übernatürlichen Horror an sich setze. Statt auf den echten Horror von Menschen, die etwas Schreckliches tun.

Von den vier Stories überzeugt lediglich die erste komplett, „Langoliers“, eine Geschichte über Menschen, die mittels eines Tors im Himmel unfreiwillig in die Vergangenheit reisen, aber zwischen den Zeiten gefangen werden. Einer TV-Verfilmung mit miserablen Spezialeffekten sei dank, müssen die meisten King-Fans bei der Erwähnung der Langoliers lachen: Die Zeitfresser sahen 1995 zum Schießen aus.

Zwölf Passagiere wachen während eines Flugs auf und stellen fest, dass sie die einzigen verbliebenen von mehreren hundert sind. Sie landen auf einem gottverlassenen Flughafen. Und dann geht es, King beherrscht diese Art Horror einfach, mit einer immer drängender werdenden Spannung los: Ein unangenehmes Summen wird (auch von Buchseite zu Buchseite) immer lauter, und King muss sich fragen lassen dürfen, ob die Auflösung dem gerecht wird.

Wird sie, so wie zuletzt in „It“, als ein Werwolf immer lauter die Treppe runterpoltert, und das, was man sieht, wirklich so schlimm ist wie das, was man befüchtet hatte Tatsächlich kommen sie irgendwann, die „Langoliers“. Trommelwirbel! Raubtier-Flugmaschinen, die die Vergangenheit, und damit die alte Welt auffressen – nichts als Schwärze hinterlassen, wo Zeit vergangen ist.

Hier offenbart King eine seiner dunkelsten Visionen: Das Damals wird zu Abfall, Lästigem, Schrecklichem, und die, die das Vergangene wegräumen müssen, lassen nichts übrig, keine Erinnerung. Womöglich ist „Langoliers“ auch eine Mahnung an die Menschen, besser mit ihrer Zeit umzugehen, sich mehr Zeit zu lassen, oder einfach weniger auf Zeit zu achten.

Die Story hat vertraute King-Elemente – mit dem panischen Passagier Toomy hat er den Überlebenden eine Figur an die Seite gestellt, die genauso viel Schaden anrichten kann wie die Monster. Außerdem unfreiwillige Komik (zwei der Figuren sind vom Anblick der Langoliers derart schockiert, dass sie sich gegenseitig schreiend umklammern).

Mit Nick Hopewell (der Name!) führt der Autor auch eine Figur ein, wie es sie nie wieder im King-Kosmos gegeben hat. Eine Art Über-Charakter. Ein britischer Geheimagent, hochintelligent und schlagkräftig, der schwer an seiner Vergangenheit trägt: Er erschoss einst drei Jungen, die er irrtümlich für Killer hielt. Halb Bond, halb Jack Reacher, ist Hopewell eine politische Figur geworden, die außerhalb der Landesgrenzen liegt, die King sonst für seine Figuren skizziert. Ein Mensch aus einem anderen Universum.

Stark zwei

Novelle zwei, „Secret Window, Secret Garden“, leidet unter demselben Problem, das auch die abschließenden zwei Geschichten haben: gute Ausgangslage, blödes Finale. Es war sicher keine gute Idee von King gewesen, dass er die Wesensverwandtschaft zwischen den Romanen „The Dark Half“ und diesem „Fenster“ selbst erklärt.

Schnell wird einem klar, wer sich hinter dem aufdringlichen alten Farmer John Shooter verbirgt, der dem Schriftsteller Mort Rainey auflauert: der habe ihm einst seine Kurzgeschichte geklaut und den Erfolg kassiert. Rainey kennt den Mann nicht, überlegt, wie er ihn loswerden soll. Oder WAS er loswerden sollte.

„The Library Policeman“ baut sich zunächst wundervoll auf, es geht um Kindheitsängste, die sich nicht abstreifen lassen. Makler Sam Peebles wird verfolgt von einem „Bibliothekspolizisten“, der Bücher eintreibt, die man vergessen hat abzugeben. Natürlich geht es hier nicht wirklich um einen „Bibliothekspolizisten“, ebenso wenig um eine väterliche Autorität, aber auch nicht um ein „Über-Ich“, das die Psyche auf Sauberkeit kontrollieren will.

Zwar wird mit der Auflösung die härteste aller Ursachen gewählt, Peebles wurde als Kind sexuell von einem Fremden missbraucht, dies war der „Polizist“, Ursache seines Traumas. Der große Fight am Ende erweist sich als seltsam arrangierter Monsterkampf.

Dafür skizziert King mit der Bibliothekarin Ardelia Lortz, gemessen an der Kürze der Novelle, eine seiner faszinierendsten Charaktere: Der Gestaltwandler ist nicht nur Auftraggeber des „Bibliothekspolizisten“, sondern Wesensverwandter von „Es“, der sich von den Ängsten junger Menschen ernährt. Kings Schilderung, der attraktiven „Ardelia“, die im Kornfeld einen Jüngling verführt und ihn danach von ihr abhängig macht bis hin zur Komplizenschaft, er wird zum Alkoholiker, sie immer mehr zum Rüssel-Reptil, zählt in ihrer Tragik zum Besten, was er in diesem seinen eher mittelmäßigen Jahrzehnt ablieferte.

Abgeschlossen werden die „Mitternachtsgeschichten“ mit „The Sun Dog“. Auch hier gilt: Großartige Prämisse, vielleicht die spannendste seit langem, aber ein miserabler Schluss.

Ansatz: Fordere das Schicksal nicht zu oft . Der junge Kevin hat eine Polaroid-Kamera, die immer nur dasselbe Foto schießt, egal, auf wen oder was er das Gerät richtet. Zu sehen ist ein Hund, der vor einem Zaun liegt. Dann stellt er fest, dass das Tier sich von Bild zu Bild doch ein kleines Stück bewegt. Zur Person hin, die das Foto geschossen hat – und sich, inzwischen sieht er aus wie ein Höllenhund, immer sprungbereiter macht. Auch hier am Ende: ein Action-Showdown samt einfachem Trick, wie sich der Köter beim Übergang aus dem Bild in die reale Welt bezwingen lässt.

