Eugene McGuiness: Heimatloser Pop


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Eugene McGuinness spielt seine Vita gern herunter. Nein, sagt er, da gibt es nichts zu erzählen. Seine Musik sei ihm sehr lange nicht wichtiger gewesen als seine Playsta­tion, und übermäßige Begabung habe er nicht entdecken können. „Ich habe keinem erzählt, dass ich Lieder schreibe. Es schien mir ein peinliches Hobby zu sein. Mit einer Karriere war nicht zu rechnen.“

McGuinness kokettiert. Sein Vater Michael ist ein renommierter irischer Maler, der Großvater offenbar ein berühmter Dudelsackspieler. „Etwas Spirituelles“ habe er als Kind in der Musik seines Opas wahrgenommen, sagt der Enkel. Bei genauerem Nachfragen gibt er zu, dass Kunst und Musik in seinem Elternhaus immer eine große Rolle gespielt haben.

Der Versuch, dem Vater kreativ zu folgen, scheiterte, mündete aber in einem Studium am „LIPA“, McCartneys Lernanstalt in Liverpool. „Ich liebe Liverpool – die Menschen dort sind extrem offen und freundlich. Nicht so wie in London, wo alle immer busy sind und sich nur mit sich selbst beschäftigen.“

In Liverpool war es vorbei mit der Playstation. Auf dem Stundenplan stand das Musikgeschäft, freilich auch der kreative Fortschritt. Einmal saß McGuinness allein mit McCartney in einem Raum und spielte ihm seine Lieder vor. „Ein eher surrealer Moment“, erinnert sich McGuinness, „er fragte mich aus und suchte nach der Bedeutung hinter dem Song. Er hat mich ja öffentlich sehr gelobt, aber ich hatte den Eindruck, dass er sich ein bisschen langweilt.“

McGuinness hingegen hat sich in Liverpool nicht gelangweilt, sondern lernte die örtliche Musikszene kennen. Der Sound der Stadt, der kreative Aufbruch und die vielen Möglichkeiten, das hat den Neuankömmling beeindruckt. Die ersten Konzerte kamen gut an, Steve Lamarcq, BBC, Glastonbury, alles gleich im Sack. Für sein properes Debütalbum (eine EP erschien im Sommer 2007) wollte er aber statt des einsamen Troubadour-Sounds eine Band haben.

„Viele Leute haben sich darüber aufgeregt und wollen, dass ich weiterhin allein auftrete – so als wäre ich Bob Dylan und das hier mein „Highway 61 Revisited“. Aber ich habe ja gerade erst angefangen! Und so revolutionär kommt mir das nun auch alles nicht vor.“ Revolutionär oder nicht, „Eugene McGuinness“ ist eine sehr gelungene Platte, die ihrem Schöpfer große Vorstellungskraft bescheinigt. McGuinness vermischt ganz verschiedene Musikarten. Süßer Schokoriegel-Pop, 60s-Schwoof und altmodischer Beat’n’Roll werden zusammengehalten von McGuinness‘ vornehmem Gesang, New-Wave-Hallräumen und einer gewissen, nun ja, Englishness.

Weshalb McGuinness hier und da als der neue Morrissey gehandelt wird. „Das halte ich für ziemlichen Blödsinn“, widerspricht der Verglichene, „man kann mich ja nicht wirklich auf eine Herkunft festnageln. Ich habe englische und irische Wurzeln und lebe in Liverpool. Das sind sehr unterschiedliche Orte, und ich würde keinen meine Heimat nennen.“

So wird ein Schuh draus: McGuinness ist der irische Romantiker, der scharfzüngige, schnelle Londoner und der Pop-verliebte Liverpooler in einer Person. „Ich habe einen guten Song geschrieben, wenn er eine sehr konkrete Situation genau einfängt“, erklärt sich McGuinness, „das kann etwas ganz Alltägliches oder etwas total Durchgedrehtes sein. Aber ich muss die Situation jedes Mal wiedererkennen, wenn ich das Lied singe.“

Im Studio geht McGuinness offenbar recht freizügig mit seinen Liedern um und will sich auch dort nicht so ernst nehmen. „Ich habe mich bewusst gegen hochdekorierte Session-Musiker entschieden und stattdessen meine Freunde angerufen. Sogar mein Bruder macht mit. Ich empfinde das aber nicht als mutig, sondern eher als ein bisschen feige. Ich hatte Angst, dass da Könner kommen, die mich mit ihren Fähigkeiten überrumpeln. Die spielen einem was vor, und man bist beeindruckt.“

Jörn Schlüter