Neunte Kunst (20)

„Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ von Ulli Lust: Ménage à trois mit Folgen

Mit ihren autbiografischen Comics um Körper und Sex hat Ulli Lust einen Nerv getroffen. Inzwischen ist sie eine der bedeutendsten Comickünstlerinnen des Kontinents. „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ ist vielleicht ihr klügstes und sinnlichstes Werk.

In einem wolkenverhangenen Sonntag kurz vor Herbst wählt die Wahlberlinerin aus Österreich ­Ulli Lust bei unserem Treffen den Tisch auf dem Gehweg. Solange die Chance besteht, dass sie etwas Sonne erhaschen kann, zieht sie die Natur der gemütlichen Kaffeehausatmosphäre im Innern des Cafés vor. Vielleicht ist auch das Teil ihrer Anpassung an die Hauptstadt, in der man gern noch im Winter unter Heizpilzen auf der Straße gepflegt seinen Cappuccino genießt.

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Wie auch immer, die in Wien geborene Zeichnerin räumt mit etwas Stolz ein, in den letzten 25 Jahren „eine echte Berlinerin geworden“ zu sein. Berlin spielt auch eine große Rolle bei ihrem Aufstieg von einer Selfmade-­Illustratorin zu einer international anerkannten Comiczeichnerin. Der Weg dorthin war beschwerlich. Nach dem Schulabbruch, dem Abtauchen in der Wiener Punkszene, einem Ausreißversuch nach Italien, wo sie obdachlos zwischen Drogen- und Rotlichtszene umherirrt, kehrt sie nach Österreich zurück. Sie will Kunst studieren, doch zunächst wird sie schwanger. Ihr Sohn wächst auf dem Dorf bei ihren Eltern auf, während sie in Wien eine Bewerbungsmappe nach der anderen fertigt. „Ich habe mehrmals den Anlauf gestartet, an der Hochschule zu studieren. Aber die haben mich nicht aufgenommen.“

Schicksalhafter Fehler

Lust will dennoch zeichnen und beginnt für ihren Sohn Kinderbücher zu illustrieren. Drei davon erscheinen in einem kleinen österreichischen Verlag. Bei der dritten Publikation Mitte der 90er-Jahre unterläuft dem Verleger ein geradezu schicksal­hafter Fehler: Im Verlagsprogramm schreibt er in ihre Vita, dass sie in Berlin studiert hätte. „Die falsche Angabe war mir unverhältnismäßig unangenehm, ich litt darunter, nicht studiert zu haben. Deshalb beschloss ich kurzerhand, nachträglich nach Berlin zu ziehen und es dort mit dem Kunststudium zu versuchen.“

In Berlin schreibt sie sich an der Universität der Künste als Gasthörerin ein. Fast drei Jahre genießt sie den Gaststatus, bis ihr Studienbegehren auch an der UdK abgelehnt wird. Sie nimmt einen letzten Anlauf und versucht es an der im Ostteil der Stadt liegenden Kunsthochschule Weißensee. Dort wird sie endlich zugelassen. „Weißensee war großartig“, erinnert sich Lust, auch weil das autodidaktische Vorsichhinwerkeln endlich ein Ende findet. „In der Uni redet man plötzlich über die Arbeiten, und alle interessieren sich nur für die Qualität des Werks, nicht dafür, ob es sich verkauft oder nicht.“ Viel gelernt ­habe sie damals. „Ich habe vorher zum Beispiel keine Gesichter zeichnen können. Während des Studiums aber habe ich täglich in der U-Bahn Gesichter gezeichnet. Aus dieser Zeit kommt wohl auch mein Hang zur Alltagsbeobachtung. Damals hatte ich das erste Mal die Idee, Reportagen aus dem Alltag in Berlin zu zeichnen. Und mit der Zeit habe ich entdeckt, dass das mein Ding ist.“

Ihre Comicreportagen erscheinen erstmals in einem Band der inzwischen legendären Comicgruppe Monogatari, die sie mit den damals noch vollkommen unbekannten Comickünstlern Mawil, Tim Dinter, Jens Harder und Kai Pfeiffer gegründet hat. Alle studierten an der Kunsthochschule in Weißensee, die ihren Ruf als Kaderschmiede der deutschen Comicszene dem späteren Erfolg ihrer Absolventen verdankt. In Lusts Geschichten geht es um das Leben in der Platte in Halle-Neustadt oder die Luzerner Totenbrücke. Bis heute zeichnet Lust Reportagen, mal direkt aus dem Berliner ­KitKatClub, einem einschlägigen Treffpunkt für freie Liebe, mal vom Kollwitzplatz, dem wohl spießigsten Open-Air-Biomüttertreff Berlins. ­Einige davon erscheinen in Zeitungen und Zeitschriften, andere im femi­nistischen „Spring“-Magazin, der mittlerweile wichtigsten Comic-­Anthologie Deutschlands. Nebenher gründet sie noch electrocomics, ­eine Onlineplattform für Webcomics, wo der zeichnende Nachwuchs eine Bühne findet.