Was für eine verpasste Chance!

68. „Nightmares in the Sky: Gargoyles and Grotesques“ (1988, deutsch: „Nachtgesichter“) ★★½

Streitbar, ob dieser Bildband als echtes King-Buch firmiert, er liefert einen – in der deutschen Übersetzung – 35-seitigen Essay zu einer Fotostrecke von einem Mann namens f-stop Fitzgerald. Wer Stephen King, den bedröhnten, paranoiden, hochgradig abhängigen Stephen Kind der Spätachtziger kennen lernen will, erhält hier viele Eindrücke. Und das macht seine Einleitung höchst lesenswert.

In „Gargoyles“ beschreibt er die Wirkung von den Wasserspeiern, den Monstergesichtern aus Stein, die von New Yorker Gebäuden auf die Menschen hinab starren. Fast alle dieser Fratzen liegen oberhalb des menschlichen Sehbereichs, was den beeindruckten King schlussfolgern lässt: „Wir sehen sie nicht, aber sie sehen uns.“ Klassisches Futter für Verfolgungswahn, für ihn ein „Alptraum im Wachsein.“ Die Gargoyles als lebende Kreaturen, aber nicht von einem Wesen geboren, sondern von Gebäuden.

Müllpresse für kulturellen Abfall

King erzählt recht amüsant, wie er betrunken vor dem Fernseher sitzt, wie er Spaziergänge durch Manhattan unternimmt, generell lieber geht statt joggt („Knorpelmasse in den Knien hält dann länger“). Einleitend setzt er schon eine deutliche Markierung, wenn er Capote zitiert, der über Kerouac einst abfällig urteilte: Er würde nicht schreiben, sondern tippen. Schreiben, nicht tippen, das ist auch sein Anliegen. Wahrscheinlich wusste der King von 1988 selbst nicht mehr genau, was er tat.

Der 41-Jährige sagt, er reiht sich in die Riege der Autoren ein, die nicht mit dem Intellekt arbeiten, sondern mit dem Bauch. Er interessiert sich für die Tätigkeit der Nervenenden, nicht für Gedanken. Das ist natürlich genau so Käse wie seine früheres „Eingeständnis“ von „Schwäche“, dass er schreiben müsse, weil er „nur“ das könne. „Mein Kopf weiß auch nicht viel von Kunst“, schreibt er, „aber  meine Nerven scheinen etwas über Gargoyles zu wissen.“ Er überspannt den Bogen: „Mein Kopf ist eine Müllpresse für kulturellen Abfall.“ Der Mann war einfach nicht clean.

Bemerkenswert bleibt „Gargoyles“ also wegen der Konfusion; das Ende seiner ersten Ära, der Ära vor dem Entzug, kündigt sich an. Das 35-Seiten-Editorial würde gar seine einzige Veröffentlichung im Jahr 1988 bleiben. So wenig hat er seitdem nicht innerhalb eines Kalenderjahres publiziert. Der Gedanke an dem Buch allein ist natürlich großartig: Was haben sich die Leute damals mit diesen Wasserspeiern bloß gedacht?

67. „Under The Dome“ (2009, deutsch: „Die Arena“) ★★½

1972 und 1982 arbeitete King an einer Version dieses Romans, der 27 Jahre später erst erscheinen und einer seiner längsten werden würde. Ärgerliches Timing, das King in Erklärungsnot brachte: Der „Simpsons“-Kinofilm erschien zwei Jahre vor der „Arena“, viele dachten, er hätte abgekupfert. So wie die Springfieldianer werden die Bewohner von Chester’s Mill aus heiterem Himmel durch eine Kuppel von der Außenwelt abgetrennt.

In beiden Fällen, bei den „Simpsons“ wie bei King, bieten die folgenden Auseinandersetzungen Grundlage einer Sozialsatire. Die größte Pointe ist wahrscheinlich die, dass die Verknappung der Ressourcen in der abgeschirmten Stadt tatsächlich zum Problem wird. Oder, wie King schreibt, „das war der American Way: Etwas rationieren zu müssen ist zutiefst unamerikanisch.“

Die Ausgangslage, Kuppel plötzlich da, keiner weiß, warum, ist eleganter als das, was King in diesen Roman alles hineinverfrachtet, nachdem die Kuppel erstmal steht. In der Figur des Stadtrates, Autohändlers (ein„würden Sie  diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen?“ liegt hier in der Luft) und Meth-Dealers Big Jim Rennie legt er alles, was ihn an den USA unter George W. Bush störte. Rennie ist Klimaleugner, Anti-Gutmensch, kein Religiöser, aber ein nach Belieben mit Religion argumentierender Machtmensch: „Die Kuppel ist Gottes Wille.“ Weil Rennie in Wirklichkeit seine Herrschaft über Chester’s Mill gekommen sieht.

Rennie und Trump

Amerikas große Spezialität ist eben tatsächlich nicht nur Rock’n’Roll, sondern auch Demagogen: Als Donald Trump 2016 zum US-Präsidenten gewählt wurde, rückten zwei populäre Charaktere Kings wieder ins Bewusstsein, weil sie diesem Psychopathen so ähnlich sind: der sadistische Politiker Greg Stillson aus „The Dead Zone“ (1979) sowie eben Big Jim Rennie. King selbst sagte, der sei wie Trump. Es stimmt: „Er würde Macht ausüben, bis er entmachtet wurde; er würde sich nehmen, was er brauchte, bis ihn jemand stoppte. Das machte ihn für jedermann gefährlich.“

Trotz allem ist Rennie eher Karikatur als realistische Figur, er überbietet damit Trump um ein kleines bisschen – was zwar zu großartigen Zitaten, aber zu weniger Glaubwürdigkeit führt. „In einem Loch gefangen. Ich komme mir vor wie der gottverdammte Saddam Hussein auf der Flucht“, sagt er, damit reiht er sich in die Tyrannenriege ein. Vermeintliche Mörder sind „Terroristen“, seine eigenen Leute tragen Dick-Cheney-Masken, und „die Bartstoppeln verliehen Big Jim ein finsteres nixonhaftes Aussehen“. Auf seinem Schreibtisch ein Bild, auf dem er Sarah Palin die Hand schüttelt.

