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111 Songs: Fehlfarben – „Grauschleier“

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111 Songs: Fehlfarben – „Grauschleier“

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Es liegt ein Grauschleier über der Stadt/ Den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“: Direkt aus den Jugendzimmern der bleiernen Republik schreit diese Musik der Welt ihre großen, ungelösten, unlösbaren Fragen entgegen. Es geht um nichts weniger als die letzten Dinge. Man hört hier Menschen, die alles wollen, aber nichts haben können, und die wissen, dass sie nichts wissen: „Ich kenne die Welt/ Ich bin im Kino gewesen“, singt Peter Hein von den Fehlfarben auf deren erster, bedeutendster, epochaler LP „Monarchie und Alltag“ in dem Song „Grauschleier“. Der Sound ist so nihilistisch und minimalistisch wie der vieler Zeitgenossen in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren. Aber die Texte! So verzweifelt und kraftvoll und dabei doch so kalt wie Peter Hein hat niemals jemand zuvor und niemals jemand seither in deutscher Sprache über die Unmöglichkeit gesungen, Frieden und Glück in der falschen Welt zu finden; so gefühllos-gefühlvoll wie er hat – jedenfalls im Rock’n ’Roll – niemals wieder jemand über seine intimsten Leiden gesungen und dabei sein Innerstes nach außen gekehrt, ohne dass es peinlich gewirkt hätte.

Hatte Punkrock noch die zahnlose Gefühlsduselei der Hippies und Nach-68er von der musikalischen Bühne gefegt, so stellten die Fehlfarben auf ihrem Debüt für einen kurzen, viel zu schnell wieder verfliegenden Moment erneut die Frage nach dem Glück. Hatte Punkrock noch die Hippie-Sehnsucht nach dem richtigen Leben im falschen als realitätsfernes Hirngespinst entlarvt, so umspielten die Fehlfarben noch einmal die Sehnsucht danach, ohne – wie der Rest der New Wave – in musikalisch und lyrisch überholtes Vokabular zurückzufallen. Darin besteht ihre historische Leistung: Über der Musik der 80er-Jahre strahlt diese Platte (und neben ihr vielleicht nur „Closer“ von Joy Division) wie ein kalter, unendlich weit entfernter Stern. Ein Werk, das Leben verändern konnte und dabei doch rätselhaft blieb.

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