So war das SPOT Festival 2012: Schon fast zuviel

Es ist Mittag. Inbrünstig singt ein junger Mann auf einem großen Stromkasten stehend in der Sonne. Seine glatt frisierten Haare fallen ihm dramatisch ins Gesicht. Der Weltschmerz setzt ihm sichtlich zu, sodass er sich ab und an bei seinem Freund neben ihm am Klavier abstützen muss. Diese Szene ereignet sich nicht etwa auf einer der zwölf Bühnen des SPOT Festivals, sondern an der Ecke vor dem Haupteingang. Die zwei Jungs versuchen, wie viele der 117 Bands des Line-ups, die Aufmerksamkeit der vielen Branchenleute, die das Festival besuchen, auf sich zu ziehen, vielleicht einen Plattenvertrag einzuheimsen.

Auf der 18. Ausgabe des Musikerauflaufs in Aarhus präsentiert sich wie jedes Jahr alles, was Namen und oft noch keinen Rang hat in Skandinavien. Bands, die vor langer Zeit ihren Durchbruch auf ebendiesem Festival hatten, kehren mit ordentlichem Krach zurück, während jüngere, talentierte Bands versuchen, es ihnen gleich zu tun.

Und Aarhus hat sich dieses Mal noch ein bisschen mehr Mühe gegeben als im vergangenen Jahr. Die Stadt möchte 2017 gern europäische Kulturhauptstadt werden und präsentiert deshalb auch gleich noch zwei weitere Festivals im Mai (Spor und Sustainability). Für SPOT wurde extra ein alter Güterbahnhof (Godsbanen) gleich zum Haupt-Festivalgelände mit sechs neuen Venues umgebaut.

Es ist fast schon zu viel. Wer von allem etwas sehen will, hetzt zwischen den Konzertorten hin und her und ärgert sich oft, nicht mehr hineinzukommen. Da bleibt zu wenig Zeit, die dänische Höflichkeit auszukosten, oder das leckere Chili con Carne, das im kleinen Außenbereich serviert wird (wer hier lange anstehen muss bekommt die Wartezeit mit leckerem Hyldeblomst Saft versüßt).

Ein Spaziergang durch Aarhus lohnt aber auf jeden Fall. Das ARoS Museum mit dem Regenbogen-Gang und auch die gemütlichen Pubs, deren Live-Musik der auf dem Festival in kaum etwas nachsteht, sollte man mal besucht haben. Zwei Blocks entfernt von der Aufregung, beim Sitzen am Kanal, merkt man schon nichts mehr vom Musiklärm des SPOT. Die Stadt ist unglaublich sauber und aufgeräumt, genau wie das Festival: Helfer sammeln die gesamte Zeit über Müll auf. Die Atmosphäre ist entspannt. Wie bei einem Familientreffen laufen Bands zwischen den Zuschauern herum. Es ist schwer zu sagen, wer Band und wer Zuschauer ist. Die meisten kommen aus Skandinavien, viele der Dänen sind aus Kopenhagen angereist.

Einer der Höhepunkte des ersten Abends kommt aus Helsinki. LCMDF ( Le Corps Mince de Françoise), zwei Finninnen , die die Zuschauer sofort mitreißen. Bei ihrer Ankündigung wurde betont, dass sie nicht nur „based in Helsinki“ sind, sondern auch eine enge Verbindung zu Berlin haben. Das scheint als cool zu gelten. Mit ihrer Mischung aus Pop und Sprechgesang erinnern LCMDF, man traut es sich kaum zu sagen, an die Spice Girls. Sängerin Emma Kemppainen gibt in dieser Konstellation eine Mischung aus Posh und Sporty Spice mit ihrer unerschöpflichen Energie, dem Glitzerstein auf ihrer Stirn und den lasziven Bewegungen. Sie klettert auf Amplifier und springt ins Publikum. Ihre Schwester Mia hält sich ein wenig zurück, lässt die Haare vor ihr Gesicht fallen, gibt die Geheimnisvolle. Leider ist an dem Konzertraum, in dem sie spielen, überhaupt nichts geheimnisvoll. Das „Katapult“ sieht genauso aus wie drei andere Venues im Godsbanen, die interessanter heißen als sie sind: Blackbox, Remisen (zu Deutsch „Depot“) und Kedlen („Kessel“). Grau, langweilig, mit Wartezimmerflair.

