Bon Iver: Ein Gespräch mit dem Regisseur


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Es gibt diverse Tätowierungen auf dem Körper von Justin Vernon, doch eine ist ihm besonders wichtig. Auf seinem Rücken steht der Titel eines Bill-Frisell-Songs, „That Was Then“. Das Lied steht für ihn für die innige Freundschaft zu seiner Jugend-Clique, die heute zum Teil die Band Megafaun bildet. Das Solo von Pedal-Steel-Legende Greg Leisz hörten sich die Freunde zu Highschool-Zeiten immer wieder an. Das Lied, der Gitarrist, die Erinnerung: alles auf Vernons Rücken dokumentiert.

Weil er nun zu Ruhm gekommen ist, war klar, dass Greg Leisz auf dem zweiten Album spielen sollte. „Er kannte meine Musik“, freut sich Vernon, „ich habe ihn zwei Tage lang angestarrt und ein paar Freudentränen verdrückt.“ Wie das Tattoo haben auch die Songtitel des zweiten Bon-Iver-Albums etwas Metaphorisches. „Perth“, „Calgary“, „Lisbon“, „Minnesota“: Geografie als Platzhalter für Geschichten, die das Leben spielt.

Schon sein Debüt „For Emma, Forever Ago“ hatte mit einem Ort zu tun. Vor vier Jahren nahm Vernon in einer Waldhütte in Wisconsin mit einem Vierspurrekorder über Monate ein fantastisches Album auf. Der geisterhafte Klang, das wunde Falsett, die ungewöhnliche Mischung aus fiebrigem Indie-Songwriting und Prince-Soul: Über Nacht wurde Bon Iver zum unwahrscheinlichen Star, der gar mit Kanye West kollaborierte.

Auf dem neuen Werk, „Bon Iver„, ist alles anders und doch gleich. Vernon baute sich sein eigenes Studio und schichtete innerhalb der Songs Saiteninstrumente, Keyboards, Bläser und Stimmen übereinander. Sie werden dadurch nicht bombastisch, sondern eher noch intimer; Vernon weitet sein Spektrum und leuchtet die dunklen Ecken aus. „Vielleicht könnte man sagen, dass das neue Album in Technicolor ist, während das Debüt schwarz-weiß war“, schlägt er selbst vor.

Songwriting, Arrangement und Produktion auf „Bon Iver“ sind meisterlich – Vernon ist längst nicht nur der romantische, durch Schmerz angetriebene Waldmensch, sondern ein versierter Produzent mit klarer künstlerischer Vision. „Mir gefallen Filme, bei denen der Autor gleichzeitig auch Regisseur ist. Ich hab mich in meinem Regiestuhl ausgesprochen wohl gefühlt.“

Auch inhaltlich wollte Vernon raus aus der Isolation, in der er die Trauer über eine zerbrochene Beziehung verarbeitet hatte. „Das Gefühl der Traurigkeit ist an der Oberfläche, da kommt man leicht heran. Ich wollte an einen besseren Ort.“  Sein Zuhause in Eau Claire, Wisconsin, ist Vernon wichtig, gerade wegen des plötzlichen Ruhms. „Ich bin ein bodenständiger Typ. Ich muss lernen, mein Zuhause mitzunehmen, wenn ich reise. Ungebunden und tief verwurzelt zu sein, das ist mein Ziel.“