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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Hausbesuche

Folge 158

Gestern erzählte mir ein Bekannter, Ludwig van Beethoven sei in seinem Leben 250‑mal umgezogen, das wisse kaum jemand. Ich weiß gar nicht recht, was ich mit dieser Informa­tion machen soll, aber sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Tatsächlich war die Sache mit dem ­Umziehen bei Beethoven so arg, dass er Korrespondenz­willige aufgrund seiner häufigen Wohnungswechsel bat, die Briefe einfach nur an „Beethoven, Wien“ zu adressieren, da er nie wisse, wo er als Nächstes wohnen werde.

Vielleicht gab es gute Gründe für die häufige Umzieherei. Beethoven, ergeben meine Recherchen, scheint einigermaßen lotterhaft gewohnt zu haben. So berichtete Bettina Brentano nach einem Besuch in irgendeiner von Beethovens 250 Behausungen: „Seine Wohnung ist ganz merkwürdig. Im ersten Zimmer zwei bis drei Flügel, alle ohne Beine auf dem Boden liegend, Koffer, worin seine Sachen, ein Stuhl mit drei Beinen; im zweiten Zimmer sein Bett, welches winters wie sommers aus einem Strohsack und dünner Decke besteht, ein Waschbecken auf einem Tannentisch, die Nachtkleider liegen auf dem Boden …“ Ein französischer Militär zeichnete 1807 nach einem Besuch ein noch chaotischeres Bild von den Wohnverhältnissen des Komponisten: Alles sei „von einer wahrhaft admirablen Konfusion. Bücher und Musikalien waren in alle Ecken verstreut. Dort das Restchen eines kalten Imbisses – hier versiegelte und halbgeleerte Flaschen; dort auf dem Stehpult die flüchtige Skizze eines neuen Werkes – hier die Reste eines Déjeuners – dort auf dem Piano auf bekritzelten Blättern das Material zu einer Sinfonie – hier eine auf Erlösung harrende Korrektur – freundschaftliche Geschäftsbriefe den Boden bedeckend – zwischen den Fenstern ein Laib Strachino und erkleckliche Trümmer einer echten Veroneser Salami …“ Wie musi­kalische Genies eben wohnen.

Kooperation
Devendra Barnhart

Eine Zeit lang schaute ich mir im Internet gern die Serie „My Place“ an, in der Popstars daheim besucht werden und dem Kamerateam ihre Wohnung vorführen. In einer besonders schönen Folge wird Devendra Banhart in seiner Hütte in Echo Park/Kalifornien besucht. Der Sänger berichtet, er habe sich bis kurz vor Eintreffen des Kamerateams stundenlang übergeben, vermutlich eine Lebensmittelvergiftung. Er legt sich dann auch gleich auf den Badezimmerboden, um zu demonstrieren, wie es ihm ergangen ist. Das Bad sieht so aus, wie man sich Devendra Banharts Bad immer vorgestellt hat: als hätte ein geistesgestörter Späthippie einem jugendlichen Sprayer den gesamten Dosenbestand entwendet und damit alles vollgesprüht. Die Toilettenbrille ist mit einem Bezug aus Frottee oder Ähnlichem ausgestattet, keine Ahnung, ob das hygienisch ist. Ansonsten lebt der Sänger recht aufgeräumt, an der Wand hängen einige Masken und Bilder von Geschlechtsteilen.

Auch beim Magnetic-Fields-Kopf Stephin Merritt durfte das Kamerateam vorbeischauen. Erwartungsgemäß ist die ­Bude des literaturbeflissenen Schöngeists bis unters Dach mit Büchern vollgestopft. Allerdings, so verrät das Filmchen, hegt Merritt auch eine Leidenschaft für gemusterte Sofakissen und verfügt zudem über eine beträchtliche Hausschuh-­Sammlung. Beim Durchwühlen einer Unterwäsche-­Schublade bedauert der Sänger, dass der Hersteller seiner Lieblingsunterhose die Fertigung des Models eingestellt habe.

Schön ist es eigentlich nicht, in die Behausungen der ROLLING-STONE-Kritikerlieblinge zu schauen. Es hat etwas Obszönes und ist nur ein weiteres Symptom dieser grässlichen Zeit, in der alles ständig gezeigt werden muss und der Blick hinter irgendwelche Kulissen oft mehr zu gelten scheint als der schöne Mummenschanz, der vor der Kulisse passiert.

Der Autor würde, wäre er ein ROLLING-STONE-Kritikerliebling, der von einem Kamerateam besucht würde, seinen Rasenmäher vorführen

Taylor Hill/FilmMagic

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