Highlight: I.M. Rock: Was die Stasi mit der Musik der DDR zu tun hatte

ROLLING-STONE-Reportage

DDR-Popkultur – Revolution in Grenzen

Tamara Danz: Sängerin und Aktivistin

Jim Rakete scheitert an der Bürokratie der einen Seite und den Vermarktungsmechanismen der anderen. Immerhin veröffentlicht CBS die Platte, an der Silly bis heute gemessen werden. „Bataillon d’Amour“ (1986) hat als Cover Danz’ stilisiertes Antlitz. Danz ist mehr als das Aushängeschild von Silly. Sie wird von Politikern hofiert, die sich mit ihr schmücken wollen. Einmal schüttelt sie Erich Honecker die Hand. Das wird ihr später oft vorgeworfen. Danz weiß ihre Berühmtheit einzusetzen. Um Konzerte im Westen spielen zu können, stellt sie einen Ausreiseantrag. Die erpresserische Aktion lohnt sich, sie bekommt ein Visum. Bei der anstehenden Tour stößt Hassbecker von der Gruppe Stern Meißen zu Silly. Danz hatte ihn bei den Gitarreros, einer Art Allstar-Combo der DDR-Rockmusik, kennengelernt. Hinter den Kulissen bahnt sich eine Affäre zwischen beiden an. Irgendwie gelingt Danz der fließende Übergang von Barton zu Hassbecker, ohne dass die Band auseinanderfliegt. In den späten Achtzigern macht sich eine seltsame Unruhe breit. Niemand hält so etwas wie Mauerfall oder Wiedervereinigung für möglich. Aber es brodelt. Zu viel Zukunft ist schon verbraucht. Der Staatsapparat scheint müde. Vielleicht wirkt die Bedrohung „von oben“ deshalb nicht mehr so direkt wie in früheren Jahrzehnten. „Man wurde zunehmend respektloser“, sagt Hassbecker. „Wir waren jung und unbeschwert. Wir haben das alles nicht so ernst genommen. Und wir haben uns geschützt gefühlt, auch durch unsere Fans.“ Danz habe häufig in den Telefonhörer gerufen: „Habt ihr alles mitgehört?“ Die Stasi hört wohl mit, reagiert jedoch nicht. Auch nicht, als Silly 1989 auf „Februar“ eine untergehende Gesellschaft vorwegnehmen. Nach dem Zerwürfnis mit Werner Karma schreibt Danz die Texte mit dem Liedermacher Gerhard Gundermann. Songs wie „Ein Gespenst geht um“ und „Verlorne Kinder“ sind unheilvolle Vorahnungen, mit Melancholie als Mittel des Widerstands. Silly zählen zu den wenigen Künstlern, die auch nach ’89 dorthin schauen, wo sonst kaum jemand hinschaut. In Christa Wolfs „Sommerstück“ steht ein Satz, der bis heute nachhallt: „Der Schrei, der uns in der Kehle saß, ist nicht ausgestoßen worden.“ Silly stoßen den Schrei nicht nur aus, sie schenken ihm Töne, die den Chor der Wohlstandsprediger aus dem Takt bringt. Und sie machen Bekanntschaft mit einer anderen Form von Zensur. Die Plattenfirma legt der Band einen Stapel Schlagertexte vor. „Tamara hat dazu nur gesagt: ‚So ein Schrott kommt mir nicht über die Lippen‘“, berichtet Barton. Silly verlieren ihren Major-Deal. Die Abrechnung folgt auf der Platte „Hurensöhne“ (1993). „Viele Musiker aus dem Osten haben damals aufgegeben“, konstatiert Hassbecker. Reznicek, der 1986 von Pankow zu Silly ging, meint jedoch, dass manche der neuen Konkurrenz auch nicht gewachsen waren: „Machen wir uns mal nichts vor! In der DDR gab es eben auch Bands, zu denen man gern gesagt hätte: Macht mal lieber nicht Musik.“

„Paradies“ (1996), das letzte Silly-Album mit Tamara Danz, ist eines jener Meisterwerke, das die Zeit unter den Trümmern der Geschichte begraben hat. Die Platte ist eine Therapie. Und ein Schlag in die Magengrube. Danz starb kurz nach der Veröffentlichung. Doch es ist nicht nur ihr Tod – da schwingt noch etwas anderes mit, das einem in Mark und Bein fährt. „Paradies“ ist ein Abgesang auf die Träume, die sich nicht erfüllt haben. In den besten Liedern, die die ostdeutsche Kultur hervorgebracht hat, schläft eine Traurigkeit, die zu oft runtergeschluckt wurde. „Mich hat mal jemand gefragt, warum ich immer über Probleme singe und meine Lieder so traurig sind“, erzählt Bettina Wegner während eines Konzerts im Berliner Club Wabe. „Ich habe ihm geantwortet: ‚Wir leben in Zeiten der Arbeitsteilung. Ich singe meine traurigen Lieder. Für den Rest sorgen schon genug meiner Kollegen.‘“ Wegner hat auch ein Lied für Tamara Danz geschrieben. Es heißt „Zwei Vogelfrauen“. Der einen stinkt die Heuchelei im Zuge der deutschen Wiedervereinigung zum Himmel, die andere macht aus ihrem Schicksal bare Münze:

So blieben sie nestlos im Wald fremder Siege

Und jede zog ihre Lebensbahn,

Die eine gemütlich verstrickt in der Lüge

Und die andere ist gestorben daran.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer sieht es allmählich so aus, als hätten die Lieder überlebt, nicht die Lügen.

 

 

 



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