Verwirrung deluxe, zu viele Personen, zu viele Vergleiche, zu viele Metaphern.

Gegenspieler Rennies ist Dale „Barbie“ Barbara, ein ehemaliger Army-Lieutnenant, natürlich Golfkriegsveteran. King ist Jack-Reacher-Fan (die Romanfigur Lee Childs wird in der „Arena“ gleich zweimal erwähnt, Child revanchierte sich später mit dem Lob, „Under The Dome“ sei Kings bester Roman), und Barbie ist, wie Reacher, ein hochkompetenter, besonnener Ex-Beamter, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, aber von seinem Umfeld als Retter erkannt wird. Allerdings leidet Barbie – auch hier wollte King Zeitbezug – auch an einer posttraumatischen Belastungsstörung, weil er im Irak an Folter und Mord beteiligt war.

Ökologie im Vordergrund

Am präzisesten ist „Under The Dome“ in seinem Ruf nach größerem ökologischen Bewusstsein. Die Kuppel verschmutzt durch Abgase, der Lebensraum wird bedroht. Frische Luft wird zum kostbaren Gut, aber erscheint unerreichbar. Die Menschen im Ort haben derart gegen sich und für das eigene Überleben zu kämpfen (hier ist der deutsche Buchtitel, „Die Arena“, dem Original vielleicht sogar überlegen), dass die Ursache für die Entstehung der Kuppel nebensächlich wird.

Seine Figuren bringt King erst ab dem letzten Viertel langsam auf die Spur. Hier hat er großes Zutrauen in die Unterhaltsamkeit seiner Charaktere, und tatsächlich stellt sich vor lauter Intriganz nicht unmittelbar die Frage nach dem „Warum“ der unsichtbaren, unüberwindbaren, extraterrestrisch erscheinenden Mauer.

Aber nicht für alle – Wikipedia allein listet 37 – Charaktere findet er befriedigende Entwicklungen und Endpunkte. Thurston Marshall, die Parodie eines harmlosen, theoretisierenden Linken, versandet irgendwann, er erhält einen Tod, der nicht erzählt, sondern von dem lediglich berichtet wird. Das wirkt ein wenig zu bequem.

Über das Ende debattieren Fans leidenschaftlich, nicht alle sind davon überzeugt. Der „Dome“ als ein Spaß außerirdischer Kinder, die eine fremde Spezies quälen wollen. Zwar fehlt eine umfassende mythologische Erklärung, aber Kings Auflösung ist konsequent. Es geht um den grausamen Blick auf Menschen, und wie sie sich erniedrigen müssen um weiterleben zu dürfen. Sie müssen betteln, und sie werden betteln.

66. „The Dark Tower III: The Waste Lands“ (1991, deutsch „tot.“) ★★½

Im dritten Teil der „Dunkle Turm“-Reihe lernen wir den humorlosen Revolvermann Roland Deschain ein bisschen besser kennen. Er weint erstmals in Anwesenheit seines „Ka-Tet“ (der Schicksalsgemeinschaft), versucht sich aber auch an einem Witz, und er erklärt das Prinzip des „Wanderns auf dem Balken“, einem von zwölf. Im Grunde ist das die erste Erklärung für den „Turm“, die den Leser aber – beabsichtigt – noch immer im Unklaren lässt. Anscheinend existieren zwölf Parallel-Universen. Wer den „Dunklen Turm“ bezwingt, hat die Macht über sie.

Wie schon in den ersten zwei Bänden entsteht der Eindruck, dass King ohne Entwurf für seine Welt gearbeitet hat. Drauflosschreiben muss nicht das Schlechteste sein. Weil dieser dritte Band aber auch episodischen Geschichten besteht, bleibt unklar, wie bedeutsam eigentlich die überwundenen Hürden sind. So, wie die Riesenhummer aus „Drawing Of The Three“ keine Relevanz mehr haben, ist es hier der riesige Cyborg-Bär Shardik, der sich dem Ka-Tet in den Weg stellt, für das Grand Design aber keine Rolle spielen wird. Action ohne Notwendigkeit.

Shardik bestätigt den Tutti-Frutti-Charakter des Buchs mit seiner wenig überzeugenden Welt aus Atomkriegs-Ruinen, ZZ-Top-Songs und eben diesem halbmechanischen Bären, der laut Produktionsschild von „North Central Positronics Ltd.“ hergestellt wurde. „Blair der Mono“, ein Hochgeschwindigkeitszug, der sich verselbstständigt gemacht hat, morden will, aber nach Rätseln giert, wie ein kleines Kind, passt in diese konfuse Welt. Blaine ist wie HAL, oder, eher noch, wie der panische Computer aus Carpenters „Dark Star“.

„Zen-Buddhismus-Scheiße“

Das Ka-Tet vervollständigt sich mit dem Bumbler Oy, einer Art Waschbär, sowie dem Jungen Jake Chambers, den wir aus Band eins kennen – Roland opferte ihn dort, ließ ihn in einen Abgrund fallen. Nun ist die „Dark Tower“-Welt um ein Vater-Sohn-Verhältnis reicher, denn Roland, der weinende Roland, will den Jungen, den er einst tötete, nie mehr hergeben.

„Mann, ich habe Dein Gesabbel so verdammt satt“, sagt Rolands Gefährte Eddie Dean zum Revolvermann. „Diese Zen-Buddhismus-Scheiße.“ Dabei ist es doch gerade die Aussicht auf Erklärung des „Dunkler Turm“-Kosmos, die uns an die Saga binden sollte. Roland, der Miesepeter, zumindest wird immer besser. Er kündigt an, bald seine Vorgeschichte, die Geschichte von Alain und Cuthbert, von Betrug und Vertreibung, zu erzählen. King bot damit einen Vorgeschmack auf Band vier.

