Berliner Clubs wollen „Feiern, als gäbe es ein Morgen!“


von

Wenn man einen Nachmittag mit Berliner Clubbetreibenden verbringt, denkt man sich hin und wieder, dass diese Welt vielleicht doch noch nicht ganz am Arsch ist. Denn die in pandemiefreien Zeiten extrem wirtschaftsstarke und strahlkräftige Branche versucht bei all dem Geschäftssinn eben auch immer, alternative Wege zu gehen und Themen wie Nachhaltigkeit, Awareness und Fairness in den Mittelpunkt zu stellen. Davon zeugt schon der Ort, an dem die Pressekonferenz zur Veröffentlichung des „Code of Conducts“ am Mittwoch stattfand: Man sitzt im Garten des Salon zur Wilden Renate – einem der erfolgreichsten Nacht(und Tages)clubs in Berlin, der trotzdem aussieht, als hätte eine Hippie-Gang ein Wohnhaus samt Innenhof auf Links gezogen und kreativ wilde Sau gespielt.

Die Berliner Initiative Clubtopia hatte zu dem Termin geladen, um den in monatelangen Gesprächen erarbeiteten „Code of Conduct“ vorzustellen. Eine Mischung aus Selbstverpflichtung und Leitfaden, der versucht, im Kleinen wie im Großen, Nachhaltigkeit zu leben. Was zu dem schönen Motto führte: „Feiern, als gäbe es ein Morgen!“ Oder, wie es auf der Website heißt: „Unser gemeinsames Ziel ist es, Clubs und Veranstaltungen zu schaffen, die die planetaren Grenzen respektieren und mit Blick auf die kommenden Generationen verantwortungsvoll mit den natürlichen Ressourcen umgehen. Dafür muss auch die soziale Gerechtigkeit und eine wirtschaftliche Tragfähigkeit mit fairer Bezahlung mitgedacht werden.“

Das klingt natürlich erst einmal sehr aktivistisch – wird aber vom Ansatz des „Code of Conducts“ durchaus eingelöst. Denn hier werden keine hohlen Worthülsen jongliert: Hier wurde in Zusammenarbeit mit den Menschen, die es umsetzen müssen, geschaut, wie Nachhaltigkeit alltäglicher werden kann, und wie man sie so vermitteln kann, dass sie eben nicht eine Zwangsanordnung wird, sondern eine logische und auch wirtschaftlich nachhaltige Reaktion auf die harte Wahrheit, dass unser Planet eben doch bald am Arsch ist, wenn wir alle wie bisher weitermachen. In der Praxis heißt das: Wer offiziell den „Code of Conduct“ unterzeichnet – wie es am Mittwoch zum Beispiel das SchwuZ getan hat – verpflichtet sich zwar, konkrete Ziele zu erreichen. Kann dafür aber auf eine Beratung und einen Leitfaden der „Code of Conduct“-Organisator*innen zurückgreifen, die man anderweitig sehr teuer bezahlen müsste. An den Gesprächsrunden, die dem Projekt vorangegangen sind, nahmen außerdem zahlreiche Fachleute teil. Clubtopia ist nämlich eine Kooperation des BUND Berlin e.V. und des clubliebe e.V. sowie der Clubcommission Berlin und wird gefördert von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, das Zentrum für Nachhaltigen Tourismus und die Livekomm unterstützen ebenfalls das Projekt.

Stolzer Unterzeichner des Code of Conduct: Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ (Foto: Clubtopia / Marcus Bläsing)

Was hier in Berlin startet, soll nach und nach auch in andere Städte getragen werden. Überhaupt wurde oft betont, dass es nicht darum ginge, mit dem Finger auf jene Clubs zu zeigen, die den „Code of Conduct“ noch nicht unterschrieben haben. Vielmehr suche man das Gespräch mit allen Interessierten und versuche einfach mal, konstruktiv voranzugehen. Co-Projektleiterin Hanna Mausch sagt dazu: „Mit dem ‚Code of Conduct‘ wollen wir einen Stein ins Rollen bringen und Clubs, Gäst*innen und den gesamten Veranstaltungssektor zu mehr Nachhaltigkeit motivieren. Jeder Club, der mitmacht, zählt.“ Dabei gelte der Ansatz „aus der Szene, für die Szene“. Denn: „der ‚Code of Conduct‘ ist eine kollektive ‚bottom up‘-Initiative für mehr Nachhaltigkeit in unserer Clubkultur. Und Nachhaltigkeitskonzepte funktionieren am besten, wenn die Beteiligten aus Überzeung und mit Leidenschaft mitmachen – und das ist hier der Fall.“