Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Zurück zur Hektik!


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Folge 38

Die Zeitlupe: Wird sie denn nie mehr verschwinden? Werden wir für den Rest unseres Lebens in einer unaufhörlichen Zeitlupe gefangen sein? Ich ahne Ihre Gedanken: Pfeil, die alte Pfeife, hat mal wieder zu viel an der Pfeil-Pfeife … doch nein: Mein Geist ist klar. Wir reden hier von einem real existierenden ästhetischen Problem. Lassen Sie mich ein wenig ausholen …

Kürzlich war ich in einem italienischen Gastronomie-Betrieb längere Zeit dem ebendort an der Wand hängenden Fernseher ausgesetzt. Es lief das, was immer läuft, wenn jemand, der öffentlich einen Fernseher an der Wand hängen hat, nicht weiß, was er oder sie sonst einschalten soll: Musikvideos (Einschub: Ja, es gibt noch Musikvideos. Sie laufen heute ausschließlich auf Sendern, die niemand schaut oder im Internet, wo man sie aber häufig nicht ohne Weiteres sehen darf, weil bestimmte Stellen das aus irre komplizierten Gründen nicht wollen. Vor allem aber laufen sie in italienischen Gastronomie-Betrieben, wenn grad kein Fußball kommt, oder in McDonald’s-Filialen. Freilich: Es gab mal mehr Videos, und die Zeiten, da man jeden dahergelaufenen Wald- und Wiesen-Musiker für einen mehrtägigen Dreh auf irgendeine Karibik-Insel kutschierte, wo er am Strand kamerawirksam sparsam bekleidete Models mit Champagner übergießen konnte, sind vorbei. Aber Videos gibt es immer noch, doch doch). Ich saß also da, aß und schaute. Alte Musikvideos und neue Musikvideos.

Bald wehte mich Irritation an. Ich wusste erst gar nicht, warum. Dann aber liefen hintereinander ein alter Clip von Moby und ein neues Video von Robbie Williams. Es war frappierend: Beide Videos hatten denselben Look, obwohl zwischen ihnen über zehn Jahre lagen. Der Grund war rasch ermittelt: Die Ähnlichkeit verdankte sich vor allem der Zeitlupe, die in beiden Filmchen dafür sorgen sollte, den eigentlich banalen Vorgängen – Popstar, der in Los Angeles herumläuft – etwas Weihevolles zu verleihen.

Der Grund, warum sich die Zeitlupe seit ihrem verstärkten Aufkommen in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts solcher Beliebtheit erfreut, ist freilich simpel. Gehen sie mal in Zeitlupe bei Ihrer Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt ins Büro und dann noch einmal ohne. Sie werden feststellen: Langsamkeit wirkt Wunder. In Zeitlupe sieht selbst der größte Horst wie ein Star aus. Künstlerisch ist die Zeitlupe natürlich eine Bankrotterklärung. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, zerdehnt man eben die faden Vorgänge. Es gilt sich daher vor jedem Videoregisseur zu verneigen, der auf sie verzichtet. Und zwar in Zeitlupe!

Interessant ist: Die Welt wird immer schneller, derweil die Videos in Langsamkeit stagnieren. Ich fände es ja umgekehrt besser: Ich wünsche mir eine Welt, in der überall (überall, nicht nur in Italo-Betrieben!) vollkommen hektische Videos laufen, in denen rappelige Menschen derart aufgekratzt herumturnen, als hätten sie die kompletten Amphetamin-Bestände der 70er-Jahre-Tourneen amerikanischer Rockstars aufgebraucht. Der Alltag jedoch vollzöge sich in totaler Zerdehnung: Alles wäre langsam und träge. Ich bin mir sicher, ich hätte all die professionellen Hektik-Kritiker und Entschleunigungs-Experten, die seit einiger Zeit in immer mehr TV-Beiträgen und Artikeln zur Verlangsamung mahnen, auf meiner Seite. Womöglich fänden sie den Teil mit den hektischen Musikvideos nicht so super, zumal verlangsamte Menschen wohl gar kein Verständnis für hektische Pop-Clips hätten, aber mir würd’s gefallen!

Im Gegensatz zu Videos darf Musik übrigens ruhig viel langsamer sein: Langsames Musizieren bedarf schließlich einer gewissen Disziplin und lässt sich nicht einfach per Knopfdruck herstellen. Hören Sie doch mal das aktuelle Album der Band Bohren & Der Club Of Gore: Da kann man zwischen den einzelnen Tönen mehrere Bands gründen. Aber das wäre töricht: Man sollte dieser Musik gänzlich untätig lauschen. Am besten im Liegen. Und sich fragen, wie man einen Text über Zeitlupen schließt. Vielleicht so: Die Zeitlupe soll nach Hause gehen. Und zwar ganz schnell.