Dabei hat „The Wastelands“ seine Momente, King riskiert einen Cliffhanger, lässt das Buch im entscheidenden Moment enden – obwohl er im Epilog des Buchs schreibt, dass er selber nicht wisse, wohin die Story steuern würde (dass ihm der Zugang in die Welt des „Dunklen Turms“ immer schwerer falle, schreibt er auch).

Willkommen zurück, Flagg

Vor allem aber erleben wir in „The Wastelands“ gleichzeitig eine Parodie der „Wastelands“. In seinem alten Leben als New Yorker Schüler reicht Jake Chambers einen Aufsatz ein, den er halb im Wahn verfasst hatte. Darin geht es um die rote Rose, den Turm, den Balken – Fantasy halt. Das Manifest eines Menschen, dem keiner folgen kann. Dafür bekommt er, obwohl am Thema vorbei, eine 1. Und der Junge lacht sich schlapp. King bewies hier Humor.

Und endlich taucht auch er wieder auf: Nicht der Zauberer aus den „Augen des Drachen“, sondern der muffige Jeansjacken-Träger mit den Cowboy-Stiefeln, wie wir ihn aus „The Stand“, 14 Jahre vorher, kennen gelernt hatten: Randall Flagg. Wie gut es tut, den Bösewicht wieder hier zu haben, wird sich noch zeigen.

65. „Sleeping Beauties“ (2017, mit Owen King, deutsch: „Sleeping Beauties“) ★★½

Kings Idee zielt auf das größtmögliche Szenario ab, wie schon in „The Stand“: der Untergang der Welt. Anders als in „The Stand“ aber sind hier beides nicht gelungen, Idee und Umsetzung der Apokalypse. Lediglich die Idee, die ist gut. Alle Frauen der Welt verfallen, einmal eingenickt, in einen Tiefschlaf, ein Kokon hüllt sie ein. Keiner weiß, ob und wann sie wieder aufwachen. Aber eines passiert sicher: Wer den Kokon aufreißt, erweckt die Frau als Furie, die erst Ruhe gibt, wenn der Störenfried tot ist. Nach Tollwut sofort wieder Tiefschlaf, der Kokon wächst nach.

Stirbt die Menschheit aus, wenn die eine Hälfte einschläft, keine Kinder mehr gebären kann? Wie beschützt man sie, wo versteckt man Ehefrauen, Mütter und Töchter vor Männerhorden, die die im Schlaf wehrlose „Hexen“ verbrennen wollen?

Es sind herausfordernde Ideen, und zunächst entwickelt sich diese Welt in einem neuartigen Szenario: Es gibt die ersten Versuche, schlafende Frauen zu vergewaltigen; Frauen wiederum plündern Apotheken, um Wachmacher zu bekommen, Crystal Meth und Kokain werden die gefragtesten Drogen.

Krankes Gesundheitswesen

Das wirft auch ein Licht auf eines der grassierenden Probleme im amerikanischen Gesundheitswesen: Man bekommt von Ärzten und in Apotheken einfach ziemlich viele harte Dinge, wie Opioide, ziemlich leicht. Interessant sind auch die Gründe, weshalb nach Abgang der Frauen Konflikte auf der ganzen Welt ausbrechen, Kriege, die religiös motiviert sind. Wenn es keine Frauen mehr zu beschützen gibt, geht „irgendeine psychologische Basis“ von Judentum und Islam verloren.

Dass der politische Stephen King und der noch politischere Sohn Owen King ihre Geschichte von Männern, die nicht ohne Frauen können, aber Frauen, die eigentlich ohne Männer können, nachträglich als Trump-Kritik verkaufen: geschenkt (auch, wenn die Arbeit am Roman vor der US-Präsidentenwahl begonnen wurde).

Das Problem liegt im Verzicht auf eine erklärende Mythologie. Der Zauber des „Dornröschen-Schlafs“, wie er an einer Stelle genannt wird (fälschlicherweise, denn es sind nicht Männer, die die „Dornröschen“ wachküssen) bleibt verborgen, es gibt keine Ursachen. Das muss kein Problem sein, wenn das Drumherum, also die eigentliche, dadurch initiierte Story, funktioniert. King selbst hat das mit seiner Parodie auf die Technikabhängikeit des modernen Menschen, „Cell“, vorgemacht – da wollten wir wissen, ob die Figuren überleben. Dann erst, wer oder was den „Puls“ warum ausgelöst hat.

Aber in den „Sleeping Beauties“ stimmt die Charakterisierung nicht, das Setting nicht, die im Nebel bleibende Antagonistin Evie nicht, die den Schlaf auslöst. Ihre Geschlechtshaare erinnern den Beobachter nicht mehr an Haare, sondern „Vegetation“. Evie ist Mutter Natur, und Mutter Natur findet, dass für die Menschheit auf der Erde kein Platz mehr ist. Aber warum tut sie, die Männer als „Schwanzträger“ verabscheut, diese Dinge? Sie selbst reitet auf den Geschlechterklischees herum, wenn Sie ihrem Gegner dem Gefängnispsychiater Clinton Norcross empfiehlt, mehr auf seine „weibliche Seite“ zu hören: Intuition.

Durch Generationen von Knechtschaft geprägt

Evie wird im Frauengefängnis gefangen gehalten, oder, je nach Sichtweise, dort versteckt oder beschützt. Die Frauen, einmal eingeschlafen, verschafft sie an den so genannten „Unseren Ort“, eine Art Schattenreich und ein Name, der nicht von ungefähr an die neuen „Safe Spaces“ auf dem Uni-Campus erinnert.

