111 Songs: Fink – „Ich kümmere mich darum“


von

Die Band spielt minutenlang einen zerschossenen Bar-Jazz, dann kommt ein Typ mit Karohemd auf die Bühne, unrasiert, eine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Er winkt die Leute heran. Die wundern sich zunächst und kommen nur langsam näher. „Na, komm rein und setz dich, ich hab hier was für dich“, sagt der Typ, „Karten fürs Theater und ’ne Maske fürs Gesicht/Ein rotes Taschenmesser, eine Uhr aus Edelstahl/ Elektronische Geräte, ein fast frischer Räucheraal.“ Scheint sich um einen Hehler und Krämer zu handeln, einen Trickser und Con-Man, die Halbwelt-Version eines Frutariers: einen, der sich nur von Sachen ernährt, die vom Lkw gefallen sind oder sonst irgendwo auf der Straße rumlagen. Aber auch einen Mörder kann er dir besorgen. Vielleicht ist er ein auf die schiefe Bahn geratener Bruder von Lefty, dem Dealer aus der Sesamstraße, oder eine Figur von Tom Waits, die es irgendwie in den Kiez von St. Pauli verschlagen hat. „Wenn du willst, tisch ich dir dicke Lügen auf/Und wenn du grad nicht hinsiehst, verkauf ich deine Haut.“

Oft hat Nils Koppruch das Publikum mit dieser Performance in den Kosmos seiner Band hineingeführt. Als 1997 das erste Fink-Album, „ Vogelbeobachtung im Winter“, erschien, war das ein ziemlich komischer Kauz zwischen all den Platten der Hamburger Schule. Koppruch berief sich auf die Outlaws der amerikanischen Musiktradition von Johnny Cash bis 16 Horsepower und verstand es wie kein Zweiter, deren Manierismen und Mythen ins Deutsche zu übersetzen. Oder vielleicht sollte man es besser maritim formulieren: überzusetzen – über den Atlantik, in seine Heimat Hamburg. Aus dem mythischen Moonshiner etwa, dem Schwarzbrenner, hat er für den Titel des dritten, 1999 erschienenen Fink-Albums, auf dem sich „Ich kümmere mich darum“ findet, den hanseatischen „ Mondscheiner“ gemacht. Und dieser Mondscheiner, das war er selbst. Ein dunkler Romantiker und poetischer Liederschreiber, der das stärkste Zeug in ganz Hamburg brannte.