TV-Kritik: „Unser Song“ – Pompös-umständliche Namen und ganz viel Positivität

Ein Fest der pompösen, umständlichen Namen ist dieser Vorentscheid („Tagesschau“: „der Sängerwettstreit“) zum Eurovision Song Contest. Der verzopfteste, erstaunlich ausgedachte Name ist Felicia Lu Kürbiß. Die Handy-Verkäuferin hat ein Medley aus Elektro-Pop-Schlagern des vergangenen Jahres zusammengemischt und selbst gesungen, und es klingt auch wirklich alles gleich. Yosefin Buohler wird auf der ESC-Website als „singende Halbschwedin“ vorgestellt; im schwedischen Kinderfernsehen spielt sie eine Kartoffel: Typ kecker Springsinsfeld mit asymmetrischer Kurzhaarfrisur.

Helene Nissen ist die Helene: lachend, große Brille, „Positivität“ ausstrahlen wollend und, seit sie den Film „Walk The Line“ in der Schule sah, von Johnny Cash betört. Sie glaubt, dass Johnny Cash Blues gesungen hat, weil ihr Lieblingslied „Folsom Prison Blues“ heißt. Den Song singt sie laut, fröhlich, falsch und ohne Verständnis zur akustischen Gitarre – Florian Silbereisen gefällt’s am besten, er denkt an seine Samstagabend-Show. Später reicht er der „kleinen Maus“ (20) ein Taschentuch, sie ist etwas verschnupft.

Helene Nissen
Helene Nissen

Von „Jugend musiziert“ zum ESC

Axel Maximilian Feige ist Musiklehrer, auch mal Straßenmusiker, aber eigentlich spielt er dauernd „in Clubs Funk und Soul“, wie er etwas indigniert auf eine saloppe Bemerkung der saloppen Barbara Schöneberger („… mit dem aufgeklappten Koffer da vorn“) antwortet. Isabella Levina Lueen heißt eigentlich Isabella „Levina“ Lueen, so die ESC-Website, also eigentlich gar nicht Levina, als die sie aber antritt. Sie hat bei „Jugend musiziert“ gewonnen, an der Tech Music School in London studiert, am King’s College dortselbst. In einer Selbstauskunft beschreibt sie sich: „kreativ, weltoffen, und ich bin sehr groß“. Das trifft zu. Sie hat schon gewonnen, als sie Adeles „When We Were Young“ singt.

Die Juroren wissen das. Neben dem aufmunternd Belangloses schwafelnden Silbereisen sitzen die plappernde Lena Meyer-Landrut, die immerzu behauptet, gleich weinen zu müssen, und der sich angestrengt um Positivität mühende Tim Bendzko. Die konziliante Jury ist vollkommen unnötig, denn nur die Zuschauerstimmen zählen. Ein windiges Stimmungsbild aus irgendwelchen Ausländern wird zwischenzeitlich eingeblendet – noch nach der Reduktion auf Levina und Axel ist die Statistik mit 50:50 spektakulär auf dem falschen Dampfer.

Isabella 'Levina' Lueen mit Deutschlandfahne
Isabella ‚Levina‘ Lueen mit Deutschlandfahne

Veralberter Kandidat

Axel Maximilian Feiges Interpretation eines James-Bond-Knödels von Chris Cornell ist eine hüftsteife Anzug-und-Weste-Darbietung; vollends gesichtsgelähmt, ausdrucks- und anteilnahmslos singt er dann die zur Wahl stehenden Lieder „Wildfire“ (Erbauungskonfektion von Marit Larsen, einst Norwegen, heute New York) und „Perfect Life“ (Erbauungskonfektion von Lindy Robbins, Hollywood). Einmal bewegt Alex seine Hand nach links: Hm, manchmal muss man etwas Falsches tun, bevor man das Richtige tut. Vor der Entscheidung wird der Kandidat bereits von Schöneberger und den Juroren veralbert: Einen Schritt nach vorn habe er ja schon gemacht, im Erfolgsfall komme noch Gestik hinzu. Muss dann nicht.