Dort entsteht eine neue, männerlose Gesellschaft, in der vieles einfacher laufen soll, sofern denn alle Frauen mitspielen. „Wie schön es hier war“, heißt es. „Sie waren durch Generationen der Knechtschaft geprägt.“

Von diesem Moment an überkommt es King wieder einmal, wie so oft in den vergangenen Jahren, er kreiert Sätze mit überdeutlicher Symbolkraft. Rundumschlag gegen alle. Cops, die sich immer entschuldigen, „nachdem sie irgendeinen armen schwarzen Menschen erschossen haben, egal ob Mann, Frau oder Kind“, Söhne, die achtlos Waffen herumliegen lassen, „sodass andere Söhne sie finden und versehentlich sich selbst oder ihre Schwester erschießen.“

Es ist einfach alles zu direkt, zu flach sowieso: Die religiösen Rechten, die den langen Schlaf als Gottes Strafe für den Feminismus betrachten, glauben natürlich an Trump. Als einer der ersten Geschäfte geht bei der Apokalypse der „Apple“-Store in Flammen auf. Männer flachsen, dass sich von nun an die Verkehrssicherheit erhöhen wird.

Männer, die Männer bekriegen, das läuft auf einen Shoot Out hinaus wie im Western: Verbarrikadierung im örtlichen Gefängnis, die einen wollen Evie beschützen, weil sie ihre Frauen wiederhaben wollen, die anderen wollen Evie töten, weil sie ihre Frauen wiederhaben wollen. Ein Dutzend gegen ein halbes Dutzend: Wie geschrumpft sind hier die Maßstäbe angesichts des Weltuntergangs. Eine Schießerei fühlt sich falsch an. Evie bringt es auf den Punkt: Bonnie und Clyde im Frauenknast.

Stephen King hat ein Problem mit Frauenfiguren, für ihn sind sie nur stark, wenn sie sich von stärkeren Männern befreien (Rose Madder, Lisey Landon, Dolores Claiborne). In „Sleeping Beauties“ sind sie dem männlichen Geschlecht meist von Natur aus überlegen. Gut so. Vielleicht hat sich sein Sohn Owen auch erfolgreich eingebracht.

Vor die Wahl gestellt, verlassen die Frauen am Ende „Unseren Ort“ wieder. Weil sie wissen, dass eine Gesellschaft ohne Männer doch nicht so richtig schockt. Macht sie das weniger weise? Die Argumente sind etwas schlicht, eine Teenagerin sagt: „Ich will herausfinden, wie es sich anfühlt, sich wirklich in einen Jungen zu verlieben.“ Der Ruf der Natur.

64. „Bag Of Bones“ (1998, deutsch: „Sara“) ★★½

King wollte als Literat ernster genommen werden, wechselte nach fast 20 Jahren von Viking zu Simon and Schuster, ließ sich das gut bezahlen und an den Buchverkäufen beteiligen. Seinem ersten Buch für den neuen Verlag legte er einen Sicherheitsgurt an: eine Geistergeschichte, Spuk-Material also, samt verwunschenem Haus, es heißt „Sara lacht“.

Spukhäuser sind durch, alt, auserzählt, ausbesucht. „Bag Of Bones“ könnte eine Hommage sein an die Klassiker, aber das macht die Geschichte nicht aufregender. Auch hier werden Bücher aufgeweht, Seiten flattern, es gibt Polterlaute, Klopfzeichen, ein Luftzug, der vorbeistreicht.

Ist es die verstorbene Ehefrau, die zum Schriftsteller Mike Noonan spricht? Kühlschrank-Magneten bilden einen Kreis. Nebenbei konstruiert King die vielleicht am wenigsten überzeugende Gefahrensituation bzw. Action-Szene seiner ganzen schriftstellerischen Karriere: Der im Fluss schwimmende Schriftsteller Mike Noonan wird von einer ältlichen Frau derart hochfrequentiert mit Steinen und Steinchen beworfen, dass er sich nicht mehr an Land traut und zu ertrinken droht.

Wie gut bin ich eigentlich als Schriftsteller?

Die zweite Geschichte, die Stephen King in „Sara“ erzählt, aber hier trifft er den Ton, ist die des zynischen Schriftstellers, der an seiner Bedeutsamkeit zweifelt, seinen Wert als Mensch an seine Reputation knüpft. Es ist ein auf King selbst zurückfallendes, unterhaltsames Spiel, der mit seinem Verlagswechsel ja seinen Ruf verbessern wollte.

„Woher, um alles in der Welt, haben Sie nur diese abgefahrenen Ideen?“, lässt er seinen Noonan als nervige Fan-Frage aufführen, King selbst verwies in mehreren Schriften darauf, dass ihm bei Autogrammstunden nichts Schwierigeres gestellt werden könnte. Noonan vergleicht sich mit Mary Higgings Clark und Harold Robbins; King scheint außerdem den eigenen Output (mindestens ein Buch pro Jahr) im Blick zu haben, wenn der Vielschreiber sich hier mit langsamen, scheinbar luxuriösen Brütern wie J.D. Salinger und Thomas Harris oder Ein-Roman-Genies wie Harper Lee vergleicht.

Und sein Mike Noonan ist auch sonst ein Schriftsteller, der, was bei King selten bei klar definierten Helden vorkommt, einen gewissen Standesdünkel hat. „Wohnwagen-Abschaum“ ist für ihn die junge Mattie Devore, in die er sich jedoch bald verlieben wird. In deren Wohnwagen sieht Noonan die Couches, deren Brauntöne es nur in Discountgeschäften gibt, und die um demonstrativen Kunstgeschmack bemühte Auswahl an Postern: Die Figuren Edward Hoppers am berühmten einsamen Restauranttresen, van Goghs Sonnenblumen. „Kommen Sie nie wieder hierher, Sie Dreckskerl von einem Städter!“, wird Noonan an einer anderen Stelle hinterhergerufen. Die Dorfgemeinde hält zusammen, zusammengeschweißt durch ein grausames Geheimnis.

Mike Noonan, der Witwer, der sich vor lauter Trauer wie ein „Sack voll Knochen“ fühlte, befreit sich irgendwann aus seiner Trauer. Selten hat Stephen King einen Romantitel derart oft in verschiedenen Kontexten benutzt. Die ermordete Sara und deren Sohn Kito enden in einem „Sack voll Knochen“, und auch bei einer Beerdigung kommen „die Alten, die Säcke voll Knochen“.

