Die besten deutschen Songs aller Zeiten: Tokio Hotel – „Gegen meinen Willen“


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Im Leben eines jeden Vaters kommt einmal der Tag, an dem er mit seinem Kind zu einem Konzert gehen muss, zu dem er niemals allein gewollt und zu dem das Kind niemals allein gedurft hätte. In meinem Fall war das Tokio Hotel, open air in Bonn.

Wir standen weiter hinten, die ganze Zeit wurden die schon sprichwörtlichen ohnmächtigen Mädchen an uns vorbeigetragen, das Dauerkreischen war der prognostizierte Wahnsinn, der normale Radiorock der Band dadurch kaum zu hören, was für mich im Prinzip auch in Ordnung ging.

Solidarität mit den Übergangenen

Dann sagte Sänger Bill Kaulitz ein Lied sinngemäß ungefähr folgendermaßen an: „Wir alle wissen, das Leben ist geil. Aber es gibt auch Dinge im Leben, die sind voll ungeil. Zum Beispiel, wenn sich die Eltern scheiden lassen. Meinem Bruder und mir ist das selbst passiert. Deshalb heißt das nächste Stück ,Gegen meinen Willen‘.“

Es folgte ein noch mal etwas lauteres zustimmendes Kreischen. Ich stand da, selbst gerade frisch geschieden, neben meiner Tochter, fühlte mich fürchterlich, fand die Band aber plötzlich irgendwie wirklich großartig. Der Song sprach Tausenden gequälten Teenie-Seelen aus derselben. Er gab ihrer Empörung eine Stimme, er ließ sie in ihrer Ohnmacht nicht allein. Er war wie eine Solidaritätsadresse an all die entrechteten, übergangenen Minderjährigen. Mehr kann Teenie-Popmusik nicht leisten, mehr kann man von ihr nicht verlangen.


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Inzwischen sind sie alle erwachsen geworden, die einst ohnmächtigen Teenie-Mädchen, aber auch die Band. Erstere hören heute ganz andere Bands, von Letzteren hat man, abgesehen von ihrer uncoolen Jury-Teilnahme bei „DSDS“, nicht mehr viel gehört. Dabei hätte ich damals schwören können, dass uns diese Band noch lange begleiten würde, im Guten wie im Schlechten. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wann sie tatsächlich fortgesetzt wird, bleibt allerdings abzuwarten.


Ist es Zeit, Nena an ihre eigene Friedens-Hymne zu erinnern?

Hätten die USA und die Sowjetunion in den Achtzigern einen Atomkrieg begonnen, Deutschland wäre wohl als Erstes pulverisiert worden. Das 1983 veröffentlichte Friedenslied spielte mit der Paranoia der Militärmächte: Luftballons werden für unbekannte Flugobjekte gehalten und lösen den Nuklearangriff aus. Der NDW-Song mit Tagebuchpoesie machte 1983 Nena, die erst ein Jahr vorher von Mitgliedern der Gruppe Spliff entdeckt worden war, zur größten deutschen Sängerin – und das weltweit: Auch in England kam der Song auf den Spitzenplatz der Charts. Die englischsprachige Version kletterte 1984 in den USA immerhin auf Rang zwei, so hoch wie danach keine deutsche Produktion mehr. https://www.youtube.com/watch?v=0fmHCpfAknE…
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