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Ex-RTL-Chef Helmut Thoma im Interview: „‚Wetten, dass…?‘ ist am Ende“

Immer der selbe Brei: Das deutsche Privatfernsehen ist noch verhältnismäßig jung, aber dennoch hat sich seit 20 Jahren noch kaum etwas geändert. Dieser Meinung ist zumindest Helmut Thoma, der ehemalige Geschäftsführer von RTL, und diese Meinung teilen einige.

Bestes Beispiel ist da doch die Show „Wetten, dass…?“. Seit genau 30 Jahren spult das ZDF mehrmals im Jahr dieselbe Sendung immer wieder ab, und erst Thomas Gottschalk gab ihr Charakter. Kein Wunder also, dass Thoma meint, ohne Gottschalk rentiere sich „Wetten, dass…?“ nicht mehr. Einzig Stefan Raab könne die Sendung vielleicht noch retten.

Lesen Sie hier das Interview aus unserer aktuellen Ausgabe:

Herr Thoma, Sie sind jetzt 72 Jahre alt. Laut Statistik müssten Sie pro Tag über vier Stunden fernsehen.

Das habe ich nie gemacht. Ich bin aber ein ungeheurer Zapper, weil ich immer die Programme durchschaue, ob es was Neues gibt. Aber da gibt es nicht viel. Da ist eine ungeheure Uniformität eingetreten, in Deutschland ganz besonders, weil hier ja dank einer völlig verfehlten Medienpolitik keinerlei Konkurrenz mehr besteht.

Als Sie 1984 mit RTL das Privatfernsehen gestartet haben, war Fernsehenmachen noch ein bisschen wie Rock’n’Roll. Heute herrschen da nur noch die Erbenszähler aus dem Controlling.

Das hat sich die deutsche Medienpolitik selber eingebrockt. In dem Bereich der berüchtigten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen treiben sich heute ja nur noch die RTL-Gruppe und die von ProSiebenSat.1 herum. Das eine, hinter RTL, ist die Bertelsmann-Holding, das andere hat man den von Herrn Müntefering so genannten Heuschrecken übergeben. Die scheren sich einen feuchten Kehricht um Inhalte, sondern nur um die ökonomische Seite, weil sie das ganze Unternehmen ja wieder verkaufen wollen.

Sie sagen, die Eigner von ProSiebenSat.1 kümmerten sich nicht um Inhalte. Kümmert man sich denn bei RTL um Inhalte?

Insofern, als man dort auf dem alten Gerüst baut. Ich kenne ja mein Programm, mit dem ich mich Ende 1998 dort verabschiedet habe. Da ist noch viel von mir drin. Man hat nur alles, was etwas teurer geworden ist, herausgenommen und ersetzt durch scripted reality. In Wahrheit ist dieses ganze Unterschichtenfernsehen ein Etikettenschwindel. Es wird von unbekannten Darstellern die Unterschicht so dargestellt, wie sie sich das selbst vorstellt. Man müsste da oben drüberschreiben: Leute, das ist alles nicht wahr, das haben wir uns ausgedacht.

Das tun sie doch. Im Abspann.

Das müsste am Anfang drinstehen. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Ich kenne sehr viele Leute, die sagen: Was läuft in Deutschland nur für ein Gesindel herum? Das wäre Aufgabe der Medienanstalten, da mal einzuschreiten, aber die haben nicht das richtige Instrumentarium dazu. Die Politiker glauben ja immer noch, dass sie mit ihren Auftritten bei den Öffentlich-Rechtlichen die Jüngeren erreichen. Aber bei den unter 49-Jährigen haben ARD und ZDF in diesem Jahr zusammen noch einen Marktanteil von knapp 13 Prozent. Die Politik hütet die öffentlich-rechtlichen Anstalten wie einen heiligen Gral, aber der Gral vergreist und verstirbt.

Die ARD macht jetzt immerhin nach, was Sie in den 90er-Jahren gemacht haben. Sie holt Thomas Gottschalk für einen täglichen Talk.

Wissen Sie, wie alt Gottschalk ist? Der ist 61. Ich verbiete mir zu sagen: Das wird nix. Ich glaube nicht, dass Gottschalk reüssieren wird, aber wir werden sehen. Ich habe ihn erlebt, er hatte bei mir den Late-Night-Talk, und der ist gut gelaufen, aber nicht gut genug für die Kosten. Er hatte fast zwei Millionen Zuschauer. Das sind Zahlen, davon träumt ein Harald Schmidt. Er hat mir mal erzählt, dass er immer wieder angesprochen wurde auf diese Show, einmal sogar am Flughafen von einem der Rolling Stones.

