Gisbert zu Knyphausen im „Venue Berlin“: Seltsames Licht

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Gisbert zu Knyphausen im „Venue Berlin“: Seltsames Licht

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Er ist ein Schüchterner, der seine Schüchternheit nicht vor sich herträgt. So eloquent seine Lieder sind, so lakonisch sind seine Auskünfte. Die akustische Gitarre, das vertraute Spiel, die vertraute Stimme: Gisbert zu Knyphausen, fünf Jahre nach der letzten Platte, sieben Jahre gar nach „Hurra. Hurra. So nicht.“. Er werde nicht nur neue Stücke spielen, sagt er. Wenn er allein auf der Bühne steht, denkt man manchmal, dass die Pausen ihn schlucken. Aber wenn er die Songs singt, dann mit der Selbsticherheit, der Überzeugung und Autorität des Folk-Dichters, von Bert Jansch, John Martyn, Loudon Wainwright. Er hat ein Keyboard mitgebracht, geliehen von seiner Freundin, und auf dem Instrument spielt er zwei berückende Balladen.

Gisbert zu Knyphausen (li.)im Gespräch mit Maik Brüggemeyer

Vor und nach dem Gespräch mit Maik Brüggemeyer, der mit seiner berühmten Einfühlung dem Wortkargen, dem Zaudernden auch dann Vielsagendes entlockt, wenn er die Antwort nicht weiß. Knyphausen hat in den Jahren nicht befürchtet, dass ihm sein Publikum nicht folgen könnte, dass er vergessen werden könnte: Er hat ja immer Konzerte gegeben. Nach dem Tod seines Freundes Nils Koppruch, mit dem er das letzte Album aufgenommen hat, verstummte er nicht – er reise in den Iran, er dachte nach, er lebte. Er mochte den so andersartigen Koppruch so sehr, den dionysischen Musiker, der die Songs herausschleuderte. Aber „Niemand“, das erste Lied der neuen Platte, sei kein Song über ihn. Er wollte keinen Song über Nils Koppruch schreiben. „Seltsames Licht“, das sei das Lied über den Tod seiner Mutter.

Der milde Rausch der Weintrinker

 Maik Brüggemeyer errinnert an die Liedzeile „Ich möchte ein Cowboy sein“ aus „Wer kann sich schon entscheiden?“ – und irgendwann später sei es dann vielleicht Zeit, dass der Cowboy nach Hause komme und sesshaft werde. Ob diese Zeit gekommen sei? Sie sei gekommen, aber die Frau sei nun eine andere, sagt Knyphausen. Er raucht nicht mehr, die Stimme sei klarer, kein Dreck mehr auf den Schleimhäuten der Stimmbänder. Knyphausen, jetzt fast gelöst, erzählt von dem Weingut seiner Eltern, auf dem im Sommer ein Musikfestival stattfindet. Die Brüder betreiben das Gut, Knyphausen hilft bei dem Festival. Der milde Rausch der Weintrinker, die Rührseligkeit, das sei sehr angenehm. Anders als bei Bier und Schnaps. Vielleicht müsste man das Festival auch einmal nur mit Schnaps, nur mit Bier probieren.

Gisbert zu Knyphausen

Ein Blick in die Inspiration des Künstlers: Er glaubte, er hätte mit Conor Oberst abgeschlossen – aber dessen vorletzte Platte, „Ruminations“, sei doch wieder toll. Die letzte habe er noch nicht gehört, er hinke stets hinterher. Später, am Ende des Konzerts, sagt er: „Ich bin schon einfach sehr langsam in manchen Dingen.“ Fragt, ob jemand eine Gitarre reparieren könne – er habe sie noch immer nicht zum Instrumenteladen gebracht. Für Andreas Dresens „Timm Thaler“-Film hat er den Song „Das Licht dieser Welt“ geschrieben, der auch auf dem neuen Album ist (und ihm den Titel gibt) – wollte Knyphausen, der hat ihm so gut gefallen. Dresen dreht nun einen Film über den ostdeutschen Songschreiber Gerhard Gundermann, der im Braunkohlerevier in der Lausitz arbeitete, weil er Proletarier bleiben wollte. Knyphausens frühere Band („Eine andere Geschichte“) wirkt an der Musik mit. Brüggemeyer fragt listig, ob Knyphausen mal überlegt habe,  ob Musiker der richtige Beruf für ihn sei. „Ja, tatsächlich.“ – „Siehste.“ – „Aber mir ist nichts anderes eingefallen.“ Sozialkritische Texte können andere besser schreiben, sagt er entschieden, er denkt nicht darüber nach. Die Platte von Kettcar sei toll. 

 Dann singt Knypausen ein paar der Stücke mit englischen Texten von der neuen Platte, auch „Das Licht dieser Welt“: „Und deine Zweifel und die Wut, die gehören zum Leben mit dazu/ Doch verliere dich nicht darin/ Denn die Liebe, die du gibst, das ist die Liebe, die du kriegst.“ Und dann die lieb gewordenen alten Lieder, der Sog der Undeutlichkeit, das fiebrige Sehnen, das Summen der Erinnerung.  „In diesem Kopf ist kein Platz mehr für all diesen Müll“, singt Knyphausen in „Morsches Holz“. Von der ersten Platte: „Erwischt“. Und „Dreh dich nicht um“: „Trag dieses Lachen bei dir, wenn du gehst/ Ich mag es sehr.“

 Der Cowboy, der die Menschen zum Weinen bringen kann, geht leise ab. Ach, er könnte noch lange, lange weitersingen.

Sebastian Gabsch
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