Kritik: „Ready Player One“ – Spielbergs spektakuläres Scheitern

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Die Kritik enthält kleine Spoiler.

Die größte Ähnlichkeit hätte die Fantasy-Hommage „Ready Player One“ nicht mit „E.T.“ haben müssen, „Jurassic Park“, „Batman“ oder „Zurück in die Zukunft“, sondern mit Christopher Nolans „Inception“ von 2010. Darin erbauen zwei Gedankenarchitekten (gespielt von Leonardo DiCaprio und Marion Cotillard) eine Traumwelt. Die Illusion lässt sich nicht aufrechterhalten, die neue Lebenssphäre wird zu einer von allen Geistern verlassenen Trabantenstadt, in der Gebäude einstürzen und kein Mensch zu sehen ist. Doch die Architektin hält den Traum fürs echte Leben; sie bringt sich um, weil sie die Realität für die Unwirklichkeit hält, aus der sie glaubt gewaltsam erwachen zu müssen.

Das tückische Problem mit Steven Spielbergs Film (auch schon mit Ernest Clines Romanvorlage) besteht in der Großartigkeit der virtuellen Welt, der „Oasis“. Wer, ob arm oder reich, darin nicht leben will, scheint selbst schuld zu sein. Das ist der Schluss, den man aus Buch und Verfilmung zieht. In der „Oasis“ kann man in jede erdenkliche Rolle schlüpfen, jede Kreatur sein, jedes Geschlecht oder Hautfarbe haben. Wer als Mensch in unserer Gesellschaft nichts gilt, kann dort endlich Held sein. Eine Heimat für alle, die sich im falschen Körper fühlen. Oder, um es mit dem Wort zu bezeichnen, das in den viel zitierten 1980er-Jahren groß wurde: Das Traumleben ist geiler als das echte. Wer sich auch nur ein bisschen verlieren kann in Musik und Film, hat ohne VR-Brille keinen Spaß mehr.

„Ready Player One“: Virtual Reality, go, go!

„Inception“ war ein Plädoyer für das echte Leben. „Ready Player One“ funktioniert eben nur bedingt als Plädoyer für, zum Beispiel, die Freiheit der Identität, wie sie in der LGBT-Bewegung verankert ist. Die Freiheit der Selbstbestimmung existiert in der „Oasis“, in Spielbergs Zukunftsvision, nicht.

Als Kritik an Virtual Reality funktioniert „Ready Player One“ überhaupt nicht, obwohl gerade das am Ende betont wird. Der Held küsst die Heldin, in der wahren Welt natürlich, weil Körperlichkeit in der künstlichen Welt nicht so schön sei. Ein bisschen dünn als Take-Home-Message (und ein Logik-Loch dazu, denn Schläge und sanfte Berührungen in der „Oasis“ hatten durchaus Spuren hinterlassen).

Kubricks Blutbad

Die größte Leistung Spielbergs besteht wahrscheinlich weniger in der Regie, nicht mal im Zitieren aus den Schätzen des Kinos, sondern in der Lizensierung jener fremden Inhalte und Figuren, die er für sein zweieinhalbstündiges Abenteuer nutzen durfte. Was er eingebaut hat, lässt sich auf den Geek-Seiten im Netz recherchieren (es dürften hunderte Elemente sein). Nicht auszudenken, welch schwierige Verhandlungen die Rechtsabteilungen vor Drehstart durchlitten.

https://www.youtube.com/watch?v=cSp1dM2Vj48

Sobald Spielberg jedoch in Ruhe ein Setting errichtet – was in „Ready Player One“ leider zu selten vorkommt – ist das Ergebnis spektakulär. Die Avatare tauchen in Stanley Kubricks Overlook Hotel ein, aus der 1980er-Verfilmung des Stephen-King-Romans „The Shining“. Es ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, ob er Original-Aufnahmen (der Schreibsaal mit Torrance‘ Notizen oder Zimmer 237) verwenden durfte, oder ob er sie nachgebaut hat.

Was die künstlichen Figuren darin treiben, gejagt vom Axt-schwingenden Jack oder Mrs. Massey, zählt zum Sehenswertesten, was der 70-Jährige seit Ewigkeiten geschaffen hat. „Am I Being Punked?“, ruft der Riese Aech (Lena Waithe), als er von der Hexe im Badezimmer umarmt wird; außerdem rutscht er im Hotelflur im Blutstrom aus, es ist eine Variation jener Szene in Zeitlupe, die zu Kubricks bekanntesten zählt, weil der Flussverlauf so schwer zu berechnen war. Es sieht aus wie eine Originalaufnahme, in der die Avatare perfekt eingefügt wurden (vielleicht ist es eine Rekonstruktion, aber so genau will man es gar nicht wissen). Damit huldigt Spielberg, auf seine Spielberg-Art, dem verstorbenen Freund Stanley Kubrick ein zweites Mal, nach „A.I. – Artificial Intelligence“ von 2001.

