Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wir rocken das Brot

Folge 164

Will man als deutschsprachiger Sänger den Traum des fahrenden Musikers leben, so sind die Möglichkeiten begrenzt. Ich spreche aus schmerzhafter Erfahrung. Irgendwann hat man die Berlins, Hamburgs, Münchens, Kölns und Leipzigs ausgiebig bespielt und muss auf die sogenannten Mittelstädte, Kleinstädte und Käffer ausweichen. Hier erst wird es wirklich interessant. Man blickt dem Land tief in die trübe Pupille.

Einmal trat ich in Esslingen am Neckar auf. Hier hat nicht nur der Esslinger Druidenorden seinen Sitz, sondern auch die „Anti-­Teuro-Kneipe“ Graf Moltke. Besonders zu beeindrucken wusste aber eine Bäckerei-­Werbung mit dem Slogan „Wir rocken das Brot“. Als Verkörperung des schmissigen Slogans fungierten zwei des Rockens hochgradig unverdächtige Herren, die feixend mit Broten herumhantierten. Die Frage, warum in Deutschland seit einigen Jahren alles und jeder „rocken“ muss, konnte die Werbung freilich nicht beantworten. Der Esslinger Auftritt selbst verlief erfreulich: Die Esslinger waren freundlich und aufmerksam. Zu trinken gab es sauren Wein aus der Region. „Keine Sonne“, informierte der Veranstalter beim Ausschank eher sachlich denn entschuldigend.

Das hübsche Erlangen wurde bereits dreimal bespielt – in allen Fällen unter Vermeidung allzu großen Erfolgs. Der letzte Auftritt war ein sogenannter In‑Store-Gig in dem enorm sympathischen Plattenladen Der Schallplattenmann. Das Geschäft war gar so sympathisch, dass ich mir nach dem Auftritt drei Platten kaufte: zwei, von denen sich daheim herausstellte, dass ich sie bereits besaß, und ein Album von Robert Plant. Das mit den zwei Doppelkäufen war nicht weiter schlimm. Aber Robert Plant?

„Darf ich angreifen?“

Als meine Musiker und ich einmal Augsburg bereisten, fragte man uns an der Hotelrezeption, ob wir denn auch wegen des Brecht-Festivals hier seien? „Äh, nein“, lautete unsere wahrheitsgetreue Antwort. Wie berechtigt die Frage war, zeigte sich am Abend: Alle, aber auch wirklich alle Augsburger weilten an diesem Abend offenbar auf dem Brecht-­Festival. Zu uns kam niemand. Außer dem großartigen Schriftsteller Franz Dobler. Der führte uns später auf unseren Wunsch, etwas „Uriges, Regionstypisches, möglichst Brecht­fernes“ zu sehen, noch ins Prager Stüberl. Das Prager Stüberl stellte sich als Abschleppschuppen härterer Gangart mit Stampfschlager-Untermalung heraus. „Darf ich angreifen?“, hörte ich gleich beim Hereinkommen einen Herrn in den mittleren Fünfzigern eine Dame in den frühen Zwanzigern fragen. Nein, er dürfe nicht, lautete gottlob ihre Antwort. Sonderbar, raunte Dobler bald und schlug den Mantelkragen hoch, der Laden scheine hinter seinem Rücken das Konzept geändert zu haben. Dann verschwand er in der Augsburger Nacht.

Ganz schlimm war es mal in Unna. Bei meinem Eintreffen im Club, der sich als Fresskneipe mit hohem Folienkartoffelaufkommen herausstellte, lief Westernhagens „Sexy“. Auf meine Frage, wo denn der Techniker zu finden sei, drückte man mir eine graue Kiste in die Hand, aus der ein herrlicher Kabelsalat quoll. Am Ende ging ein Hut rum, in dem sich neben ein paar Euro auch Reste ausländischer Währung und einige Knöpfe befanden. Man braucht ein dickes Fell in Unna.

Dann schon lieber Darmstadt: In der semilegendären Goldenen Krone wurden wir weder begrüßt noch verabschiedet. Ob wir uns zu besaufen planten, wurden wir dafür zwischendurch von der Veranstalterin befragt, dann würde sie die GEMA-Unterlagen gern vorher ausgefüllt bekommen. Keine Ahnung, wer da sonst so spielt, es scheinen aber überwiegend Künstler zu sein, die dem Sich-Besaufen einen mindestens ebenso hohen Stellenwert einräumen wie dem performativen Akt. Darmstadt scheint zudem Deutschlands einzige Stadt zu sein, in der man nach elf Uhr nicht mehr frühstücken kann. In mindestens zehn Läden wurden wir abgewiesen: Sorry, leider zu spät.

In den Achtzigern veröffentlichte Heinz Rudolf Kunze mal ein Live-Album mit dem Titel „Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde“. Ich glaube zu ahnen, was Kunze meinte.


Die besten Gitarristen aller Zeiten: Keith Richards

Die besten Gitarristen aller Zeiten: Keith Richards Text von Nils Lofgren Ich erinnere mich, wie ich auf der Highschool „Satisfaction“ hörte – und nicht glauben wollte, welchen Schock es bei mir auslöste. Es ist diese Kombination aus dem Riff und den Akkorden, die darunter einen Kontrapunkt bilden. Keith kann mit zwei, drei Noten Vignetten schreiben, die substanzieller sind als jedes große Solo. Auf „Gimme Shelter“ spielte er die Lead- und die Vibrato-Rhythmus-Gitarre – und schuf damit eine bedrohliche Atmosphäre, wie es vor ihm noch keiner geschafft hatte. Der Kontrast zwischen den beiden Gitarren öffnet den Raum für Mick Jagger, um…
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