Aber jetzt kommt er am Vorabend. Da guckt keiner von den Stones.

Das ist tapfer von ihm. Es ist einen Versuch wert, aber gegen eine gute Serie wird er sich schwer tun. Gottschalk braucht eine richtige Sendung. Er kann auch was Kleines, aber dann muss die Redaktion ungeheuer gut sein. Das muss provokant sein.

Provokant und ARD? Das schließt sich doch aus.

Das ist richtig. Da werden ihm immer wieder welche reinreden. Wenn man sich allein den Job des ARD-Programmdirektors anschaut: Flöhe hüten ist dagegen eine leichte Übung. Gottschalk weiß das auch alles. Aber was sollte er beim ZDF machen? Er hat die beste Gelegenheit genutzt, auszusteigen. Er wollte das nach meiner Einschätzung schon länger.

Was wird aus „Wetten, dass …?“?

Das Vernünftigste wäre, wenn man die Sendung streichen würde. Alles hat ein Ende. Die Sendung hat die Substanz verloren. Das findet man alles bei Castingshows oder bei allen möglichen anderen Sendungen.

Aber wenn es denn sein müsste: Wen würden Sie zum Nachfolger bei „Wetten, dass …?“ machen?

Ich würde den Stefan Raab nehmen. Das wäre zumindest ein Gegenprogramm. Der könnte selber mitwetten und sich physisch einbringen mit seinen Spielen. Der könnte das verändern.

Raab wird einen Teufel tun. Der hat doch alles, was er will.

Für Geld machen alle alles. Das ist immer nur eine Frage der Höhe des Betrags. Aber wahrscheinlich lohnt es sich dann nicht mehr. Ist eh schon teuer genug. Aber nein, „Wetten, dass…?“ ist am Ende.

Bei Ihrem früheren Konkurrenten Sat.1 recycelt man gerade das Programm der 90er-Jahre und holt Harald Schmidt zurück.

Harald Schmidt ist ein kreativer Kopf, keine Frage. Das ist einer, der vielleicht bei den Öffentlich-Rechtlichen funktioniert, aber nicht bei den Privaten. Das ist viel zu intellektuell. Es wurde doch für Sat.1 schon beim ersten Mal ein Kult-Flop. Die Moderatoren werden viel zu sehr überschätzt. Die Moderatoren sind wichtig, aber entscheidend sind Inhalte. Wenn ich keinen guten Inhalt habe, geht jeder Moderator unter.

Wenn jetzt Günther Jauch den Sendeplatz von Anne Will übernimmt, dann passiert nichts?

Das ist ganz etwas anderes. Der Günther Jauch übernimmt ja nicht Anne Will. Der macht eine eigene Sendung. Der hat eine gute Art, mit Menschen umzugehen, und der will auch in den Politikbereich. Er will aus diesem Jux – und Dollereibetrieb ein bisschen raus. Da verdient er sich zwar dumm und dämlich, aber er wird auch nicht jünger.

Hätten Sie Jauch, wenn er Sie gefragt hätte, geraten, zur ARD zu gehen, wo sowieso schon vier Leute den Abend vollquatschen?

Hätte ich ihm geraten und habe ich auch. Wenn er glaubt, dass er das will und wenn er glaubt, dass er sich da verwirklichen kann, dann ist das die letzte Chance. Er sieht sich als politischen Journalisten. RTL hätte ihn das ja auch machen lassen können. Warum haben die ihn am Sonntagabend nicht gegen Frau Will antreten lassen? Nach Ansicht von RTL rechnet sich das nicht.

Man kann halt mit Talk keine 19 Prozent Marktanteil bei den Jüngeren holen.

Die holt RTL am Sonntagabend jetzt auch nicht. Dabei ist das eine tolle Zeit am späten Sonntagabend. Ich hätte das gemacht. Mit Jauch. Das hätte den gebunden an den Sender. Aber nein, er ist ein paar Cent zu teuer. Da ist ein Denken in den Schädeln, das überhaupt nicht mehr mit Inhalten zu tun hat, sondern nurmehr mit vermeintlichen Sendeplatzfinanzierungen.

Controlling statt Rock’n’Roll.

Die hätten den Rolling Stones auch die Instrumente weggenommen, wenn das zu teuer gewesen wäre.

