Gunter Blank geht essen: Internet der Körper


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GUNTER BLANK
GUNTER BLANK

Die Anekdote vom intelligenten Kühlschrank, der sich weigert, dem von Heißhunger übermannten nächtlichen Besucher die Tür zu öffnen, weil dessen BMI oder Cholesterinwerte zu hoch sind, ist zwar schon etwas abgedroschen, bringt die Ängste, die sich mit der Digitalisierung und Vernetzung des Alltags verbinden, aber immer noch ganz gut auf den Punkt. Denn Industry 4.0, die das Internet der Dinge mit den unterschiedlichsten Lebensaspekten des Individuums koppelt, zeitigt in atemberaubendem Tempo Entwicklungen, die längst auch unsere Ernährung erfasst haben.

Das von dem Thinktank RAND postulierte „Internet der Körper“ ist längst nicht mehr nur für das Gesundheitswesen und die Versicherungsgesellschaften interessant, sondern auch für die Lebensmittelindustrie. Der Kühlschrank ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Gleichwohl sind nicht alle revolutionären Neuerungen entmündigend. Im Gegenteil, manche können dazu beitragen, dass wir uns nicht nur gesünder ernähren, sondern auch die global vorhandenen Ressourcen besser nutzen.

Die Wissenschaftsjournalisten Olaf Deininger und Hendrik Haase haben zu diesem Komplex einen Übersichtsband vorgelegt. „Food Code. Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten“ zeigt die Entwicklungen auf, die in naher Zukunft unsere Ernährungsgewohnheiten bestimmen werden. Das Themenspektrum reicht von dem Alexa-Echo- Skill „Bier vor vier“ über Food Porn und Buycott-Apps, die via Barcode Umweltsünder entlarven, bis hin zu Killerbots, die auf Salatfeldern Jagd auf Nacktschnecken machen, um sie mit einem gezielten Stich ihres Dorns unschädlich zu machen.

Sanfter arbeiten die Chips von Start-ups wie Viome oder my.microbes, die invasiv eingesetzt werden, allerdings weniger zur Gedankenmanipulation als zur Analyse der Darmfora, um chronisch Kranken entsprechende Ernährungspläne zur Verfügung zu stellen. In eine ähnliche Richtung zielt die Firma DNA-Nudge – allerdings klingen die Lifestyle-DNA-Analysen, mit denen diese auf Genombasis einen individuell konfigurierten Einkaufsplan entwirft, mehr nach einer cleveren Methode, den Kunden neben ihren Daten auch noch das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Supermärkte auszuschalten und die Produkte beim Erzeuger zu kaufen ist ein Gedanke, über den nachzudenken sich lohnt

Am spürbarsten ist das rasante Tempo sicherlich im Einzelhandel – man denke nur an das abenteuerliche Angebot eines Lieferdienstes, bestellte Waren binnen zehn Minuten auf den Küchentresen zu stellen. Als Gegenentwurf verstehen sich die durch und durch vernetzten Whole- Food-Stores, die einen „Dritten Ort“ der Entschleunigung und des informierten Austauschs erschaffen wollen und von San Francisco ausgehend inzwischen die USA erobern. Tatsächlich könnte man sie als das öko-grüne Xanadu bezeichnen, doch sind die dort in smoothem Wohlfühlambiente feilgebotenen Bio-Waren nur für eine wohlhabende Minderheit erschwinglich.

Alibaba-Eigner Jack Ma ging da vor Jahren schon sehr viel pfiffiger vor, ohne die Profite seines Konzerns aus den Augen zu verlieren. In seinen Hema-Läden kann der Konsument die Produkte zum Herkunftsort zurückverfolgen und sie sich dann entweder vor Ort zubereiten und nach Hause liefern oder im angeschlossenen Restaurant Robot.He von einem Roboter servieren lassen. Unter dem Eindruck der Covid- Pandemie verknüpfte er dieses Konzept mit seiner Plattform Taobao, auf der ländliche Kleinproduzenten schon seit 2003 ihre Waren anbieten. Nun können auch Kleinbauern, die zu wenig produzieren, um auf den klassischen Märkten bestehen zu können, ihre Produkte über das Alibaba/Alipay-Netz an die Hema-Stores und an weit entfernte Kunden liefern lassen. Natürlich kann man sich über Roboterkellner mokieren und Alibaba als Datenkrake denunzieren – aber Supermärkte auszuschalten und die Produkte beim Erzeuger zu kaufen ist ein Gedanke, über den nachzudenken sich lohnt. Zumal es auch in Europa bereits vereinzelt Angebote gibt. So bestellt die Mutter des Verfassers inzwischen Orangen nur unwesentlich teurer beim Öko-Erzeuger in Valencia.

SHAHID SAEED MIRZA AFP via Getty Images