Der Ätzer. Zum Tod von Wolfgang Menge, dem großen Kritiker der bundesdeutschen Gesellschaft


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In den 70er-Jahren war die eben erfundene Talkshow eine Debattierbude, in der man einander siezte, angestrengt um riesige Tische saß und hemmungslos Zigaretten rauchte. Unter den angriffslustigen Moderatoren von „3 nach Neun“, der oft turbulenten Talk-Sendung von Radio Bremen, war Wolfgang Menge der strenge, meistens schlecht gelaunte Zuchtmeister: Glatzig, die Takakspfeife schwenkend und mit grämlicher Miene befragte er die Gäste wie Verdächtige, sein Berliner Jargon schoss immer wieder vorwitzig in die ohnehin meistens scharf gestellten Fragen. Menge verhedderte sich manchmal in seinen Konstruktionen, und nicht jeder Befragte fand seinen Missmut und seine Beharrlichkeit amüsant.

Der Gedanke liegt also nah, dass Wolfgang Menges unvergessliche Schöpfung, „Ekel“ Alfred Tetzlaff, ein gespiegeltes Alter Ego des Autors war. Heinz Schubert spielte den stieseligen Pantoffelhelden, Nationalisten, Chauvi und Sozialistenfresser von 1973 bis 1976  in „Ein Herz und eine Seele“, der wohl berühmtesten Reihe des deutschen Fernsehens. Die ingeniös besetzte Sitcom handelte von nichts anderem als den Invektiven des Haustyranns Tetzlaff, einer pöbelnden, geifernden Untertanenfigur, die im gewandelten Zeitgeist der sozialliberalen Ära auf verlorenem Posten kämpfte: dem heimischen Sofa. Gegen die keck-dümmliche Gattin, die libertinäre Tochter und den aufsässigen Schwiegersohn setzte der spießige Reaktionär seine Binsenweisheiten, Parolen und Zoten. Die stereotype Fremdenfeindlichkeit galt dem „Gastarbeiter“, einem Wesen, das Tetzlaff nur vom Hörensagen kannte. Heinz Schubert machte aus diesem rabiaten Kleinbürger keine Karikatur, sondern ein vitriolisches Würstchen, einen ebenso feigen wie infamen Stubenhocker. Noch heute werden die Folgen zum Karneval und zu Silvester in den Dritten Programmen wiederholt: eine deutsche Horrorschau.

Später, nach der Wiedervereinigung, gelang Menge mit „Motzki“ keine vergleichbare Zeitsatire mehr: Für die östliche Befindlichkeit hatte er kein Sensorium; zu sehr sprach aus ihm der Wohlstandsbürger, der seine Zeit zwischen dem Anwesen in Berlin-Zehlendorf und dem Haus auf Sylt aufteilte. Wolfgang Menge, 1924 in Berlin geboren, war schon damals ein verdienter Gründungsvater und Erneuerer des Fernsehens. Nach dem Krieg, an dem er noch als Soldat teilnehmen musste, arbeitete er beim „Hamburger Abendblatt“ als Reporter, wurde bald Asien-Korrespondent und reiste als erster westlicher Journalist mit der Transsibirischen Eisenbahn. Seit 1958 schrieb  Menge die Drehbücher für die Kriminalreihe „Stahlnetz“, 1970 erfand er für den „Tatort“ den mürrischen Zollfahnder Kressin. Mit dem Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ nahm er im selben Jahr die späteren Spielshows vorweg: Ein Mann muss für Geld um sein Leben laufen. 1973 beschrieb er in „Smog“ das Szenario einer Umweltkatastrophe, bevor der Begriff zum Stehsatz in Zeitungsredaktionen wurde.

Als Gastronomie-Kritiker für Zeitungen stellte Wolfgang Menge gern und demonstrativ Restaurants mit Hausmannskost und einfacher Küche vor und ärgerte damit schreibende Gourmets wie Wolfram Siebeck: Er liebte gut gemachte Bratkartoffeln. Trotz zeitweiliger Trennung blieb der Feuerkopf verheiratet mit der Journalistin Marlies Menge. Auch in den späten Jahren, im Strandkorb auf Sylt sitzend, erlaubte Menge sich keine Altersmilde – die menschliche Kondition geißelte er scharfsichtig und unerbittlich: ein Molière der Bundesrepublik Deutschland. Gestern starb Wolfgang Menge im Alter von 88 Jahren in Berlin – wahrscheinlich nicht ohne eine treffliche letzte Sottise.