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Zum Tode von Alan Vega: Der elektronische Punkrock-Elvis und die Legende von Suicide

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Zum Tode von Alan Vega: Der elektronische Punkrock-Elvis und die Legende von Suicide

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Das Interview fand in einer düsteren Billardhalle statt, auf dem Tisch stand eine Flasche Wodka. Alan Vega erzählte viel, er trug einen Satin-Blouson auf dessen Rücken die Umrisse Vietnams eingestickt waren, er trank und stand nach drei Stunden abrupt auf. Er müsse jetzt gehen. Draußen war es gleißend hell.

Knapp 25 Jahre ist das nun her. Vega hatte ein neues Suicide-Album mit seinem Partner Martin Rev aufgenommen, was selten genug vorkam. Fünf waren es am Ende, plus einer legendären, von Lester Bangs kuratierten Live-Kassette. Die und die ersten beiden Suicide-Alben muss man haben. Die erste Platte, schlicht „Suicide“ betitelt, trug einen zerbrochenen blutenden Stern auf dem Cover und erschien 1977 auf dem winzigen Red Star-Label, sieben Jahre nachdem das Duo erstmals aufgetreten und von der Bühne gejagt worden war. Angekündigt wurde ihr Debut-Konzert 1970 in New York als „Punk Music by Suicide“, 1970 wohlgemerkt. Manche behaupten, dies sei die erste urkundliche Erwähnung des Begriffs „Punk Music“. Doch es vergingen ein paar Jahre, bis die beiden Kunststudenten aus Brooklyn ihren Sound gefunden hatten, bis sich aus dem Gelärme irgendwann Martin Revs minimalistische Elektronik herausschälen konnte, zu der Alan Vega sang wie ein Elvis aus der Eistruhe. Ihr vier Jahre später, 1981, veröffentlichtes zweites Album streute etwas Zucker auf die Wunden, es war nicht minder radikal, wurde und wird jedoch von der Kritik zu Unrecht gering geschätzt. Denn noch heute klingen Vegas obszön wimmernder Gesang und Revs kühl pluckernde Farfisa-Orgel wie ein eisiger Wind aus der Zukunft.

Suicide bereiteten Electro-Pop und Techno den Weg, provozierten den „Rock“ in Punkrock, und sogar Bruce Springsteen verneigte sich mit einer gefühlvollen Coverversion von „Dream Baby Dream“ vor ihnen.

Alan Vega, 1938 als Boruch Alan Bermowitz in Brooklyn geboren, hatte in den 50er-Jahren Kunst studiert, in den 60ern mit der Art Workers Coalition an einer Besetzung des Museum Of Modern Art teilgenommen, ein Stipendium der Stadt New York gewonnen, einen Galeristen obendrauf, dann einen Künstlernamen (Alan Suicide), eine 24-Stunden-Installation gefertigt und ein paar Bilder verkauft. Der Weg ins Kunstestablishment schien vorgemalt. Doch dann sah Alan Bermowitz ein Konzert der Stooges. Fuck art! Das war die Kunst, die er meinte! In Martin Reverby fand er schließlich einen Mitstreiter, und Rev blieb Vegas Bezugspunkt bis zum Schluss.

Getrennte Wege

Nach dem zweiten Suicide-Album waren sie zunächst getrennte Wege gegangen, Rev nahm Instrumentalalben auf, die wie Minimal Techno klangen, und schrieb Soundtracks für Kunstfilme; Vega hatte 1980 mit „Jukebox Baby“ einen Hit in Frankreich, nahm zahlreiche Rockbabilly-Elektro-Alben auf, von denen die drei ersten, sowie das späte, durchgeknallte „Power To The Zero Hour“ und die Zusammenarbeit mit Alex Chilton, „Cubist Blues“, zu empfehlen sind. In seinen letzten Lebensjahren, vor allem nach seinem Herzinfarkt 2012, malte Vega wieder und trat kaum noch auf. In Lyon richtete man eine Ausstellung für ihn aus, gelegentlich traf er Martin Rev, selten gaben sie einzelne Konzerte; zuletzt war ein Suicide-Auftritt für diesen Herbst geplant.

Mit Alan Vega ist einer der kühnsten Rock’n’Roller gestorben. Und einer der charmantesten Schwindler. Nicht nur sein Alter hat er notorisch falsch angegeben (er machte sich stets ein paar Jahre jünger), auch seiner Biografie fügte er gerne exotische Ausschmückungen hinzu. Als ich ihn damals in der Billardhalle irgendwo in der Lower Eastside auf seine „Vietnam“-Jacke ansprach, erzählte Vega, er sei Kriegsveteran. Stimmte nicht. Hätte aber stimmen können.

 

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