„Scharlatan! Betrüger! Svengali!“ Malcolm McLaren ist tot. Ein Nachruf.


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Gestern verstarb Malcolm McLaren im Alter von 64 Jahren in einem Krankenhaus in der Schweiz, wo er wegen seines Leidens an einer seltenen Form des Lungenkrebses behandelt wurde. Das bestätigte McLarens Lebensgefährtin Young Kim der Nachrichtenagentur AFP. Ein Nachruf (von vielen):

Malcolm McLaren war ein Scharlatan. Ein Betrüger. Ein Svengali. So, das musste an dieser Stelle, in dieser Flut an Nachrufen mal gesagt werden. Wobei gerade das letzte Wort ein schönes und passendes ist. Immerhin hieß der dämonisch wie genialisch gezeichnete Charakter in George Du Mauriers „Trilby“ so. Eine Hypnotiseur und Manipulator, der aus dem wunderhübschen aber einfachen Mädchen Trilby O’Ferrall eine große Diva und Sängerin machte, die ihre Auftritte jedoch nur in einem von Svengali herbeigeführten Trancezustand absolvieren konnte. Die Parallelen zu McLarens Bedeutung für den Urknall des britischen Punks und seine gekonnte Strippenzieherei in der Karriere der Sex Pistols dürften ihm gefallen haben. Jedoch war es in diesem Fall natürlich nicht so, dass die Pistols unter McLarens Hypnose auf einmal technisch versiert musizieren konnten – vielmehr könnte man es so drehen, dass McLaren nicht die Band unter Hypnose gesetzt hat, sondern mit seinem grellen Treiben und seiner politisch unkorrekten Inszenierung gleich die ganze britische Gesellschaft und Medienwelt.

Der Grund, warum hier zuerst diese drei nicht so freundlichen Worte ins Feld geführt werden, ist mitnichten dem Wunsch geschuldet, McLaren auf’s Grab zu spucken. Selbst in Anbetracht der Tatsache, dass das Anspucken im Punk ja durchaus positiv belegt ist. Nein, es entspricht vielmehr seinem persönlichen Wunsch, den er noch vor vier Jahren in einem Interview mit der britischen Zeitschrift „Telegraph“ geäußert hatte. Auf die Frage, welche Worte er in seinem Nachruf lesen wollen würde, sagte er eben nicht „Manager“ oder „Sex Pistols“, sondern: „Ich würde sagen: Scharlatan, Betrüger oder Svengali. Oder aber: ‚Der Mann, der die britische Kultur in einen billigen Marketingtrick verwandelte.'“ Auch, wenn McLaren hier ganz urbritisch mit Ironie und Understatement hantiert – trifft das die Sache doch ganz gut. Sein Freundin Young Kim sagte der Agentur AFP natürlich den anderen Teil der Wahrheit: „Er war ein großer Künstler, der die Welt verändert hat.“ Auch sie hat auf ihre Weise Recht.

Man wird Malcolm McLaren natürlich in erster Linie für die Punkte in Erinnerung behalten, die nun in jedem Nachruf auftauchen: Dass er 1975 die Gruppe The Strand managte, ihr den griffigeren Namen Sex Pistols verpasste, den Sänger Johnny Lydon a.k.a. Rotten klarmachte und ihnen die ersten größeren Auftritte verschaffte. Gigs, die in ihrer noch nie gesehenen Wildheit, in ihrer provokativen Inszenierung, in ihrem wilden Bilder- und Zeichenrausch, ganze Generationen von Musikern beeinflussen sollte. Ein gutes Beispiel war der Sex Pistols Gig in Manchester, wo sie 1976 in der Lesser Free Trade Hall vor rund 40 Leuten spielten. Im Publikum: Pete Shelley und Howard Devoto (später Buzzcocks), Stephen Patrick Morrissey (später, nun ja, Sie wissen schon), Mark E. Smith (später The Fall) sowie Peter Hook und Bernard Sumner (Warsaw, Joy Division und später New Order) und angeblich auch „Factory“-Gründer Tony Wilson. Wohl jeder von ihnen hat danach mindestens einmal geäußert, die Sex Pistols seien der Urknall ihrer Musikerkarriere gewesen.

