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Michael Rother Solo



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Dass ausgerechnet sein Solodebüt den Durchbruch brachte, habe ihn regelrecht geschockt, sagt Rother, dessen Krautrock-Pioniertaten mit Cluster, Neu! und Harmonia jahrelang unterm Radar der breiten Masse liefen. „Flammende Herzen“ von 1977 setzte dagegen bald nach Erscheinen 150.000 Exemplare ab. Dabei war die Rezeptur nicht neu. Conny Plank produzierte, Jaki Liebezeit von Can saß am Schlagzeug, hielt sich jedoch höflich zurück.

Rothers dezentes und doch weite Räume durchmessendes Gitarrenspiel, das schon Bowie und Eno so faszinierte, rückte ins Zen­trum. Aus dem nach vorn stolpernden Drive von Neu!, den der Schlagzeuger Klaus Dinger im Bandgefüge verkörperte, wurde friedliches Driften. „Europa Endlos“, sangen Kraftwerk im selben Jahr. Rother, der in der Anfangszeit kurz Mitglied der Düsseldorfer war, machte das zu seinem künstlerischen Prinzip. Der Auto­didakt wollte weg vom Blues, etwas Eigenes erschaffen, das nicht nach den handelsüblichen Gitarren­helden aus dem angelsächsischen Raum klang.

Fast radikaler als der modisch umstürzlerische Gestus vieler Krautrock-Avantgardisten

Die Box, die seine ersten vier Solo­alben versammelt, verdeutlicht, wie konsequent Rother seine Vision verfolgte, potenziell endlos entfaltende Melodien in musikalische Bewegungsenergie zu verwandeln. Insofern klingen „Flammende Herzen“, „Sterntaler“, „Katzenmusik“ und „Fernwärme“ wie aus einem Guss, sphärisch und doch klar umrissen, als hätte ein genialer Künstler Skulpturen in eine sich dehnende Wolkenformation gemeißelt. Das absichtsvoll Uncoole, das in sentimentalen Harmonien und kitschigen Titeln zum Ausdruck kommt, erscheint heute fast radikaler als der modisch umstürzlerische Gestus vieler Krautrock-Avantgardisten.

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Erst 1983, auf „Lust“, geriet Rothers Fluss ins Stocken. Heute lebt seine Vision vor allem bei seinen weltweiten Auftritten fort, was hier mit einem „Live & Remixes“-­Album dokumentiert wird. Zusätzlich gibt es die Soundtracks zu „Houston“ (2013) und „Die Räuber“ (2015). (Grönland)


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