Der melancholische Wüterich: Roger Waters wird 70


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Mit einigem Recht könnte Roger Waters sagen: „Nicht ich bin berühmt. Pink Floyd sind es.“ Denn so sehr seine Songs von Entfremdung, Isolation und falscher Idolatrie handeln –  Waters wurde selten ohne eigenes Zutun in die Öffentlichkeit gezerrt, niemand wühlte in seinem Müll, und als Poster beliebt sind die Pyramide, die Kuh, das Kraftwerk, die Mauersteine: „The Dark Side Of The Moon“, „Atom Heart Mother“, „Animals“, „The Wall“. Die 70er-Jahre in vier Platten. Und die Herren mit den flammenden Händen könnte man dazunehmen (das Motiv war nicht das äußere Cover von „Wish You Were Here“, weil die Platte in einer Plastikhülle verpackt war).

Ein deutscher Astronaut erzählte einmal, es sei sein Traum gewesen, in der Stille der Luftschleuse einer Raumkapsel das Riff von „Shine On You Crazy Diamond“ zu spielen. Nun stammt dieses nach „Satisfaction“ zweitberühmteste Kleinmotiv der Rockmusik aber von David Gilmour, während Waters den pathetischen Text als Hommage an den Freund Syd Barrett schrieb. Dessen genialische Songs für das Pink-Floyd-Debüt „The Piper At The Gates Of Dawn“ will Waters nicht schmälern – aber zugleich darauf hinweisen, dass er bereits die Hälfte der Stücke für die zweite Platte schrieb, darunter „Set The Controls For The Heart Of The Sun“. Er spricht sehr ungern über die Anfänge.

Syd Barrett ist tot, ebenso Keyboarder Rick Wright, mit dem Waters schon in der Jugend zusammenarbeitete. David Gilmour hat aufgehört, Pink Floyd mit gerichtlicher Genehmigung als Franchise-Unternehmen zu führen, und macht Wohlfühlmusik. Nick Mason schrieb ein Buch. Roger Waters hat – sieht man von der Revolutions-Oper „Ca Ira“ 2005 ab – seit 1992 kein Album veröffentlicht. Im letzten Jahr war er angeblich mit einem Salär von 80 Millionen Dollar der Musiker mit dem zweitgrößten Einkommen. Derzeit streitet er um die Abbildung des Davidsterns auf einem Schwein, das zur Inszenierung von “The Wall“ gehört, und wehrt sich gegen den Vorwurf, ein Antisemit zu sein.

Man könnte sagen, Roger Waters sei einfach kein positiv denkender Mensch. Man könnte auch sagen, er wolle den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit führen. Er hasst Führer, Religionen, Ideologien, Heilslehren, Massenmedien. Sein Werk ist eines der faszinierendsten und bewegendsten der Rockmusik, verschwindet aber in dem gewaltigen Schatten, den „The Dark Side Of The Moon“ und „The Wall“ werfen – und wird wenig gewürdigt, weil seine Menschheitsthemen theoretisch erledigt sind. Aber der Kern von Waters‘ populärer Kunst sind nicht die Inszenierungen, der Rummel, der Bombast. Am Anfang ist die Angst des Kindes in der Dunkelheit.

George Roger Waters wurde am 6. September 1943 in Great Bookham, Surrey, geboren. Sein Vater Eric – ein Christ und Kommunist – verweigerte zunächst den Kriegsdienst und fuhr während der Bombardierung einen Krankenwagen, meldete sich dann aber zur Armee. Im Februar 1944 starb er bei einer gescheiterten Offensive der allierten Truppen bei Anzio. Es ist keine Küchenpsychologie, wenn man das Schaffen des Sohnes im Zeichen dieses Traumas deutet – Roger Waters selbst sagt, dass er den Tod des Vaters nie verwunden hat. Noch das Album „The Final Cut“ (1983), das der damals 40-Jährige seiner Band aufzwang, ist Eric Waters gewidmet: „A requiem for the post war dream“. In  „Southampton Dock“ imaginiert er den Abschied vom Vater am Pier des Hafens.

Die ablehnende, auch höhnische Rezeption von „The Final Cut“ war eine Kränkung für Waters. Ein Jahr später kam es noch schlimmer, als „The Pros And Cons Of Hitch Hiking“, sein erstes Solo-Album, fast einhellig verrissen wurde. Auch „Radio K.A.O.S.“ (1988) und „Amused To Death“ (1992), Waters‘ Kritik an Massenkommunikation und modernen Medien, fanden wenig Anklang. 1987 verlor er den Prozess um den Namen Pink Floyd, behielt aber die Rechte an „The Wall“. Später brachte er seine berühmtesten Songs unter dem Titel „In The Flesh“ auf die Bühne, 2006 auf CD und DVD veröffentlicht.      

Seit 2011 führt Waters das ursprüngliche Konzept von „The Wall“ in Stadien auf, das 1980/81 nur in vier Städten gezeigt wurde. Erst 1990 wurde das Spektakel auf dem Potsdamer Platz in Berlin noch einmal anspielungsreich und mit so verschiedenen Künstlern wie Van Morrison, Joni Mitchell, Sinéad O’Connor, den Scorpions und Ute Lemper inszeniert. Vor einer Woche in Sofia ermunterte Waters bei dem Song „Mother“ („Should I trust the government?“) die Bulgaren zur Abwahl der Regierung. Vielleicht ist dies das Beste, was man über den Künstler Waters sagen kann: Er ist mit der Zeit nicht milder geworden.

Heute wird Roger Waters, der melancholische Wüterich, der Aufklärer und Moralist, 70 Jahre alt. Shine on, you crazy diamond!