Der einzige Konzertraum im Godsbanen, der ein wenig hervorsticht ist der Radar. Schultz and Forever dürfen hier auftreten. Mit ihrem leicht pathetischen Sound versetzen sie die Menge in Stille, es kommt fast sowas wie Intimität auf. Der 17-jährige Jonathan Schultz singt wie ein Großer, seinen Songs mit ihren sehr düsteren Texten kann er jedoch leider noch keine angemessene Glaubwürdigkeit verleihen. Schultz sieht aus wie eine strohblonde, unbebrillte Version von Harry Potter, der zu früh erwachsen werden musste. Verzaubern kann er die Zuschauer trotzdem, spätestens mit dem James Blake-esken „Falling“.

Freja Loeb spielt an diesem Tag im Rytmisk Sal des Musikhuset. Eine theatralische aber überzeugende Performance im Blondie Style. In weißem Blazer und mit extravagantem Haarschnitt bewegt sie sich wellenartig, ihre Stimme durchdringt auch die hintersten Reihen des Raumes, der leider den Charme einer Aula hat.

Zur Headliner Zeit fällt am Freitag die Entscheidung dann schwer. Will man zu dem Drum and Bass der gehypten Bottled in England abtanzen, andächtig den großen Tönen des Choir Of Young Believers lauschen oder das (am Abend nicht mehr ganz so) geheime Konzert von Veto sehen? Ausschlag gibt die Location: Veto spielen im Gården („Bauernhof“), der einzigen Outdoor Bühne, bei der die Menschen teilweise auf dem angeschrägten Dach des Godsbanen stehen. Auch wenn Bekannte später erzählen werden, dass Bottled in England extrem geil gewesen seien oder dass Choir of Young Believers einmal mehr unter Beweis gestellt haben, dass sie sehr gute Musiker sind – es war die richtige Wahl. Trotz Jahren der Routine spielen Veto jeden Song mit der Dringlichkeit, die er verdient, machen an diesem Tag vielleicht die einzige Musik, die man nicht mit einem Vergleich erklären kann. Purer Elektro-Rock. Die Security-Damen fangen an, verrückt loszutanzen. Menschen steigen auf Bänke, auf denen passenderweise als Werbung gesprayt wurde „You’re part of it“. Und in diesem Moment stimmt das. Troels Abrahamsen legt auf der Bühne seinen typischen Dance hin. Im Beat der Bässe tut es ihm die Meute nach. Es ist eine riesige kalte Party bei gefühlten zwei Grad, trotzdem sieht man hier und da Sonnenbrillen. Und es ist viel zu schnell vorbei. Nach vierzig Minuten geht die Beleuchtung wieder an und plötzlich ist alles, als sei nichts gewesen.

Am Sonnabend musste man am Nachmittag vor allem Daniel Norgren aus Schweden sehen. Der bluesige Kauz sticht mit seinem Americana Folk aus der Masse der ewigen, elektronischen Musik heraus. Norgren spielt zwei Instrumente gleichzeitig, Schlagzeug und Gitarre, begleitet wird er von einem Kontrabassisten. Er erzählt nicht viel und ab Reihe vier ist er nicht mehr zu sehen. Aber Hören reicht. Auch Herr Schultz ist vorbeigekommen, womöglich um sich eine Scheibe abzuschneiden.

