Flowerpornoes – „Ich & Ich“


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Ich habe im vergangenen Jahr 28 Romananfänge gelesen – achtundzwanzig. Ich habe nicht einen dieser Romane zu Ende gelesen. Es kam immer etwas dazwischen. Lange Abende in der Redaktion, Feierlichkeiten, neue Schallplatten, so genannte Dates, Kinoabende, neue Bücher, die unbedingt auch sofort gelesen werden mussten, Treffen mit Freunden. Dann war ich wieder vollkommen aus der Geschichte geworfen und stand vor der Entscheidung, entweder noch einmal von vorne zu beginnen, oder einen neuen Roman anzufangen. Manchmal entschied ich mich, beides zu tun, meistens nur für die das zweite.

Ich habe mir angewöhnt, mein ganzes Leben als Aneinanderreihung und Überlappung von Romananfängen zu betrachten. Jeder Arbeitstag, jede neue Aufgabe, jeder Abend in Kneipe oder Kino: ein neuer Roman mit neuen Protagonisten und Handlungen, in denen ich immer wieder eine andere Rolle spiele. Und nie schaffe ich es, einen davon zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Auch meine Beziehungen waren immer nur Romananfänge, die ich irgendwann aus den Augen verlor. Ganz schön komplex, dieses Ding, das man „ich“ nennt.

Je näher wir einen Menschen kennen, desto mehr erkennen wir, dass er gleichzeitig Protagonist und/ oder Nebenfigur in mehreren Romananfängen ist, je weiter jemand weg ist, desto weniger seiner Romananfänge kennen wir. Wie ist es, wenn unser komplexes Selbstbild voll unterschiedlicher Romananfänge, die es zu meistern gilt, nun mit dem Bild konfrontiert wird, das Andere von uns haben?

Es gibt Menschen, von denen wir glauben, sie seien uns nahe, sie seien Freunde, und doch kennen wir nur einen ihrer Romananfänge und den nicht mal von ihnen, sondern von irgendwelchen Dritten. Popstars sind so ein Fall. In der Ferne sehr nah. Wir wissen nicht, was auf der anderen Seite des „/“ von „Singer/ Songwriter“ passiert. Wir sehen oder hören den Sänger, doch den Roman, in dem er den Song geschrieben hat und in dem er gerade steckt, kennen wir nicht. Wie mag es für so jemanden sein, wenn er mit seinem öffentlichen Image konfrontiert wird? Wenn er in der Zeitung von sich liest oder bei Konzerten mit seinen Fans spricht? Spielt er das das Rockstar-Klischee mit?

„Ich bin dafür geschaffen/ die Gedanken der Massen/ in Worte zu fassen/ … / In diesem Sechs-Millionen–Taxi/ das lautlos durch die große Stadt gleitet/ läuft ,Us & Them’ von Pink Floyd/ Dreh den Kopf und sieh mich an/ Jetzt darfst Du mich anfassen“, sang Tom Liwa in „Stadion“. Nicht, weil er ein großer Rockstar war, sondern weil er den Mikrokosmos menschlicher Beziehungen studiert hatte, weil er den Kontakt mit Fans suchte, weil ihn interessierte, wie Andere ihn sahen.

Das Spiel von Liebe und Gegenliebe, von Leid und Mitleid, der Fan als Spiegel, als alter Ego: „Da ist dieser Typ, der glaubt an alles, was ich mach/ Jeder Scheiß, den ich schreib geht ihm unter die Haut/ und über jeden schlechten Witz muss er lachen/ Wenn’s mir dreckig geht/ Dann findet er sich drin wieder/ Ich hab versucht, ihn loszuwerden/ Doch ich werd ihn nicht los/ Ich lieb ihn zu sehr oder ich hass ihn zu sehr/ Er ist das Gegenteil von mir/ Er ist der, der immer ganz genau einen Schritt hinter mir war/ Und ich hab Angst eines Tages komm ich irgendwohin/ Und er ist schon da.“

Das letzte Flowerpornoes-Album „Ich & Ich“ von 1996 ist die Geschichte vom Ich und vom Du, von Erwartungen, die nicht erfüllt werden können, von Widersprüchen vom Leben in verschiedenen Romananfängen, von Masken, die wir tragen, von Rollen, die wir spielen. Vom Rockstar und vom Fan, von Liebenden, von Sinnsuchenden und davon, wie wichtig es ist, den Anderen in seiner ganzen Komplexität, jenseits aller Klischees zu respektieren. „Sie sieht Dir in die Augen, als würde sie sich selber sehn/ Doch grade deshalb würd sie nie sagen/ Sie könnte Dich verstehn“.

Da ist zum Beispiel die Karrierefrau, mit der man früher um die Häuser gezogen ist. „Sie sagt: ,Ich bin jetzt wieder zusammen mit meinem Ex / Manchmal fehlt mir der intellektuelle Scheiß – dafür hab ich wieder Sex’“. Tom Liwa berichtet ohne Nostalgie und Ideologie von einem solchen Wiedersehen. „Und so verschieden, wie wir im Moment auch sind/ Ist da kein Neid, keine Reue – nichts dergleichen/ Sie gießt mir Tee in die Tasse/ Und ich denk:/ ,Das hat Klasse, die ich nie hatte’“.

Und da sind auch die wenigen Momente, in denen alles klar zu sein scheint: „Deine Haut, Dein Körper, Dein Geruch sind soviel eindeutiger/ Als all die Worte/ Und holen mich zurück/ Da ist kein Tag, an dem ich mich nicht zu Dir hindenk“. Das Begehren des paradiesisches Zustandes löst sich am Ende, in einer herzzerreißenden Cover-Version von Van Morrisons „Sweet Thing“, in der Urszene, der Rückkehr in die unschuldige Kindheit, fast wie am Ende von Kubricks „2001 – A Space Odyssey“: „Ich werde meine Hand ausstrecken in den Nachthimmel/ Und die Sterne zählen, die sich in Deinen Augen spiegeln/ Und in diesem Moment werde ich alles verstehen/ Und aufhören, mich irgendwas zu fragen/ Und ich werde damit zufrieden sein,/ Nicht mehr zwischen den Zeilen zu lesen/ Und ich werde laufen und reden und reden und reden/ Und ich werde niemals wieder so alt werden“.

Moll, 1996