Highlight: Musikempfehlungen von Hunter S. Thompson: Die wichtigsten Alben der Sechziger

Miss Li Beats & Bruises


Devil Duck VÖ: 22. Juni 2011

Was ist bloß aus dem Mädchen geworden, das kieksend im Fahrstuhl „Oh Boy“ sang, im überkandidelten „Bourgeois Shangri-La“ den Shoppingwahn in Suburbia verulkte und prompt engagiert wurde, mit dieser Nummer für den iPod Reklame zu machen?

Jetzt begegnet Miss Li auf einmal dem Teufel, singt zum hämmernden Beat ihres Klaviers in „The Devil’s Taken Her Man“ von einer Frau, auf die eingeschlagen wird, bis sie liegen bleibt. Schwärmerische Verliebtheit hat sie in der Nancy-Sinatra-Reminiszenz „Can’t Get You Off My Mind“ in düstere Obsessionen verwandelt. Pathos quillt aus der Walzertragödie „Billy’s Got A Gong“, Selbstmitleid aus dem zart twistenden „Hit It“ und dem um einen verlorenen Drum-Bass-Loop kreisenden „Shoot Me“, in dem Linda Carlsson alias Miss Li vom Schmerz singt, der sie um den Verstand bringt. Und am Ende des Albums erwartet einen mit „Are You Happy Now?“ noch ein mit brummigen Bläsern verziertes zynisch-depressives Lamento.

Auf „Beats & Bruises“ erzählt Miss Li von Verletzungen, von Traurigkeit und Einsamkeit. Zwar findet sie hin und wieder in ihren Rag-, Blues-, Chanson- und Popvariationen auch zum exaltiert-vergnügten Tonfall zurück, kriegt in „You Could Have It (So Much Better Without Me)“ eine herrlich aufbrausende Beat-Nummer hin, lässt „Arrested“ zum Easy-Listening-Spaß mit tollem Gitarrenvibrato werden. Doch die Leichtigkeit ist futsch. Selbst durch die großartige Uptempo-Nummer „My Man“ mit ihrem Bariton-Saxofon, Stoßseufzer-Zwischenteil und eingeschmuggelter Morricone-Melodie tönt sanfte Verzweiflung. Und das verkatert vor sich hinstolpernde „Forever Drunk“ leiht sich bei Tom Waits nicht nur die Fuzzgitarre, um vom Leben enttäuscht zu jammern: „Mirror, mirror on the wall/ Where did the good times go?/ Mirror, mirror, I don’t know/ What I’m living for.“


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