Barbara Schöneberger mit Axel Maximilian Feige
Barbara Schöneberger mit Axel Maximilian Feige

Isabella Levina Lueen aber macht nicht nur die R&B-Diven-Celine-Dion-Helene-Fischer-Emphasegeste mit der rechten Hand (beschwörend, affirmativ seitlich neben dem Kopf schwebend) – sie produziert auch den Schimmer in den Augen. Und es ist nicht bloß die leichte Erkältung. Lena Meyer-Landrut erinnert sich daran, dass ihr im letzten Jahr bei einem Konzert nach dem vierten Song die Stimme wegblieb und sie Hustenbonbons lutschte.

Am Ende tritt Levina nur noch gegen sich selbst an, sie singt beide Songs noch einmal. Silbereisen tröstet den starren Alex: Der ESC sei nicht der richtige Wettbewerb für ihn. Tim Bendzko hat seinen größten Moment: Wettbewerb sei überhaupt nicht das Richtige für ihn. Man dankt Alex, der wie in Hypnose von der Bühne schreitet.

Gewählt wird nicht das von der Jury favorisierte „Wildfire“, sondern „Perfect Life“. Barbara Schöneberger hat schon auf den volatilen Charakter der Songs verwiesen: Denkbar seien auch „Wildlife“ und „Perfect Fire“. Levinas Beine, so die aufgedrehte Ulknudel, reichen ihr bis zu den Brüsten, wenn sie keinen BH trägt. Schöneberger ist wieder Bombe: Eine Umbaupause überbrückt sie mit der Erinnerung an die quälend langwierigen Umbauten für das Schiff der Shanty-Krakeeler Santiano bei einem früheren ESC-Vorentscheid, die immer wieder die Bühne enterten.

Matthias Schweighöfer leicht bedröppelt
Matthias Schweighöfer leicht bedröppelt

Lena Meyer-Landruts Silberglitzerkleid ist berückend

Und dann singen Nicole, Conchita und Ruslana, allesamt GewinnerInnnen des Song Contest, zunächst nacheinander, dann gemeinsam „Satellite“, Lenas Siegeslied von Dings. Nicole sieht besser als aus 1982, Kunststück, Ruslana gesamtlederner noch als 2004, und am besten sieht Conchita aus, die in einem legeren Tataren-Mix aus Schlafanzug und Karatekostüm mit blanker Brust, wallendem Haar und verwegenem Vollbart auftritt und das Lied barmend fistelt, während Nicole es artig schlagert und Ruslana es zerschlägt.

Peter Urbans Stimme kommentiert einige Kandidaten aus anderen Ländern mit der patentierten eigentümlichen Unentschlossenheit aus Gratis-Ironie („Die Ähnlichkeit mit Adele ist bestimmt Zufall“), Expertise („Außenseiterchancen“) und Nichts („… bleibt abzuwarten“).

Ob Levinas rüstige Rührnummer beim friedlichen Miteinander der Nationen ankommt, sag ich mal, bleibt abzuwarten.

Sascha Steinbach Getty Images
Sascha Steinbach Getty Images
Sascha Steinbach Getty Images
Sascha Steinbach Getty Images


Schon
Tickets?

Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe

Was ist nur aus dieser Band geworden, die einmal so treffend den „Trouble“ nach der verloren gegangenen Liebe besang, sich in die Gehirnwindungen eines Wissenschaftlers vergraben konnte, das erbarmungslose Verstreichen der Lebenszeit in eine grelle Klavier-Tanz-Nummer überführte und den Titel eines ihrer kürzesten und schönsten Songs dem goldenen Mantra eines Kultbuchs für Nerds und Studenten entlieh? Ich muss zugeben, dass ich an Coldplay verzweifle. Ich kann nicht begreifen, wie es möglich sein kann, dass vier doch recht begabte Typen, die einen Haufen unsterblicher Lieder geschrieben haben, plötzlich aufgehört haben, Musik zu machen. Oder wenigstens Musik, die berühren will. Wie sensibel…
Weiterlesen
Zur Startseite