Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Die Schutzheilige der grünhaarigen Ragazzi


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Folge 39

Die Heilige Cäcilia ist die Schutzheilige der Musik. Im römischen Stadtteil Trastevere ist ihr zu Ehren unweit der Tiberinsel eine Kirche errichtet worden, Santa Cecilia in Trastevere. Die Kirchen Roms zu bejubeln ist freilich so ähnlich, wie das Gitarrenspiel Neil Youngs oder das liedermacherische Geschick Bob Dylans zu preisen. Wenn aber beim Betreten der Kirche, die der Patronin der Musik gewidmet ist, eine Nonne an der Orgel sitzt und – wie es scheint – tief versunken den Sakralraum beorgelt, lässt sich auch der stabile Agnostiker leicht zu einem Seufzer hinreißen.

Der Legende nach soll die heilige Cäcilia im 3. Jahrhundert nach Christus in Rom gelebt haben. Obwohl sich die Jungfrau Jesus Christus versprochen hatte, verheirateten sie ihre Eltern mit einem heidnischen Jüngling. Cäcilia muss jedoch über eine beträchtliche Überzeugungskraft geboten haben, gelang es ihr doch, Mann und Schwager zum Christentum zu bekehren und mit Ersterem in einer sogenannten Josefsehe zusammenzuleben. Eine Josefsehe – dies für Uneingeweihte – ist eine Form des Zusammenlebens, für die, sagen wir, Rod Stewart oder Gene Simmons wenig Verständnis aufbringen dürften.

Wegen ihres Einsatzes für verfolgte Christen tauchte man sie, so die Legende weiter, in kochendes Wasser, was ihr jedoch nichts anzuhaben vermochte. Als man sie daraufhin enthaupten lassen wollte, sah sich der Henker von ihrer Schönheit derart geblendet, dass er ihr lediglich einen Teil des Kopfes abzutrennen in der Lage sah. So steht es jedenfalls in meinem Reiseführer, der mindestens so viele blutige Schnurren wie zweckdienliche Restauranttipps parat hält. Der Leichnam der Cäcilia von Rom, so das Buch weiter, wurde im 9. Jahrhundert unverwest geborgen und in der auf Cäcilias Geburtshaus errichteten Basilika beigesetzt. Ein Besuch bei der Schutzpatronin der Musik sei hiermit jedem Rom-Reisenden empfohlen. Guano Apes hin oder her.

Nicht weit von der Piazza Santa Maria in Trastevere liegt meine Lieblingsbar. Hier sitzt zwischen lauter jungen Italienern, die auf den Sommer warten, der deutsche Schauspieler und Schriftsteller Peter Berling, den die meisten als Helge Schneiders Sohn Peterchen aus dem Autorenfilm „Praxis Dr. Hasenbein“ kennen dürften („Papa Ball!“). Der 79-jährige Berling lebt seit Ende der sechziger Jahre in Rom und war in etlichen italienischen Remmidemmi-Filmen der Siebziger (u.a. „Zwei Supertypen räumen auf“, „Tote pflastern seinen Weg“ und „Der Mafia-Boss – Sie töten wie Schakale“) zu sehen, für die er teilweise gar die Drehbücher verfasste. Peter Berling spielte freilich auch unter Fassbinder und Herzog, wirkte als Kritiker und Alexander-Kluge-Sidekick und hat sich seit vielen Jahren auf das Verfassen historischer Schinken verlegt („Die Ketzerin“). An der Wand der Bar hängt sein Porträt. Berling hat im Leben alles erreicht, was man nur erreichen kann. Was für ein Mann! Ach, und in „Tex und das Geheimnis der Todesgrotten“ hat er auch mitgespielt.

Roms Plattenläden sind so gut sortiert wie teuer.

In einem Laden entdecke ich in dem prallgefüllten Fach „Italian Garage/Beat“ ein Werk der Band I Ragazzi Dai Capelli Verdi (Die Jungs mit den grünen Haaren). Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass alle Bandmitglieder grüne Haare hatten. Ein Mitglied trägt einen kinnumrahmenden Beat-Bart, ebenfalls grün. Die Musik: Sixties-Geschepper, zu dem man es gar herrlich aus dem Rollkragenpulli qualmen lassen kann. Auch I Ragazzi Dai Capelli Verdi haben alles erreicht, was man als grünhaarige Band erreichen kann. Zumindest künstlerisch. Auch für diese Gentlemen wird in der schönen Basilika von Trastevere ewiglich georgelt werden.

Ich frage mich gerade, wie die wackeren Kollegen von Rolling Stone Online, die mein Pop-Tagebuch regelmäßig mit passendem Bildmaterial versehen, meinen dieswöchigen Text wohl illustrieren werden: Werden Sie ein Foto von I Ragazzi Dai Capelli Verdi auftreiben oder werden sie ein Bildnis der Heiligen Cäcilia wählen? Vielleicht ja ein Bildnis des großen Peter Berling!? Das Tolle, liebe Leserinnen: Während Sie längst wissen, auf welches Bild die Wahl der Redakteure gefallen ist, kann ich hier nur rätseln. Hauptsache, es wird kein Guano-Apes-Foto verwendet.