Fête de la Musique in Berlin: „Come closer, you Bastards!“


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Kamera eingepackt, die Sonnenbrille aufgesetzt. Raus aus dem Büro, rein in den Trubel. Es ist Dienstag, der 21. Juni, der Tag der Sommersonnenwende, Sommeranfang.  Es kribbelt im Bauch – das ist die Vorfreude. Wie jedes Jahr an diesem Tag begrüßt Berlin den Sommer mit der Fête de la Musique.

An diesem Tag ist ganz Berlin ein einziges Open-Air-Konzert. An jeder Ecke spielen Bands und Solokünstler, denn beim Fête de la Musique darf jeder so laut und lange Musik machen wie er oder sie will. Dazu gibt es in der ganzen Stadt verteilt 132 Bühnen in Clubs oder Cafés – viel zu viele, um sie alle anzusteuern – und bei allen ist der Eintritt frei. Heute wird sich also auf den östlichen Teil Berlins konzentriert. Die Tour beginnt am Schlesischen Tor. Dort, in der Schlesischen Straße, ist das Café Wendel, das schon im Vorjahr eine Bühne für Künstler und Bands geboten hatte. Der nächste Künstler baut gerade auf. Es ist der Saxophonist Andre Vida der, in Begleitung seines Schlagzeugers, die nächsten 45 Minuten den „Schlesi“ mit Jazz-Klängen erfüllen wird. Mit einem Mischmasch aus Sprechgesang, tierartigen Geräuschen und seinen kontrollierten, scheinbar chaotischen Sax-Solos transportiert Vida den Zuhörer in die Clubs der New Yorker West Side. Natürlich ist dies nicht für Jedermann gemacht – Publikum hat der Musiker nicht viel. Dennoch genießen diejenigen, die auf den Stühlen und Bänken vor dem Café Wendel sitzen sichtlich die Musik und geben auch kräftigen Applaus.

Hurtig weiter, es gibt noch viel zu sehen heute. Über die Oberbaumbrücke, auf der auch zahlreiche Bands ihre Instrumente aufbauen, hinweg und an der S-Bahn-Station Warschauer Straße, aus der Menschenmassen in alle Richtungen strömen, vorbei geht es Richtung Friedrichshain. Einfach die Augen zu machen und sich von der Musik leiten lassen. Eine Truppe Jungs steht am Fuß der Brücke und trommelt fleißig auf ihren afrikanischen Bechertrommeln genannt Djembés. Nach einer Minute oder zweien wird weitergezogen, nächstes Ziel: Das R.A.W.-Gelände.

Hier sind drei Bühnen aufgebaut, eine im Cassiopeia, eine auf dem Platz vor der Skatehalle und eine vor dem Suicide Circus. Ein DJ legt auf, sein Mischpult auf einer Bierbank, die Leute tanzen.

Nicht nur in Berlin schwingen die Besucher der Fête de la Musique das Tanzbein. Weltweit feiern um die 350 Städte mit diesem Festival den Sommeranfang. Begonnen hat alles vor dreißig Jahren in Paris. Der französische Kulturminister Jack Lang hatte 1981 die Idee, solch ein Fest ins Leben zu rufen. Der Vorschlag kam an und so wurde ein Jahr später die erste Fête de la Musique in der Hauptstadt Frankreichs ins Leben gerufen. Andere Städte und Nationen haben Wind davon bekommen und so verbreitete sich die Idee. In Berlin fand die erste Fête 1995 statt.

Zurück in der Gegenwart: an der R.A.W.-Bühne spielt gerade Singer-Songwriter 1 Year Of Berlin Free City ein französisch-angehauchtes Chanson und schließt mit den für das Genre typischen romantischen Schlussakkorden. „Die Franzosen haben das eigentlich von mir geklaut“, sagt der Sänger spöttisch, „erfunden habe ich das eigentlich!“

Weiter geht’s, an der Skatehalle vorbei zum Cassiopeia. Dort spielt die Balkan-Punk-Band The Dreadnoughts, deren Bandmitglieder alle schon nicht mehr ganz nüchtern sind. Wie Piraten gröhlen sie in die Mikrofone, als sie den Song „Polka never dies“ anstimmen. Die Menge kocht. Etwa vierzig Menschen tanzen vor der Bühne, auf der die fünf Mitglieder der Band auf- und abspringen und herumspringen. Die Band fordert Bier und bekommt es, ist aber dennoch nicht zufrieden. Die Leute sind zu weit weg von der Bühne. „Come closer, you Bastards!“, gröhlt der Leadsänger und Gitarrist und lacht, wie man sich das Lachen von Käpt’n Blackbeard vorstellt. Die Party im Cassiopeia geht weiter, aber auch im Rest Berlins gibt’s noch einiges zu hören und zu sehen.