Aber Malcolm McLaren war schon zuvor ein „icon in the making“ der britischen Modewelt. Bereits 1971 eröffnete er „Sex“, jene legendäre „Boutique“, die er gemeinsam mit Vivienne Westwood betrieb, die zudem seine langjährige Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes Joseph wurde. Wobei McLaren dem „Telegraph“ die Beziehung eher zynisch wiedergab: „Ich war sehr jung, mein Testosteron war in Wallung. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, sie attraktiv zu finden. Ich landete mit ihr im Bett, sie entjungferte mich und kurz darauf präsentierte sie mir die Rechnung. Sie war schwanger. Was sollte ich also tun? Ich besorgte mir das Geld für die Abtreibung von meiner reichen Oma und gab es Vivienne. Die sich davon einen Kaschmir-Zweiteiler kaufte.“

Ob diese Worte, die Wahrheit sprechen? Man weiß es nicht. Wusste es bei McLaren nie. Und genau das war es, was ihn so unterhaltsam machte. Auch seine Rolle bei den Sex Pistols wurde von den Bandmitgliedern oft genug kleiner dargestellt, als es McLaren selbst zu tun pflegte. Aber McLaren liebte das Spiel der Provokation, liebte es die öffentliche Meinung mit Hilfe der Medien zu beeinflussen. In einem Fernsehinterview mit dem Sender „ABC“ (siehe unten) sagte er sehr treffend: „Mein Job auf dieser Welt ist es, mit den Medien ins Bett zu steigen, um auf diese Weise mit meinen Ideen, die Welt zu verändern. Punkrock war so eine Idee.“

Punkrock war in der Tat eine Idee, die funktionierte. Andere taten es nicht, was McLaren aber nicht davon abhielt, immer wieder neue anzugehen. So versuchte er sich damit, die New York Dolls in rotes Leder zu stecken und mit kommunistischen Symbole zu behängen (was nicht den erwünschten Durchbruch zur Folge hatte). 1999 hieß es plötzlich, er wolle Bürgermeister von London werden. 2007 tauchte er gar in einer Reality-TV-Show namens „The Baron“ auf, wo er sich für den Sender ITV mit zwei weiteren Prominenten um einen vom Sender gekauften Adelstitel kabbelte.

Eine Lachnummer war McLaren dennoch nie: Selbst, wenn einige seiner „Ideen“ recht obskur waren, schaffte er es mit seinem verschmitzt-verspulten Auftreten noch jedes Mal den Eindruck zu hinterlassen, er wisse schon, was er da tue. Außerdem gibt es noch weitere Punkte in seinem Leben, die sich recht eindrucksvoll lesen: So war er z. B. Produzent des Filmes „Fast Food Nation“ und auf musikalischem Spielfeld zeitweise Produzent von Sinead O’Connor und Tom Jones – was ja auch keine Leichtkaräter sind. Auch sein Management für die grandiosen Adam And The Ants und natürlich Bow Wow Wow darf nicht unerwähnt bleiben.

Wenn also Malcolm McLaren sich nun gerne als Scharlatan, Betrüger und Svengali sehen will, dann wollen wir ihm den Gefallen gerne tun. Und auch seine Einschätzung, dass er die britische Kultur in einen „billigen Marketingtrick“ verwandelt hat, könnte man ihm zuliebe so stehen lassen. Aber es bleibt dabei: Wenn man so unterhaltsam reingelegt wird, wie von ihm, wenn die Scharlatanerie, das Betrügen und das Manipulieren im Svengali-Stil so nachhaltig die Popkultur und Mediengeschichte beeinflusst hat – dann ließ man sich das doch nur zu gerne gefallen. Und von ihm besonders. Daniel Koch