„Sara“ ist ein Roman, in dem Zustände einfühlsam beschrieben werden. Eine gute Geschichte bietet er nicht.

63. The Plant (2000, unvollständig) ★★½

Im Jahr 2000 war das eine revolutionäre Idee: Leser bezahlen den Autoren für einen Fortsetzungsroman im Netz, neue Inhalte gibt’s per erreichter Crowdfunding-Hürde.

In der Realität funktioniert sowas bis heute kaum: für exklusive Inhalte zahlen, wenn es sowieso ein grundsätzliches Angebot gibt.

Das Interesse an „The Plant“ schwand schon nach dem ersten online zur Verfügung gestellten Kapitel. Irgendwann ließ King, der sich zunächst gefreut hatte, die Buchverlage durch seine Indie-Aktion ärgern zu können, das Projekt unvollendet liegen. Angaben zufolge hat er durch sein E-Book dennoch eine halbe Million Dollar verdient.

An der Geschichte arbeitete er seit 1982, Teile davon versendete er als Weihnachtsgrüße über die Jahre an Freunde. 270 Seiten sind es insgesamt geworden. Auch wenn King das Interesse an „The Plant“ verloren hat, der Korrespondenzroman – er wird über Briefe und Memos erzählt – hat jene Art von beiläufiger Schärfe und sachlicher Faszination fürs Absonderliche, wie sie von Vorbildern wie Bram Stoker oder H.P. Lovecraft geprägt wurde, und hier wie in kaum einem anderen seiner Romane zu Tragen kommt (vielleicht noch in der „Salem’s Lot“-Vorgeschichte „Jerusalem’s Lot“).

„Z“

Hält sich selbst für den Nachfolger Lovecrafts: Der 23-Jährige Möchtegernschriftsteller Carlos Dettweiler, ein Typ mit einem genialen Name, der Größenwahn und Durchschnitt vereint (an eine Stelle wird er mit dem psychopathischen Jungen aus der „Twilight Zone“-Episode „It’s a good Life“ verglichen, am bekanntesten durch das Kino-Remake von 1983). Der kleine Verlag Zenith House lehnt sein Roman-Manuskript samt Fotos nicht nur ab, sondern entdeckt darin möglicherweise Hinweise auf echte Morde. Lektor John Kenton geht damit zur Polizei. Das verärgert Dettweiler, der dem Haus daraufhin eine Pflanze zukommen lässt. Das Efeu namens Zenith verfügt über telepathische Kräfte und inspiriert die Autoren zu neuen Geschichten: Gemeinsam arbeiten die dann an einem Roman namens „Z“.

Vom Leben im New Yorker Kleinverlag erzählt King fast noch aufregender als von übernatürlichen Elementen. Ganz „Mad Men“ (der Roman wurde 1982 angesetzt, was nicht 1960 ist, aber immerhin) wird hier geraucht, gesoffen und auch gefickt. Es geht um Leute, die mit sich selbst derart beschäftigt sind, dass die auch einen (Fantasy-)Roman über sich selbst schreiben könnten.

Es ist die fiebrige politische Zeit nach dem gescheiterten Attentatsversuch auf Ronald Reagan. Es liegt viel Patina auf dieser Großstadt-Horror-Geschichte, es werden aber auch Hexen genannt, es gibt ein Oujia-Brett und auch „Rosemary’s Baby“ wird erwähnt. Ein selten von King ins Spiel gebrachtes Metropolen-Flair, ein Moloch, der sich seine Monster selber schafft.

Nicht zuletzt ist „The Plant“ auch eine Satire auf das Verlagswesen. Beispiellos ist die verschwurbelte Härte, mit der neue Autoren vor verschlossenen Türen landen („The writing is good, the characters distasteful, the storyline frankly unbelievable.”). Der vernünftigste und intelligenteste Mitarbeiter des Zenith House ist der Afro-Amerikaner Riddley, der sich jedoch als Hausmeister verdingen muss, und der, auch wenn er im Verlag nicht rassistisch behandelt wird, sein Licht unter den Scheffel stellt. Die Verwandtschaft reagiert hämisch: „chasing the Pulitzer Prize with a broom in your hand.“ So wie sein Vorgesetzter, der Lektor Kenton, zitiert Riddley Schriftsteller um Atmosphären zu beschreiben, hier das „Southern Family“-Gefühl eines Tennessee Williams.

Nachdem Kenton erstmals das Gewächshaus mit den magischen Pflanzen betreten hat, versucht er das Unbegreifliche mit dem tröstenden Gedanken zu begreifen, dass höchstens seine Idole in Worte hätten fassen können, was es zu sehen gab: „Yet I think that if a Mailer or a Roth or a Bellow had been with us this afternoon when we stepped into the greenhouse (…) any of them would have found himself similarly daunted by the task of describ ing what lay on the other side of that door. Perhaps only a poet—a Wallace Stevens or a T.S. Eliot—would have really been up to the task. But since they’re not here, I’ll have to do my best.“

Am Ende bliebt das traurige Gefühl, dass Stephen King hier eine gute Story liegen gelassen hat.

62. Storm Of The Century (1999, deutsch: „Der Sturm des Jahrhunderts“) ★★½

Kein Roman, sondern ein in Buchform veröffentlichtes Drehbuch zur gleichnamigen TV-Serie. Ein Fremder namens André Linoge (Anagramm für den Dämon Legion) terrorisiert ein Küstenstädtchen, das ein Blizzard von der Außenwelt abgeschnitten hat. „Gebt mir, was ich will, und ich verschwinde“, fordert er und verleiht seinen Worten mit telepathisch gesteuerten Morden und Selbstmorden Nachdruck.

Menschen, die im Dorf leben, sind nicht besser als Städter, das hat Stephen King uns schon mit „Salem’s Lot“ gelehrt. Die Bewohner des Örtchens Jerusalems Lot rekapitulierten irgendwann vor dem Bösen, verschanzten sich Zuhause und verschlossen die Augen vor dem Leid der anderen.

