Neue Podcast-Folge: „Die Streifenpolizei“ über die Favoriten der Oscar-Verleihung

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Tatort Hardrock Café


Folge 28

Eigentlich schaue ich nie fern. Ich komme einfach nicht dazu, das ist so ähnlich wie bei Udo Lindenberg mit dem Anderssein. Es gibt auch immer etwas Besseres zu tun: öde Bemusterungs-CDs durchhören, besonders langweilige Punkte in der Wohnung fixieren, die Hellebarden-Sammlung polieren, so etwas halt. Allerdings ist es mir irgendwie gelungen, an den vergangenen sechs Sonntagen abends den „Tatort“ zu gucken. Eine herrliche Zeitverschwendung war das: Es wurde viel gelacht, gestaunt und gekopfschüttelt.

Vor allem der letzte „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring wusste auf die Begeisterungstube zu drücken. Ich glaube, ich habe mich seit meinem letzten Besuch auf einem Mineralien-Kongress nicht mehr so toll gelangweilt. Wotan Wilke Möhring sollte übrigens dringend, falls demnächst mal das große Marius-Müller-Westernhagen-Biopic gedreht wird, die Titelrolle übernehmen, aber das predige ich ja seit Jahren. Alles in dem Möhring-„Tatort“ passierte in Zeitlupe: das Herumgelaufe im Watt, das Herumgesitze in der Wohnung, ja sogar die abschließende Verfolgungsjagd. Mein Lieblingsmoment aber kam, als Möhring einmal in melancholischer Stimmung durch die Landschaft latschte und diese Latscherei prompt von einem besonders witzigen Musikredakteur mit Leonard Cohen unterlegt wurde! Ich hätte gerade übrigens fast Edgar Allen Poe statt Leonard Cohen geschrieben, was auch immer das bedeuten mag. Wie auch immer: Wenn jedes Mal, wenn ich melancholisch durch die Gegend laufe, Leonard Cohen brummelte, würde ein apokalyptisch anmutender Tantiemen-Regen auf den guten Mann herniederprasseln. Aber so ist das eben im Leben: Meist fehlt die dramatische Musik. Das wusste schon Funny van Dannen.

Im letzten „Tatort“ aus Stuttgart wiederum kam ein 13-jähriges Hochhaus-Mädchen vor, das Creedence Clearwater Revival hört.  Der „Tatort“: Immer wieder für einen verrückten Einfall gut. Ich schaue weiter zu.

Kooperation

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Manchmal sollte man Hunter S. Thompson zitieren:

„The music business is a cruel and shallow money trench, a long plastic hallway where thieves and pimps run free, and good men die like dogs.

There is also the negative side.“

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Vor ein paar Wochen führten mich meine Wege ins „Hardrock Café“ meiner Heimatstadt. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass nur der von sich sagen kann, er habe wirklich gelebt, der schon mal im „Hardrock Café“ seiner Heimatstadt war. Wer meint, das sei Quatsch, der soll da erst mal hingehen! Halbgare Ausreden der Marke „In meiner Heimatstadt gibt es aber gar kein „Hardrock-Café“ akzeptiere ich im Übrigen nicht. Dann macht man eben eins auf, Herrgott noch mal! „Wer nichts wird, wird Hardrock-Café-Besitzer“, sagte bekanntlich schon Ozzy Osbourne und der hatte ebenso bekanntlich soeben erst Geburtstag. Also!

Im „Hardrock-Café“ war ordentlich was los: Schon erstaunlich, wie viele Menschen daran interessiert sind, entschiedenermaßen nicht besonders außergewöhnliches amerikanisches Fast Food zu essen, während um sie herum Axt-förmige Gitarren und ästhetisch diskutable Bühnenanzüge, signierte Scorpions-Alben und dergleichen hängen und auf diversen Bildschirmen ohrenbetäubend laut dröhnende Rock-Videos laufen.

Zu sehen und zu hören war der übliche Rock-Kram: AC/DC, Led Zeppelin, Deep Purple, aber auch ein nicht enden wollender Live-Auftritt der doch immer etwas unglücklich wirkenden Achtziger-Jahre-Fassung von The Who. Das Schlimmste aber war ein Wiedersehen mit der Grunge-Gurkentruppe Bush. Unter allen gruseligen Wichtigtuer-Rockbands der späten Neunziger sind mir Gavin Rossdale und seine Tarnhosen-tragenden Spießgesellen eindeutig die unliebsten! Allein um mir dessen nun endgültig sicher zu sein, war es gut, das „Hardrock Café“ aufgesucht zu haben.

Ich war sonst nur noch in einer anderen Stadt im „Hardrock Café“, und zwar ausgerechnet in Rom, wo es vor vielen Jahren mal aus Gründen, für die hier der Platz fehlt, einen deutschen Underground-Splatter-Regisseur zu treffen galt. Zugegeben, das klingt seltsam. Aber erstens: Creedence Clearwater Revival auf dem Musikabdudelgerät einer 13-Jährigen ist entschieden seltsamer! Und außerdem: Wann hat man schon mal die Gelegenheit, einen deutschen Underground-Splatter-Regisseur im römischen „Hardrock Café“ zu treffen? Entscheidender ist ohnehin die Frage: Gibt es deutsche Overground-Splatter-Regisseure? Und wenn ja: Wo halten die denn bitte Hof, wenn im „Hardrock Café“ schon die Underground-Splatter-Regisseure herumsitzen? Sie merken schon, die Fragen häufen sich. Hier kommt noch mehr: Wer sind eigentlich die italienischen Scorpions oder werden gar keine italienischen Scorpions gebraucht, weil die Scorpions ja im Ausland so irre erfolgreich sind? Was macht der Schlagzeuger von Bush heute? Gibt es nicht vielleicht doch noch eine schlimmere Grunge-Ausweidungs-Truppe als Bush? Ich werde in dieser Angelegenheit ermitteln – bleiben Sie dran!

PS: Soeben erreicht mich der Hinweis einer aufmerksamen Leserin. Angeblich hat der gute Hunter S. Thompson das oben angeführte Zitat nie von sich gegeben, was Generationen von Zitate-in-die-Schuhe-Schiebern jedoch nicht davon abhält, es ihm in die Schuhe zu schieben. Beziehungsweise: Vielleicht hat er es ja tatsächlich mal von sich gegeben, saß aber womöglich gerade ohne Schreibzeug in einem „Hardrock Cafe“, so dass es womöglich irgendein am Nebentisch sitzender Gast rasch auf einen „Hardrock Café Bielefeld“-Bierdeckel kritzelte. Es ist jedenfalls kein schlechtes Zitat. Von Gavin Rossdale gibt es bestimmt blödere Sätze. Und die stammen alle wirklich von Gavin Rossdale.


Musikempfehlungen von Hunter S. Thompson: Die wichtigsten Alben der Sechziger

„Ich nehme dir die Annahme übel, dass Musik nicht mein Ding ist – seit mehreren Jahren argumentiere ich, dass Musik die neue Literatur ist, dass Dylan die Sechzigerjahre-Antwort auf Hemingway ist und dass die primäre Stimme der Siebziger statt in Büchern auf Platten und Videokassetten festgehalten wird.“ Diese Zeilen schrieb Hunter S. Thompson Ende der Siebziger an den ROLLING STONE-Journalisten John Lombardi – sein Brief war Bestandteil des Buchs „Fear and Loathing in America: The Brutal Odyssey of an Outlaw Journalist 1968–1976“. Um seine Musikkenntnisse zu untermauern, legte der Gonzo-Journalist, der neben dem Schreiben literarischer Meilensteine auch mit subjektiven Politik-…
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