Auch die Hommage an den eigenen Zögling, Robert Zemeckis, funktioniert. Spielberg musste ihn einbauen, denn auch, wenn er selbst der König der 80er war – den wohl meistgeliebten Film des Jahrzehnts, „Zurück in die Zukunft“, hat der Protegee gedreht. Hier hilft der „Zemeckis Cube“, ein Rubik-Würfel, dem Helden Parzifal (Tye Sheridan). Mit ihm lässt sich die Zeit 60 Sekunden zurückdrehen – eine Reise in die Vergangenheit wird ermöglicht, ein Wink an die Trips aus „Back To The Future“.

Die Dialoge funktionieren meist, sie richten sich auch an Leute, die „Ready Player One“ als Hymne auf psychedelische Drogen verstehen könnten („She Doesn’t Know Which Planet She’s On“). Solche Fans hat ja jeder Film. Sie richten sich auch an Nerds, die mit Frauen nichts anfangen können, aber liebenswerte Typen sind („She Wanted To Go Dancing, So We Watched A Movie“). Und dass man den Zauberspruch Merlins aus John Boormans „Excalibur“ (1981), einen der schönsten des Kinos, hier ein weiteres Mal hören darf, ist ein Geschenk für alle Fanboys (er geht so: Anál nathrach, orth’ bháis’s bethad, do chél dénmha. Entnommen ist die Verschriftlichung Wikipedia. Sie herauszuhören ist unmöglich, sie klingt gesprochen anders).

Sorrento (Ben Mendelsohn, als Avatar ein Don-Draper-Verschnitt) ist der Konzernchef im Besitz eines Virtual-Reality-Monopols. In einer für Spielberg seltenen Entscheidung erhält der Bösewicht am Ende jedoch nicht die Höchststrafe Tod, sondern er erkennt die Schönheit der „Oasis“ an, senkt die Waffe und wird abgeführt. Der Mann ist oldschool, auch, wenn er es bestreiten würde. Seine Passwörter schreibt er per Hand auf einen Spickzettel.

Marvel lässt grüßen

Es sind andere Actionszenen, alle außerhalb des Overlook Hotels, in denen Steven Spielberg sich selbst demontiert. Die Verfolgungsjagden auf den Autobahnen, in denen alle Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt werden, sind „Transformers“, sind „Avengers“, sie sind „Valerian“ und „Lego Movie“. Spielberg ist ein Meister der sich von Raum zu Raum entfaltenden Bedrohung („Jäger des verlorenen Schatzes“), hier aber passiert zu viel pro Bild, und das zu schnell. Er erschafft damit lediglich Marvel-Momente.

Noch deutlicher werden die verpassten Möglichkeiten, als er seinen eigenen Tyrannosaurus Rex aus „Jurassic Park“ auftreten lässt. Der Dino von 1993 zählt noch immer zu den beeindruckendsten Kinomonstern, weil er als perfekte Mischung aus echtem Modell und Computeranimation entstand. Der war zum Anfassen. Vielleicht das, was Virtual Reality wirklich sein sollte. Der T-Rex aus „Ready Player One“ ist nur ein weichgezeichnetes Tier wie aus mittlerweile jedem Horrorfilm, der auf einer Insel spielt.

Das Besondere an den Actionstreifen der 1980er-Jahre war das Selbstbewusssein, mit dem die Filmemacher ihre originären Geschichten erzählten. Die Egalhaltung dahingehend, wie spätere Generationen ihre Ideen finden könnten. Die Abwesenheit einer Angst, bald schon wieder altmodisch zu sein. Steven Spielberg probiert sich an einer Hommage an die eigene Vergangenheit, aber bedient sich nur fast nur neuer Mittel.

Vielleicht sollte er im Genre nach neuen, vorwärtsgewandten Zielen zu suchen, wenn er keine echte Retro-Action inszenieren will. Spielberg bezeichnet diesen Film als den drittschwersten, den er je verwirklichte, nach „Der weiße Hai“ (störanfällige Mechanik im Wasser) und „Der Soldat James Ryan“ (Nachempfindung des Zweiten Weltkriegs). Beide waren revolutionär, in Schnitt, Kamera oder den Spezialeffekten. Das sah man sofort. Was genau an „Ready Player One“ so schwierig gewesen sein könnte, kann man zumindest als Laie nicht feststellen. Die Tricks sehen genauso aus wie die in den Superhelden-Blockbustern, die Avatare so dreidimensional wie in James Camerons „Avatar“, und der liegt bald zehn Jahre zurück.

Spielberg gilt ja noch immer als Fackelträger des Fantasy-Kinos, obwohl er in den vergangenen 20 Jahren lediglich zwei (!) Werke gedreht hat, die eindeutig mehr Popcorn als Drama waren: „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ sowie „Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn“.

Beide hatten einige große Momente, aber keiner der beiden war komplett gelungen. „Ready Player One“ fügt sich in diese Liste ein. Es könnte vom Abschneiden dieses Films abhängen, ob Spielberg nach „Indiana Jones 5“ im Jahr 2020 überhaupt noch Lust haben wird, weiterhin im Fantasy-Genre unterwegs zu sein. Er interessiert sich längst für anderes Material. Vor allem will er irgendwann noch einen weiteren Oscar haben für den „Besten Film“ und die „Beste Regie“.

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