In Little Tall Island gibt es diese Leute auch, gerade weil alle wissen, „dass Inselbewohner ein Geheimnis für sich behalten können.“ Linoge hetzt sie gegeneinander auf, indem er deren Innerstes offenbart, den Ehebetrug, die Schwulenfeindlichkeit, Abtreibungen, Scheidungsgedanken, den Drogenkonsum.

Mit dem Polizist Mike Anderson hat King eine besonders tragische Figur geschaffen. Er ist der aufrechteste Ordnungshüter von allen, und doch muss er am Ende das größte Opfer von allen bringen. In einer geradezu zynischen Idee davon, das Gemeinwohl wahren zu können, wird eines der vielen Kinder dem Dämonen geopfert. Der gläubige Anderson ist gegen den Pakt.

Dass Linoge seine Karten offen auf den Tisch legt, macht ihn besser als die meisten der Inselbewohner. Oder, wie der kleine Ralph fasziniert anmerkt, als es mit dem Dämon in die Lüfte geht: „Tja, er ist der Erwachsene … und außerdem macht der Flug Spaß.“

61. „The Outsider“ („Der Outsider“, 2018)★★½

Dieser Roman mutet wie eine Lawine an, der Rutsch beginnt in der Mitte der Erzählung – und reißt dann alles in ein Loch. Nicht gut. Und dafür ist ausgerechnet Holly Gibney verantwortlich, die vielleicht beste Frauenfigur Stephen Kings, die beste unter den vielen sonst so schlechten Frauenfiguren Kings, die ja deshalb oft so unterentwickelt bleiben, weil sie ihre Entwicklung stets nur als Emanzipation von patriarchalischen Männern durchlaufen dürfen.

Gibney aber ist anders. Sie macht die Dinge von Anfang an so, wie sie will – ohne Absicherung gegenüber, oder Abarbeitung an einem Mann. Hausfrau Jeannie Anderson etwa sagt zu ihren Mann Ralph, dem Polizisten, immer schön zu Kapitel-Ende, zum harmonischen Tagesabschluss: „Das hier kannst Du nachher im Bett machen“, „Und jetzt iss Deine Spiegeleier“, „Du brauchst keine Sandwiches zu besorgen. Ich koche was“ – alles zur Wiederherstellung der Arbeitskraft des Hausherrn.

Der Titel, eigentlich ein abgeranzter, ist so genial wie neuartig für Stephen King. Weil der Titel erstmals in die Irre führt. Auch bis dahin macht er alles richtig. Der wegen eines Sexualmordes an einem Kind festgenommene Terry Maitland wird vom beliebten Baseball-Coach zum Mordverdächtigen – eben dem „Outsider“. Augenzeugenberichte, vor allem aber DNA-Spuren sprechen dafür. Und doch ist nicht er der Täter, sondern einer, der wie er ist. Der „Outsider“: eine neue Figur, deren Identität sich erst in der zweiten Romanhälfte offenbart. Ein Shift von einem im Mittelpunkt stehenden Haupt-Charakter zu einem anderen, auch das gab es in der schon mehr als 40 Jahre währenden Karriere Kings nicht.

Der Tod des – echten – Terry Maitlands ist ein spektakulärer Marion-Crane-Moment, dem die ebenso erschreckend inszenierte, wie unerwartete Auslöschung der gesamten Familie „seines“ Opfers folgt. Aber auch hier legt King eine falsche, grandiose Fährte. Der 17-jährige Ollie Peterson, dessen Bruder so bestialisch getötet wurde, ist tapfer, doch wird er sich von seinem Zorn übermannen lassen, was sein Ende bedeutet. King auf traumwandlerischer Spur.

„Der dunkle Turm“ mischt mit

Dass Holly mit großer Selbstverständlichkeit vom „Outsider“ spricht, eine Titulierung wählt, die im Horror-Genre keine Genese hat, aber hier so benutzt wird, als hätte dieses Monster eine Tradition wie Werwolf und Vampir, trifft einen natürlich wie ein Schlag in die Magengrube. „Er ist nicht in der Hölle. Er bringt die Hölle“ – solche Sätze zählen zu den wenigen Höhepunkten einer so sicher gestarteten Geschichte, die sich am Ende doch nur der unzählige Male durchexerzierten Mär vom Kinderfresser annähert, der sich, als bräuchte der Mythos des „Outsiders“ eine fundierte Basis, auch noch auf das „Ka“ aus dem „Dunklen Turm“ beruft.

Und was bleibt übrig, nachdem der Outsider verdampft/ausschliert/innerlich verkohlt/ stirbt? Natürlich, die Würmer. Es sind immer die Würmer, die Maden. Am besten noch die, die aus Augenhöhlen kriechen. Der Outsider trägt Cowboystiefel und verzehrt die Kleinsten, ist also eine Mischung aus Randall Flagg und Pennywise. Zwei legendäre Geschöpfe, hier in einer stark vereinfachten Form. Für King ist das viel zu gehabt, zu faul, ist das viel zu schwach.

Im absehbaren Showdown greift King auf bewährte, also wenig überraschende Rollenverteilungen zurück, bekannt aus „Es“ und anderen seiner Romane. Das Böse funktionalisiert einen menschlichen Helfershelfer, den der „Outsider“ zuvor mit dem Wahnsinn angesteckt und von ihm abhängig gemacht hatte.

Es bleibt erste Teil der Erzählung, der die großen Fragen stellt, Fragen zu Moral und dem Umgang mit Verdächtigen. Seit Nine Eleven, George W. Bush (und auch während Obamas Amtszeit schrieb er über ihn, Rumsfeld und Cheney) sowie natürlich Trump versteht King seine Romane als politische Kritik. Zwar reiht er auch hier, wie in „Under The Dome“ oder „Sleeping Beauties“, allerhand Landkarten-Reizwörter mehr oder weniger wahllos aneinander, Nordkorea, Russland, Nazideutschland; und einer der Helden ist natürlich, im „Make America Great Again“-Land des aktuellen POTUS, ein Mexikaner. Es gibt einen Verweis auf „Black Lives Matter“, und der vom „Outsider“ besessene Polizist Hoskins kürt sich selbst zum „American Sniper“ (er ist also die Perversion des amerikanischen Helden). Es wird alles, was sich auf der Amerika-Checkliste 2018 mit einem Häkchen versehen lässt, eben auch mit einem Häkchen versehen.

