Der Listigste. Arne Willander zum Tod von „Columbo“-Darsteller Peter Falk


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In den 70er-Jahren, als das Kino noch etwas Besonderes war, hatten wir neben den großen, weit entfernten Helden Clint Eastwood, Paul Newman und Steve McQueen auch die kleinen, tapferen Kämpfer des Fernsehschirms, die wir regelmäßig sehen konnten: den ernsten Karl Malden in den „Straßen von San Francisco“, den konfusen James Garner als „Detektiv Rockford“, den gütigen Jack Warden als Baseball-Trainer in „Die Bären sind los!“ Dass diese formidablen Schauspieler auch in Kinofilmen zu sehen waren, ja bereits glänzende Karrieren gemacht hatten, wussten wir damals nicht. Wir liebten diese Hausgäste, und wir nahmen sie leider mit kindlicher Chuzpe für selbstverständlich.

Peter Falk als Columbo (der keinen Vornamen hatte) und Columbo als Peter Falk war immer schon da. Vielleicht war zuerst der Fall mit dem giftigen Kugelfisch und Louis Jourdan als Gourmet-Kritiker, vielleicht der Film mit Oskar Werner als blasiertem Filmregisseur, der unvergessliche Donald Pleasence als Wein-Fanatiker oder Johnny Cash als heuchlerischer Country-Sänger: „Columbo“ zeigte die Lebensart der ganz Reichen und Feinen – und ihre Niedertracht, ihren Geiz und ihren Neid. In diesen Krimis geht es niemals um den Täter, denn der steht gleich fest, und meistens erfährt der Zuschauer sofort, wie und warum er es getan hat.

Nun inspiziert Inspektor Columbo den Tatort, traut dem Schein nicht und isoliert bald einen Verdächtigen, seinen Widersacher. Und dieser meistens mittelalte, eitle und überhebliche Schlaumeier unterschätzt den knautschigen, zerstreuten und gebeugten Mann im beigefarbenenen Regenmantel, der einen Zigarrenstumpen (wenn nicht einen Bleistiftstummel) zwischen den Fingern hält. Sein zögerlicher Appendix „Ach, Sir, da ist noch eine Sache“ („Just one more thing“), vorgetragen nach der eigentlichen Verabschiedung und sehr zum Unwillen des Befragten, deutet jeweils an, dass die Schlinge zugezogen wird. Columbos Gegner reagieren auf zwei Arten: Die meisten begreifen seine akribischen Ermittlungen als Beleidigung und Anmaßung, werden wütend und nervös und begehen Fehler. Manche aber begreifen ihre Nemesis als letzte Herausforderung, die ihrem eigenen Genie angemessen ist, und inszenieren ein Spiel um das Wissen, dass der andere es weiß – und liefern am Ende das entscheidende Puzzlestück zur eigenen Entlarvung. „Columbo“-Filme sind Spiegelfechtereien und Kammerspiele von beträchtlicher Länge mit sophistischen Dialogen – umso erstaunlicher ist der anhaltende Erfolg der Serie, deren spätere Folgen noch immer am Sonntag bei Super RTL gezeigt werden.

Peter Michael Falk war am 16. September 1927 in New York geboren wurden, seine Eltern waren Juden russisch-polnischer Abstammung. Im Alter von drei Jahren verlor er ein Auge, weil ein Tumor entfernt wurde. Dennoch war der Junge ein guter Sportler. Nach der High School verbrachte er einige Zeit in Jugoslawien, wurde von der Marine abgelehnt, aber als Koch bei der Handelsmarine akzeptiert, wo er 18 Monate blieb. Die CIA lehnte Falk 1953 ab; er machte dann einen Abschluss in Literatur- und Politikwissenschaften sowie Verwaltungslehre. Einige Jahre arbeitete er in einer Behörde in Hartford, Connecticut, bevor er Schauspielunterricht nahm und 1958 erste Rollen bei Fernsehen und Film bekam. Bereits für „Unterwelt“ (1960) und Frank Capras letzten Film „Die unteren Zehntausend“ (1961) wurde er jeweils für den Nebenrollen-Oscar nominiert. 1965 trat er in der Fernsehserie „The Trials Of O’Brien“ auf.

Nachdem Falk 1968 bei den chaotischen Dreharbeiten zu Sydney Pollacks surrealistischem Kriegsfilm „Das Schloss in den Ardennen“ neben Burt Lancaster gespielt hatte, wurde ihm der Columbo-Fernsehfilm „Mord nach Rezept“ angeboten, der so erfolgreich war, dass 1970 ein Pilotfilm gedreht wurde, woraufhin der Polizist in Serie ging. Bis 1978 wurden jährlich sechs Filme inszeniert; Peter Falk gewann vier Emmys als bester Fernsehdarsteller, seine Gage wurde sukzessiv erhöht – und auch seine Unzufriedenheit wuchs. Immerhin hatte er mit John Cassavetes 1970 „Husbands“ gedreht und 1974 „A Woman Under The Influence“. 1976 trat er bloß als müde Columbo-Parodie in der traurigen Plotte „Eine Leiche zum Dessert“ auf. 1985 spielte Falk in Cassavetes‘ letzten Film „Big Trouble“, einem Desaster. Seit 1989 wurden dann wieder „Columbos“ gedreht – noch einmal 25 Filme bis zum Jahr 2003.

Der schönste Auftritt des Peter Falk ist sein Suchen in Wim Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“ (1987), wo er so erratisch wie als Columbo durch die Gegend geht, schratig, listig, desorientiert. Und eine Currywurst isst in dieser fremden Stadt. Das war dann doch noch ganz großes Kino für den Virtuosen des ironischen Manierismus. In den letzten Jahren litt Peter Falk an Demenz. Nun ist er in der Nacht zum Freitag mit 83 Jahren in Beverly Hills gestorben.

Ach, Sir, eine Sache wäre da noch! Am gestrigen Sonntag Abend lief ein „Columbo“ mit Faye Dunaway bei Super RTL – „Der Tote in der Heizdecke“, dessen Originaltitel besser zu Peter Falk passt: „It’s All In The Game“.