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Berlinale 2016: „Where To Invade Next“ – Michael Moore wird vom Zyniker zum Optimisten

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Berlinale 2016: „Where To Invade Next“ – Michael Moore wird vom Zyniker zum Optimisten

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Wie heißt es im amerikanischen so schön: “Absence makes the heart grow fonder”. Nur wer sich auf Reisen begibt, kann das, was er zurückgelassen hat, besser verstehen. So begibt sich Michael Moore in seiner neuen Dokumentation auf eine abenteuerliche Mission: In guter amerikanischer Tradition will er die besten Eigenschaften anderer Länder annektieren und sie zurück nach Amerika bringen, um sie dort zu implementieren und Amerika wieder großartig zu machen. So geht es für ihn nach Italien, wo er die Relevanz von Urlaub kennen lernt; nach Deutschland, wo es um die Frage geht wie man als Land mit Kollektivschuld umgeht; nach Norwegen, um das Gefängnissystem anzuschauen; nach Tunesien, um sich von der Revolution inspirieren zu lassen; nach Island, um den Umgang mit der Bankenkrise zu betrachten und außerdem nach Slowenien und Finnland.

Die filmische Reise lebt dabei vom Rhythmus und Tempo, mit dem Michael Moore die Länder besucht. Das hat leider zur Folge, dass es wirklich ausschließlich um die positive oberflächliche Betrachtung der Dinge geht, die das amerikanische enfant terrible rauspickt wie die Kirschen aus einem Kuchen. Das führt dazu, dass der Film sehr lustig ist, wenn man die Ungläubigkeit Moores erlebt, als er bei einem französischen Schulessen dabei ist und das Essen gut ist und nicht in Plastikschalen serviert wird, aber leider selten eine abstraktere Ebene erreicht. Diese schnelle Rundreise durch die Länder ist dann in sich auch schon irgendwie sehr amerikanisch konsumierend und zeigt so indirekt schon fast das größte amerikanische Problem: sich ausführlich mit einer Thematik zu befassen.

Michael Moore meint es ernst

Am besten ist der Film, wenn er sich länger Zeit nimmt für die ausgewählten Protagonisten und verweilt, wie Moore es am Beispiel von Island tut. Hier greift er sich eine Gruppe von Frauen heraus, die der Welt erklären – warum es für sie normal ist, dass in Aufsichtsräten 40 Prozent Frauen sitzen und warum die einzige Bank, die den Kollaps der Wirtschaftskrise überlebt hat, eine von Frauen gegründete Bank ist. Moore kontrastiert die einzelnen Aussagen der Länder dann auch immer wieder mit der amerikanischen Realität. So wird in Norwegen ein funktionierendes Hochsicherheitsgefängis gezeigt, in dem die Insassen eine große Autonomie haben, während Moore danach in seinem klassischen Schnipsel-Stil amerikanische YouTube-Videos einblendet, in denen die Insassen misshandelt werden. In diesen Momente wird dann trotz der vielen humorvollen Situationen im Film klar, wie sehr dieser Film vielleicht doch notwendig ist. Spannend ist es auch die Figur Moore zu betrachten, die zum ersten Mal nicht mehr nur wütend ist, sondern sich vom Zyniker zum Optimisten entwickelt, etwas, das man wohl nie in Erwägung gezogen hätte.

Wie ernst es Moore mit dem Gedanken zur Veränderung Amerikas ist, kann man auch auf der zum Film gehörenden Website sehen, wo der Filmemacher den Film allen, die Interesse daran haben, ihn in einem Guerilla-Screening zu sehen, zur Verfügung stellt. Natürlich steht am Ende nicht zur Debatte, ob die Dinge, die Moore findet, jemals einen Einfluss auf den amerikanischen Staat haben werden. Moore ist in diesem Sinne sehr amerikanisch. Er lässt sich begeistern, um dann doch nicht zu zeigen, wie die Reaktion auf diese Vorschläge ist.

Aber vielleicht geht es darum in “Where To Invade Next” pirmär auch gar nicht. Vielleicht ist dieser Film – wie es auch schon “Bowling For Columbine” war – mehr als ein Denkanstoß, ein Erweckungserlebnis, fürs Publikum gedacht, das nett verpackt daher kommt. Am Ende entscheidet sich Moore dann für eine Interpretation der Dinge, die den meisten Europäern im Kino sauer aufstoßen wird: Er schlägt die Amerikaner am Ende mit ihrer eigenen Großartigkeit, wenn er feststellt, dass all diese Ideen ursprünglich auch amerikanische Ideen sind. Aus europäischer Sicht mag das dann doch wieder zynisch klingen, es ist aber eine Methode, jemanden dazu zu bringen, die bittere Medizin mit einem Stück Zucker zu schlucken und so auf Besserung des Patienten zu hoffen. „Let’s make america great again“ – was bei Donald Trump in diesem Jahr so einen schlechten Beigeschmack bekommen hat -bekommt bei Moore plötzlich eine andere Bedeutung. Man kann nur hoffen, dass der Film das richtige Publikum erwischt.

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