Aber Kings Einlassungen zu Fake News, Selbstjustiz, zu den Mängeln des amerikanischen Strafwesens, der Beweisführung, Angst vor radikalen Richtern, zur Vernichtung von Beweismitteln nur um das Gute zu tun, aber auch zur Vorverurteilung durch die Öffentlichkeit machen „The Outsider“ anfangs zu einem Justiz-Krimi, wie der 70-jährige ihn noch nicht gewagt hat. Das ist ihm gut gelungen.

Polizist Ralph Anderson, als „Mann ohne Meinung“ verhöhnt, wird zunehmend zerknirschter, weil er den Tatverdächtigen öffentlich verhaftete, ihn damit in der Gemeinde zum Verurteilten machte, statt ihm, bis er verurteilt wird, mit dem Respekt zu begegnen, den die Unschuldsvermutung mit sich bringt. Kein Wunder, dass der festgenommene Terry Maitland sich irgendwann wie in einem Kafka-Roman fühlt.

Wir alle müssen uns fragen, wem wir glauben, wessen Aussagen wir vertrauen, und ob Beweise echte Beweise sind. Das ist die Pointe: Der Outsider, der sich gut versteckt, offenbart sich am Ende auch nur denen, die glauben statt alles zu verifizieren.

Das liest sich so lange flüssig, bis der echte „Outsider“ und seine Jägerin Holly Gibney auf die Bildfläche erscheinen (was auch die anfangs als komplex vermuteten Figuren Howie Gold, ein erfahrener jovialer Anwalt, Bill Samuels, ein schmieriger Jung-Anwalt, sowie den Ex-Polizisten Alec Pelley schnell an den Rand drängt).

Können DNA-Proben verunreinigt sein?

Der Outsider fühlt sich wohl in den USA von 2018. Er kann in jede Haut schlüpfen und glaubt damit durchzukommen. Der Angeklagte hat ein starkes Alibi, einen tadellosen Ruf? „Wenn es Beweismaterial und Augenzeugen gibt, sind Alibi und Ruf bedeutungslos.“

Es erscheint fast als Witz, dass es am Ende dem Staatsanwalt Samuels vor versammelter Presse gelingt, den unschuldig verdächtigten, verstorbenen Terry Maitland wegen „verunreinigter DNA-Proben“ reinzuwaschen. So läuft Amerika.

Es ist erstaunlich, wie Stephen King im Herbst seiner Karriere die Frage aufwirft, ob die phantastischen Kreaturen wirklich schlimmere Verbrechen begehen könnten als reale Mörder. Das kurz offenbarte, wahre Gesicht des Outsiders erscheint seinen Jägern als unscheinbar. Er ist ein Jedermann, der so unwirklich sein könnte wie ein Monster, aber auch so echt wie der Son of Sam oder Ted Bundy. „Die Teufel sind längst unter uns“, heißt es vor der Konfrontation mit der Bestie.

Der Outsider verteidigt sich sogar damit, dass er nicht anders sei als die Menschen. Sie schlachten Tiere, so wie er selbst eben Menschen. Er ist ihnen nahe. Seinen Untergang besiegelt der Dämon auch durch eine menschliche Verhaltensweise: Wut. Er lässt sich provozieren, wird tituliert als Kinderschänder, der seinen Schwanz nicht hochkriegt, also als männlicher Vertreter der Gattung Mensch, und stürmt blind los, direkt in die todbringende Waffe Hollys.

Das ist eine Stärke dieses gegen Ende konfus gewordenen Romans. King relativiert nicht die Verbrechen der Menschheit, er entzaubert sich vielmehr selbst: Eigentlich muss er gar keine Monster mehr erfinden. Es ist unsere Welt, in der, wie auch bei David Lynch in der dritten „Twin Peaks“-Staffel, der Atombombenabwurf über Hiroshima als „übernatürliches Ereignis“ verstanden wird – weil man kaum glauben mag, dass Menschen zu solchen Dingen fähig sind. Und die Helden zitieren Edgar Allan Poe, dessen Horror nicht so außerweltlich ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Er schrieb keine fantastischen Geschichten über das Übernatürliche, er schrieb realistische Geschichten über abnorme psychologische Phänomene.

Im Ex-Knacki Claude Bolton, der ebenfalls eines vom Outsider begangenen Mordes hätte verdächtigt werden können, erschuf King die hier vielleicht wichtigste Figur, obwohl sie nur am Rande auftaucht. „MUST“ und „CANT“ sind auf Boltons Fingerknöcheln tätowiert. Er war drogenabhängig und kämpft (CANT) gegen das Bedürfnis an rückfällig (MUST) zu werden.

Er steht an der Schwelle ein Verbrechen zu begehen – und an der Schwelle seiner Lust nachzugeben. Dies sind die Leute, die es vom Guten zu überzeugen, in der Gesellschaft zu halten gilt.


Stephen King: die besten Bücher – Plätze 50 bis 41

Follow @sassanniasseri 50. The Colorado Kid (2005, deutsch: „Colorado Kid“) ★ ★ ★ 184 Seiten, veröffentlicht im gerade mal ein Jahr alten Verlag „Hard Case Crime“. Stephen King wollte hier vielleicht nicht nur einen etwas kleineren literarischen Versuch starten, sondern auch einer neuen Produktionsstätte unter die Arme greifen. King reihte sich in eine Reihe von Genre-Autoren ein, passenderweise mit der Buchnummer 013, zwischen einem Autoren namens Peter Pavia (012) und dem Veteranen Lawrence Block (014). Die Erzählung ist weniger wichtig für King, weil er einen Kriminalroman verfasst hat – dem Genre hatte er sich zumindest schon in Kurzgeschichten zugewandt. Es ist das Ende, das begeistert.…
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