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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wählerische Liebende in Miami-Vice-Sakkos

Folge 94

Ein Partygespräch:

Gast 1: „Und was machen Sie so?“
Gast 2: „Ich schreibe kultige Provinzkrimis, in denen es kauzige Ermittler mit noch kauzigeren Hinterwäldlern zu tun bekommen, die alle ganz faszinierende, aber liebevoll beobachtete Kauzprobleme haben. Und Sie?“
Gast 1: „Ach, ich bin der Typ, der den beleuchteten Zahn erfunden hat, der in allen Zahnarztpraxen im Fenster steht, um nach draußen zu signalisieren, dass man es hier mit einer Zahnarztpraxis zu tun hat.“
Gast 2: „Lustig. Damit könnten Sie fast eine Figur aus einem meiner kultigen Provinzkrimis sein. Natürlich nur, wenn Sie in der Provinz leben.“
Gast 1: „Ich lebe tatsächlich in der Provinz. Und ich BIN tatsächlich aus einem ihrer Romane.“
Gast 2: „Ach …“
Ein dritter Gast tritt hinzu. Die beiden anderen schauen kurz verärgert, weil sie ihr Gespräch unterbrechen müssen. Doch rasch fasst sich Gast 1 ein Herz.
Gast 1: „Wir erzählen uns gerade, was wir so machen, wenn wir nicht gerade auf Partys herumstehen. Was treiben Sie denn?“
Gast 3: „Och, ich bin eigentlich Privatier. Aber manchmal schreibe ich auch Texte über Musik, die kaum jemanden interessiert.“
Gast 2: „Ist ja ein Ding. Worüber schreiben Sie denn gerade?“
Gast 3: „Über Philip Baileys „Easy Lover“. Kennen Sie sicher noch?“

Alle drei stimmen sofort in den Refrain von „Easy Lover“ ein. Gast 2 deutet dazu ironische Tanzbewegungen an.

***

Wie das so ist: Manch ein Stück, das in meiner Jugend geradezu Ekel auszulösen in der Lage war, mag ich heute ganz gern. Man nennt das vermutlich Alter, Reife, Gleichgültigkeit oder sukzessives Verblöden, vielleicht ist es auch eine Mischung aus alledem. Vor ein paar Wochen durfte ich mit Erstaunen feststellen, dass auch Philip Baileys ehedem verhasster Hit „Easy Lover“ inzwischen für warmes Wogen bei mir sorgt. Dieses Wogen nahm ich erstmals vor ein paar Wochen zur Kenntnis, als ich das zum Song gehörige Video in einer Italo-Bar über den TV-Bildschirm flimmern sah. Seither wogt es des Öfteren mal, zuletzt wusste mich ein Freund zu erfreuen, der plötzlich mit der alten Vinylsingle um die Ecke gebogen kam.



Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Homedancing in the Dark

Folge 202 Pop ist kein Impfschutz, kann in diesen seltsamen Tagen aber helfen, die selbstgewählte Isolation besser zu ertragen. Trost und Ablenkung – man findet beides hier reichlich. So kam ich in den letzten Tagen beispielsweise endlich dazu, noch mal die alten Spex-Jahrgänge aus den 80ern komplett durchzulesen. Bitte, liebe Musikjournalisten, können wir alle wieder mehr so schreiben?! Alleine die folgende Passage aus einer The-Replacements-Rezension in Heft 5/1987, verfasst von einem kryptisch „Thunderclap“ genannten Autor, bescherte Ihrem Chronisten einen Glücksschub unerwarteten Ausmaßes: „... Dwight Twiley, Speedy Keen, Todd Rundgren, The Stories und vor allem Alex Chilton, den man als einzigen…
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