Großer Erfolg mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“

Der Durchbruch gelingt ihr 2009 mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. In dem autobiografischen Comic erzählt sie, wie sie als Punkgirl von zu Hause wegläuft und in einen Strudel aus Sex, Drogen, Gewalt und Perspektivlosigkeit gerät. Schonungslos und mitreißend ist diese Erinnerungsgeschichte als feministisches Emanzipationsprojekt inszeniert, in dem ihr Strich mal vor Zärtlichkeit zu zerbrechen droht und dann wieder wild und ungestüm über die Seiten rockt. Die jugendliche Rebellion wird hier gleichermaßen wild und verführerisch wie vorsichtig tastend und verletzlich dargestellt.

Der Band ist schon in 13 Sprachen übersetzt worden, und egal wo er erschienen ist, hat er Begeisterungsstürme hervorgerufen und zahl­reiche Preise abgeräumt. Als bislang einzige deutsche Zeichnerin hat sie ­einen Ignatz Award für den ­besten Independent-­Comic gewonnen. Bei den renom­mierten Eisner Awards, den Oscar­trophäen der amerikanischen Comicszene, ist Lust mit ihrem Buch in zwei Kategorien nominiert. Auch wenn sie am Ende leer ausgeht, ist das mehr als ein Achtungserfolg. Vor ihr hatte es nur Reinhard Kleist, dessen Nick-Cave-Illustration jüngst das Cover des ROLLING STONE zierte, bis in den Olymp der amerikanischen Comicindustrie geschafft.

Ulli Lust hat für die Begeisterung eine ebenso simple wie naheliegende Erklärung: Geschichten wie ihre seien einfach zu reizvoll. „Man kann nicht Autor sein, solche Erlebnisse im eigenen Leben haben und sie dann für sich behalten. Das wäre einfach Verschwendung.“ Für die Leser sei wiederum der autobiografische Charakter entscheidend. „Wenn Menschen wissen, dass sich eine Geschichte so oder zumindest so ähnlich wirklich ereignet hat, lesen sie sie mit einer größeren Ernsthaftigkeit.“

Sex als Lebensthema

Mit großer Ernsthaftigkeit werden Leser nun auch zu „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ greifen. Der Frage, wann man „ein guter Mensch“ sei, weicht sie galant aus und erklärt, sie habe damals nach der Rückkehr aus Italien in vielerlei Hinsicht „gut“ sein wollen. „Ich hatte ein Kind und wollte eine gute Mutter sein. Ich wollte als Künstlerin arbeiten und auch dafür gut genug zu sein. Und ich wollte eine gute Partnerin sein, was sich ebenfalls als nicht so einfach herausgestellt hat.“ Sie spielt hier auf die zentrale Geschichte in ihrem neuen Werk an, die von der Dreiecksbeziehung handelt, die die damals 27-Jährige mit dem genügsamen Künstler Georg und dem nigerianischen Lebemann Kimata geführt hat. Sexualität ist ein Thema, das sich durch Lusts Schaffen zieht, wie ihr unter Comicfreunden legendärer Comic „Airpussy“ oder die Sexclub-Reportage belegen.

Im neuen Buch nun erzählt sie von der freizügigen Liebesgeschichte zwischen ­Ulli, Georg und Kim in wilden Strichen und expliziten Dialogen. Es geht ihr nicht nur um die Fortsetzung der autobiografischen Er­zählung, sondern um eine grundsätzliche Debatte über weibliche ­Sexualität und Genderrollen. „Ich wollte erzählen, dass man als Frau einfach Spaß am Sex haben und das vollkommen frei von Scham genießen kann. So wie Männer, die über ihre sexuellen Abenteuer berichten, ohne dabei gleich emotional hinterfragt zu werden. Was Männer können, sollen Frauen auch können dürfen!“ Stattdessen sei es aber noch immer ein Politikum, wenn Frauen eine gesunde und lebensfreudige Sexualität ausleben, regt Lust sich auf. „Es geht immer noch um das Gleiche: Es geht um die gleiche Wertschätzung beider Geschlechter. Frauen müssen immer noch um Gleichberechtigung kämpfen. Es ist ein großes Missverständnis, dass Feministinnen die Macht übernehmen wollen. Sie wollen einfach nur die gleichen Chancen, die gleichen Möglichkeiten und den gleichen Respekt wie Männer.“