Mit der M10 Richtung Nordbahnhof kommt wird man direkt vor den Mauerpark gefahren. Dort stehen zahlreiche Mietwägen von Robben & Wientjes, auf ihnen zusammengepfercht junge Bands, wie Killing Soul aus Berlin. Vor dem Kastenwagen stehen bestimmt fünfzig Menschen, es gibt kaum ein Durchkommen. Man will allerdings auch erst einmal nicht, denn die Musik klingt gar nicht schlecht. Es ist bluesiger Folk, der ins Herz geht und ins Bein. Trotzdem, losreißen muss man sich eventuell, denn das eigentliche Ziel ist die Red Bull Bühne am Amphitheater.

Schon auf dem Weg dorthin hat man das Gefühl der völligen Reizüberflutung. So viele Menschen zum Anschauen, so viele Gerüche zum Riechen und dann natürlich die Musik… Um die Bühne herum sind Stände mit Essen, Afrikanisch, Italienisch, Asiatisch, es gibt wirklich alles. Um das Theater herum wird es so voll, dass man sich kaum bewegen kann und schon gar nicht bis zur Bühne vordringen. Im Moment spielt Ghost of Tom Joad, eine Ex-Punk und nun Pop-Band aus Münster, drei Jungs mit engen Jeans und hippen Frisuren. Kopfnickenderweise steht das Publikum vor dem Bus, nach dem Ende des letzten Lieds hört man Mädchen „Wooooh!“ schreien, die Musik hat zwar nicht vom Hocker fallen lassen, aber man ist durchaus erfreut.

Black Musik by Ghost of Tom Joad

Eine regelrechte Euphorie löst der HipHop-Act Casper aus, der nach der Band spielt. Ohne DJ oder Playback, dafür aber von echten Instrumenten unterstützt,  rappt der gebürtige Benjamin Griffey mit schnarrender Stimme, bis das Publikum ausflippt. Ein paar Walls of Death und Laola-Wellen später verlässt er die Bühne mit dem größten Applaus, den man an diesem Abend hören können wird.

Headliner auf dem Red Bull Bus sind die altbekannten Young Rebel Set, die schon am vergangenen Wochenende auf dem Hurricane gespielt haben. Das Konzert dort war ja schon schön und entspannt gewesen, aber ein Open Air vor einem malerischen Sonnenuntergang in einem Park zu spielen schlägt ein übervolles Festivalzelt einfach um längen. Eine Stunde lang geben die Briten sich die Ehre, dann ist es leider 22:00 Uhr und die Fête im Freien ist offiziell zu Ende.

Aber nur offiziell. Im Görlizer Park geht eine Techno Party am Edelweiß noch bis Mitternacht und zahlreiche Bands wie die Instrumental Hard Rock-Band Mollymegatrio aus Barbados und Internationaler Wettbewerb aus Berlin spielen am Schlesischen Tor noch inoffizielle Zusatzkonzerte. Letztere überzeugen mit herrlich amerikansichen Country und Folk und tragen auch eine wunderbare Bossa-Nova-Version des Dean Martin Songs „Sway“ vor.

Die Fête geht noch bis in die frühen Morgenstunden als Fête de la Nuit weiter. In zahlreichen Bars und Clubs laden noch gratis Konzerte und DJ-Sets zu Tanzen und Trinken ein. Man soll ja jedoch aufhören, wenn’s am schönsten ist und deswegen scheint es eine gute Idee, mit dem Echo von „Sway“ im Ohr, gen Heimat zu ziehen. Wundertoll war’s mal wieder gewesen; so toll, dass man sich doch schon auf nächstes Jahr freut.