The Swell Season: Keine Lust auf L.A.


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Es gibt Menschen, die Markéta Irglová und Glen Hansard für singende Schauspieler halten. Oder für die realen Personen einer Doku. Man muss sich ein bisschen konzen­trieren, um Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten in der Geschichte von The Swell Season, die durch den Film „Once“ eine unerwartete Wendung nahm. Irglová und Hansard spielen dort zwei Musiker, die sie selbst sein könnten, in der Stadt, in der sie leben. Auch die Lieder, die sie singen, haben sie selbst geschrieben, im Rahmen ihrer bereits vorher unter dem Namen The Swell Season begonnenen Zusammenarbeit. Selbst der Plot des Films belehnte an vielen Stellen die Wirklichkeit, die ihn obendrein in gewisser Weise fortsetzte – während sich Irglová und Hansard auf der Leinwand nicht kriegten, wurden sie real kurz ein Liebespaar.

„Die Leute fragen mich immer noch, wie es meiner Tochter gehe, und ob ich mich mit meinem Ehemann wieder vertragen habe“, erzählt Irglová, in der Realität weder Mutter noch verheiratet. „Ich finde das aber eigentlich ganz reizvoll – wir wollen doch immer, das unsere Kunst möglichst nah am Leben ist.“

Irglová, die zu Beginn der Dreharbeiten vor ungefähr drei Jahren gerade mal volljährig war, hat sich ihre seltsam verschwiegene Offenheit und distanzierte Nahbarkeit bewahrt, wirkt aber fester, erwachsener wohl. Während Hansard, früher mal Sänger von The Frames, wonnig und freundlich jedes Wort von den Lippen abliest, beobachtet Irglová genau und lässt keine unklare Frage durchgehen. Es ist gleichzeitig etwas sehr Schlichtes und Klares in dieser Frau, die sich, so kommt es einem vor, nicht so leicht etwas vormachen lässt.

Auch nicht von Hollywood. Als Fox den kleinen irischen Film in die USA holte und groß herausbrachte, war bald der Oscar im Gespräch, den The Swell Season schließlich für das Wunderlied „Falling Slowly“ bekamen. „Es war absoluter Irrsinn“, erinnert sich Irglová an die Monate vor der Verleihung, „Wir wurden das Gesicht des Films und mussten zu all diesen Partys. Das ist eine richtige Kampagne, die man machen muss, völlig surreal. Ich bin eher ein Landmädchen, ich gehe gern spazieren und bin in der Natur zufrieden. Wenn das normale Musikersein – Konzerte spielen und Songs schreiben – eine Art Landleben ist, dann war Hollywood die große Stadt. Ich mochte es nicht.“

„Wir hätten Songs für Filme schreiben und nach L.A. ziehen können“, sagt Hansard. „All diese Türen öffneten sich, und die Leute fragten uns: Wollt ihr das? Aber wir wollten eigentlich nur zurück zum Musikmachen. Ich habe mit den Frames 15 Jahre lang um den Erfolg gekämpft, und als er mit The Swell Season kam, konnte ich nicht anders, als weiterzukämpfen und mich wegen des Ruhmes schlecht zu fühlen. Hatte ich mich verkauft? Hatte ich es versaut? Erst jetzt kann ich das alles als einen großen Segen erkennen, weil wir unsere Musik zu einem so viel größeren Publikum bringen konnten.“

Nun ist das zweite Album fertig, „Strict Joy“. The Frames, die irgendwann nach den Oscars die Live-Band von The Swell Season wurden, spielen darauf mit Hansard und Irglová Lieder, die nicht mehr so klagend sind wie die des Debüts, sondern den Songwriter-Folk um Soul und 70s-Pop erweitern. „Ich habe mit The Swell Season angefangen, weil ich raus musste aus der Schablone einer Rockband. Ich ertappte mich dabei, wie ich die ruhigen Songs am Ende der Platten immer wichtiger fand. Diese perfekten Harmonien und das Pianospiel von Mar auf meinem Songs zu hören, war wie eine Erlösung.“

Jörn Schlüter