Es gibt Menschen, die sagen, das deutsche Fernsehen sei das beste der Welt.

Ist es nicht. Das war es vielleicht mal. Was ist denn an Innovationen in den letzten 20 Jahren passiert? Das war alles RTL.

Seit 2000 ist im Fernsehen nichts mehr passiert?

Es muss ja nichts passieren, weil es keine Konkurrenz mehr gibt.

Es kommt nichts Neues, aber die Menschen gucken trotzdem immer mehr.

Was bleibt ihnen über? Es gibt ja nichts anderes. Das Internet ist trotz aller Beteuerungen noch keine wirkliche Konkurrenz. Was zeigen die da: eine Verhackstückung bestehender Programme, die sie neu zusammenpacken.

Ist das nicht die Zukunft, dass man weggeht von der linearen Programmstruktur?

Das sagen einige Medienwissenschaftler. Ich glaube das nicht. Ich schaue mir ja auch nicht Theater auf DVD an, ich gehe hin. Schauen Sie sich die Abrufzahlen der Mediatheken an. Das ist erschütternd. Das ist nicht so viel.

Schauen Sie noch RTL?

Ich habe mir am Anfang die Dschungelshow angeschaut und mich sehr köstlich amüsiert. Die Dschungelshow ist für mich übrigens ein schönes Beispiel für die Einstellung der Deutschen zur Unterhaltung. Das schauen zwar sehr viele, aber man schämt sich dafür.

Der „Tutti Frutti“-Effekt.

In England wurde die Queen nach ihrer Lieblingssendung gefragt, und sie hat die Dschungelshow genannt. Ich weiß nicht, was unser Herr Bundespräsident täte, bevor er das herausbrächte. Hierzulande liegt das Hauptaugenmerk bei der Unterhaltung offenbar auf dem „unter“.

Unterhaltung wird erst akzeptiert, wenn sie lange läuft.

Schauen Sie mal „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Die sind jetzt bei über 4.000 Folgen. Das ist absurd. Das sollte man auslaufen lassen. Die ursprüngliche Idee war, wie beim australischen Vorbild nach 600 Folgen Schluss zu machen. Das habe ich damals geholt, weil das in Deutschland niemand schreiben konnte. Da habe ich gesagt: Holt das, nehmt die Kängurus raus, und packt einen deutschen Schäferhund hinein.

Das rangiert bei RTL oft noch unter den Top Fünf. Die wären schön blöd, das zu kippen.

Aber man muss den Gesamtmarkt betrachten. Als Sat.1 2005 mit der Telenovela „Verliebt in Berlin“ auf den Markt kam, hat sich gezeigt, dass „GZSZ“ durchaus angreifbar ist. Die Telenovela war neu, sie war gut, und plötzlich sind die Ratings von „GZSZ“ nach unten gerauscht. Es ist immer nur Gegenwehr oder keine Gegenwehr. Das ist ein uralter Grundsatz: Man ist immer nur so stark, wie der Gegner einen sein lässt.

Ihr Gegner hieß lange Zeit Leo Kirch. Hat Sie dessen Tod betroffen gemacht angesichts der Tatsache, dass da jemand einem zerstörten Medienimperium nachhing?

Er war eine große Persönlichkeit und hat das selber mal sehr fatalistisch ausgedrückt: „Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen.“ Das war allerdings nicht Gott, sondern eine Riesenfehlkalkulation. Er hatte ja ein ganz schreckliches Management. Unser Kontakt ist dann auch irgendwann abgebrochen.

Das war mal enger.

Als ich 1998 von RTL weggegangen bin, hat Leo Kirch gerade zu schwächeln begonnen. Der hat einen Riesenfehler gemacht mit dem Pay-TV. Er hatte eine falsche Konzeption. Ich habe aber auch einen Riesenfehler gemacht, was mich heute noch ärgert. Ich habe völlig falsch reagiert, als Kirch mich aufgefordert hat, zu ihm zu kommen. Das ist noch verstärkt worden in einem Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Der hat mich gefragt, warum ich nicht zu Kirch gehe, wo der mich doch will. Das war witzig: der Bundeskanzler als Headhunter.

Hätten Sie Kirchs Reich retten können?

Ich hätte das vielleicht hingekriegt. Ich hätte das Pay-TV nicht so gemacht, wie er es gemacht hat. Aber ich habe Nein gesagt. Das war ein Fehler.


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