Im Katapult beginnt wenig später das Konzert von Altmodisch, die unter anderem als neue Coldplay angekündigt und angepriesen wurden. Leider bewahrheitet sich diese These nicht. Sie haben große Melodien und vor allem Freude am spielen, aber zu viele Details und Verspieltheiten im Sound überladen die Songs. Kristoffer Lyhne stimmt das Publikum durch klatschen auf seinem nackten Bauch auf die Songs ein, sein Bruder Mathias wirbelt im St.-Pauli-Shirt auf dem Schlagzeug. Sänger Hans-Christian Pommergaard singt in der immergleichen Höhe. Nur bei „Sometimes You Are An Enemy“ wechselt er in eine tiefere Tonlage, und es stellt sich die Frage, warum er das nicht öfter macht. Das Katapult ist dreiviertel voll mit wohlwollend nickenden Zuschauern. So viele hatte die Band gar nicht erwartet.

Der Geheimtipp des Abends sind Boho Dancer. Sie spielen in einem der drei angestammten Clubs des Festivals, im Atlas. Ihre Musik ist verwunschen, ihre Texte verletzlich, ehrlich und naiv. Sängerin Ida Wenøe schreit in einem Song mehrmals mit furchtbaren Grimassen ins Publikum „Do you like me?“, und es ist ein Wunder, dass niemand aus Scherz „No“ in die Stille ruft. Immer wieder überschüttet sie das Publikum mit Dank, „Tusind Tak“, freut sich über die andächtige Menge. Asker Bjørk haut leidenschaftlich auf seine Drums ein, Símun Mohr wechselt zwischen Gitarre und Kontrabass. Bester Song ist „Good Vibrations“. Nach der Ankündigung geht ein leises Lachen durchs Publikum. Es vergeht bald. Der Song baut sich auf, nimmt in eine Trance mit und lässt alle gleichzeitig aufwachen.

Headliner am Sonnabend sind unter anderem The Raveonettes und Alphabeat, wobei die Raveonettes so einen Krach machen, anspruchsvollen Krach, dass einige Zuschauer sich die Ohren zuhalten müssen. Zum Abschluss des Festivals spielt die Band, die mit Massive Attack beschrieben wurde: die isländisch-dänischen Kúra. Die beiden Producer Rasmus Liebst und Brynjar Bjarnfos an den Drums und Tasten musizieren zusammen mit einem Gitarristen, der hin und wieder in Jamie XX-Manier dazwischen singt, während Fanney Ósk Þórisdóttir ihre Stimme elfengleich einsetzt. Zeitweise ist die Atmosphäre tatsächlich sehr verheißend, hat etwas Geheimnisvolles und in den besten Momenten kommt sie Massive Attack nahe. Aber allein das überschwängliche Lächeln von Ósk Þórisdóttir macht diesen Eindruck wieder zunichte, zu süß, zu freundlich. Kura sind auf ihre ganz eigene Art gut, auch wenn der Schlagzeuger noch kleine Fehler macht und Bjarnfos leicht bei seinem Spiel vor Aufregung zittert. Gerade mal neun Monate spielt die Band in dieser Konstellation zusammen.

„Wer die Musik einer Band beschreibt, indem er sie mit einer anderen Band vergleicht, macht es sich zu einfach.“, sagte Jannis Makrigiannis, Sänger des Choir Of Young Believers, noch im Interview. Aber bei so viel Musik auf einmal fällt es schwer, keine Schubladen zu öffnen. Und wie Frank Zappa wusste, ist über Musik zu schreiben wie über Architektur zu tanzen. Deswegen: selbst hören!

Hier haben Sie die Gelegenheit dazu:

Schultz and Forever – „Falling“

Boho Dancer – „Good Vibrations” und Interview

Daniel Norgren – „Whatever turns you on”

Veto – „Built to Fail”

Kúra – „Gógó”

LCMDF – „Bitch Of The Bitches“

Altmodisch – „Where I am Hiding (German Autobahn Edition)“

Autobahn (Halle / Hamburg) from Altmodisch on Vimeo.

Bottled in England – „Change“


CBGB's: Der legendäre Club auf der New Yorker Bowery

Weiterlesen
Zur Startseite