Lust geht es aber um „Bodypolitics“ im weiteren Sinne. Deshalb stellt sie neben die Erzählung rund um die eigene lustvolle Sexualität die rassistischen Erfahrungen ihres damaligen nigerianischen Freundes. Am Rassismus und der Ausgrenzung anders aussehender Menschen habe sich seither nicht viel geändert, erklärt sie. Umso unangenehmer ist es ihr, vor dem Hintergrund des allgemeinen Rechtsrucks zu erzählen, dass sich ihr farbiger Freund damals vorurteilsgemäß schlecht benommen habe. „Es wäre mir lieber gewesen, wenn meine Geschichte gut ausgegangen wäre. Aber das ist im Nachhinein nicht zu ändern. Ich kann aufgrund der äußeren Umstände nun nicht nur die heile Welt beschwören“, gibt sie zu bedenken. Ihre Geschichte sei eine individuelle Liebesgeschichte, die von drei Einzelpersonen handelt. „Georg steht nicht stellvertretend für alle Österreicher, Kimata nicht für alle Männer aus Nigeria und mein Alter Ego auch nicht für alle Frauen.“

Autobiographische Elemente

Drei Jahre hat Lust an ihrem neuen Comicroman gearbeitet, zwei Jahre weniger als an der Vorgängergeschichte. Eine beachtliche Leistung, bedenkt man, dass sie inzwischen noch drei Tage in der Woche an der Uni in Hannover einen Lehrauftrag wahrnimmt. Hinzu kommt, dass der Abstand des Erzählten zur Gegenwart in Ulli Lusts au­tobiografischen Comic­romanen immer geringer wird, was die Sache nicht leichter macht. „Die Geschichten rücken immer näher an mein echtes Leben, sodass es immer schwieriger wird, sie zu erzählen. Es muss immer erst ein bisschen Gras über die Sachen wachsen, daher ist es gut, wenn zwischen dem Erleben und dem Erzählen ein bisschen Zeit vergeht.“ Für die Zeichnerin heißt das, geduldig zu bleiben. Beispielsweise würde sie gern eine weitere Geschichte zeichnen, die nach „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ und „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ ihre autobiografischen Arbeiten als Trilogie abschließen könnte. „Aber leider gibt es noch lebende Darsteller, die etwas dagegen haben“, erklärt sie.

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Zwischen den beiden autobiografischen Arbeiten hatte Lust Marcel Beyers Roman „Flughunde“ in einen Comic überführt. Eine willkommene Abwechslung, schließlich wollte sie schon immer mal eine literarische Adaption umsetzen. Der Suhrkamp Verlag köderte sie mit Beyers mehrstimmigem Weltkriegsroman, einem irrsinnigen Text, der vor allem auf Akustik setzt. Lusts Comic-Anverwandlung des Stoffs ist ein großer Wurf, weil sie Beyers Text mutig reduziert und in der zeichnerischen Ausführung die dunkle Atmosphäre der Erzählung aufgreift. Sie soll Beyer­ vor Beginn ihrer Arbeit gefragt haben, ob ihm klar sei, dass sie seinen Text schlachten müsse, um da­raus einen Comic zu machen. Der habe daraufhin nur gelächelt und genickt. Sein Vertrauen in Lusts Gespür zahlte sich aus. Die „Flughunde“-Adaption erhält begeisterte Kritiken.

Und man kann doch mit Kunst Geld verdienen…

Talent, Fleiß und unbändiger Wille haben Ulli Lust zu einer der erfolgreichsten Comiczeichnerin Europas gemacht. Dass sie sich dabei auch gegen die Bedenken ihrer Mutter durchgesetzt hat, die immer der Meinung war, dass man mit Kunst kein Geld verdienen könne, ist für sie mehr als ein kleiner Erfolg: „Das ist ein wahnsinniger, großer und lauter Triumph! Das ist fantastisch! Ich bin überglücklich, dass ich mit dem, was mir Spaß macht, auch noch Anerkennung ernte und davon leben kann. Ich empfinde das als wahnsinniges Privileg.“

Lust wird dieses Jahr 50. Die Ulli aus ihren Comics ist gerade einmal halb so alt oder jünger. Würde sie ihrem jüngeren Ich einen Rat geben wollen? „Nein, ich glaube nicht, dass ich irgendetwas anders machen würde. Ich habe wirklich ein Riesenglück mit meinem Leben.“ Dieses Glück gibt sie nun an ihre Leser weiter: in Form mitreißender Comics.

Ulli Lust/Suhrkamp
Suhrkamp
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