Neue Podcast-Folge: „Die Streifenpolizei“ über die Favoriten der Oscar-Verleihung

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Quatschtüten!


Folge 30

Menschen: Manche von denen sind schon ulkig. Da gibt es zum Beispiel jene bedauernswerten Geschöpfe, die auf Konzerten, sobald die Band die Bühne betreten hat, reflexhaft ihre Lebensverwaltungsgeräte in den Foto-Modus schalten, minutenlang mild mitwippend knipsen und das Ergebnis dann mit der Bildunterschrift „Greatest gig ever!“ auf Facebook zur Schau stellen. Da ist man dem öden Internet endlich mal entronnen und verkleinert doch wieder alles Schöne auf die Größe eines Postings, ganz so, als könnte man es sonst nicht ertragen. Abgesehen davon, dass auf diesem Treiben kein Segen liegt – weder für den armen Hobby-Fotografen noch für die umstehenden Menschen –, muss gesagt sein, dass besagte Fotos auch nie besonders gut aussehen: Es gibt schon Gründe, warum der Beruf des professionellen Konzertfotografen noch nicht ganz ausgestorben ist.

Man sollte es zwar nicht für möglich halten, aber es gibt noch ärgerlichere Zeitgenossen als diese tragischen Eventknipser. Ich spreche von Menschen, die der Meinung sind, Konzerte seien geeignete Veranstaltungen, um mal so richtig schön draufloszulabern. Früher nahm ich eigentlich an, bei diesen Konzertlaberern handele es sich in erster Linie um Gästelistenschnorrer, Musikgeschäft-Wichtigtuer oder bezahlte Konzertstörer. Nachdem ich aber nun schon einige Male mit derlei Plaudertaschen aneinandergeraten bin, muss ich erstaunt feststellen, dass es sich vorwiegend um Menschen handelt, die für ihr Ticket bezahlt haben.

Vor ein paar Tagen hatte ich wieder so eine Begegnung. Ich weilte auf einem Konzert der schottischen Radau-Band Primal Scream, es war ganz gut. Vor allem war es laut, soll ja im Zusammenhang mit Rockkonzerten vorkommen. Neben mir standen ein Herr und eine Dame, denen es dennoch gefiel, die ganze Zeit durchzuquatschen – so engagiert, wohlgemerkt, dass es ihnen gelang, sich gegen das Fiepen und Dröhnen der Band durchzusetzen. Ich tat das, was man als halbwegs gesitteter Mensch in diesen Momenten eben so tut: Ich guckte. Ich bot mein gesamtes Repertoire vorwurfsvoller bis böser Blicke dar. Nichts geschah.

Kooperation

Da sprang mir jemand zur Seite, mit dessen Schützenhilfe ich in dieser Situation am wenigsten gerechnet hatte: Primal-Scream-Sänger Bobby Gillespie. Es sei wirklich ganz toll, bemerkte er während einer Ansage, zu einem Publikum zu sprechen, das lautstark plappere. Gillespie – ansonsten ein wahrer „cool dude“ – wirkte ernsthaft konsterniert; offenbar ist das Konzertvollquatschen eine deutsche Untugend. Doch auch der Sänger konnte nichts ausrichten. Wie auch? Die Leute hatten ihn ja nicht gehört vor lauter Laberei. Es half also nichts: Ich tippte den beiden Quatsch-Tüten auf die Schulter und raunte ihnen zu, dass sie, sofern es weiteren Verhandlungsbedarf gebe, diesen bitte im Garderobenbereich oder an der Theke erledigen mögen. Denn, verrückt, aber wahr: Ich wolle der Band zuhören. Die Blicke, die mir die beiden zuteil werden ließen, waren bemüht, allen Ekel und alle Verachtung zu ballen, die in der Kürze der Zeit aufzubringen waren. Aber es half: Der Typ zog sogleich kopfschüttelnd und mit verkrampftem Kiefer von dannen. Und was machte das Mädchen? Offenbar nun von Ennui geplagt, zückte sie ihr Mobiltelefon und filmte ein Ründchen.

Ich glaube auch nicht, dass auf Konzerten besonders wichtige Sachen besprochen werden. Die Zahl der Menschen, die bei einem Auftritt von, sagen wir aus populistischen Gründen: Arcade Fire in Gesprächen entscheidende Impulse in Sachen NSA-Affäre, Syrien-Konflikt oder Kleinkindbetreuung in Ballungsgebieten geben konnten, dürfte überschaubar sein. Und Frauen, die von Jünglingen während eines Rockkonzerts ihrer ewigen Liebe versichert werden, können jederzeit wispern: „Später gern, jetzt nicht!“

So viel für heute, hier aus dem kulturpessimistischen Ohrensessel. Nächstes Mal geht es dann um Menschen, die jeden Satz zwanghaft mit „Alter!“ beginnen. Oder ich präsentiere meinen Bildband „Höhepunkte der Hobby-Konzertfotografie“.


Oscar-Anwärter „The Favourite“: Abgründe weiblicher Macht

Es ist der pure Wahnsinn: Da hoppeln 18 Häschen auf dem erlesenen Parkett eines Barockpalasts. Die Diener müssen sich liebevoll um sie kümmern. Ein großartiges Filmbild, eine Groteske, aber eine mit tieferer, abgründiger Bedeutung. Nicht nur weil dies keineswegs ein spleeniger Einfall eines Regie-Hipsters ist, sondern historische Realität. Der Schrecken liegt darin, dass jeder dieser Hasen für eines der 18 Kinder steht, die die Königin innerhalb von 17 Jahren zur Welt gebracht und wieder verloren hat. So hoppelt auch die tägliche Erinnerung an das private Grauen durch die Palast­gemächer. Queen Anne ist heute ein bisschen vergessen. Sie regierte von 1702…
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