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Jan Müller: „Keiner von Tocotronic hat sich eine Villa zurechtsparen können“


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Jan, wie hat die Krise Tocotronic getroffen?
Im ersten Jahr hat sich bei uns noch gar nicht so viel geändert. Wir wollten ein Album aufnehmen und haben das auch getan. Insofern sollte es sowieso ein konzertarmes Jahr werden, allerdings mit Ausnahme der „Let There Be Tocotronic“-Festivals, bei denen wir in Hamburg und Potsdam jeweils die Hamburger und Berliner Jahre aufführen wollten. Das lag uns sehr am Herzen und war natürlich auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine Einbuße, aber insgesamt haben wir es so empfunden, dass es uns vergleichsweise glimpflich getroffen hat.

Allerdings haben damals auch nur die wenigsten damit gerechnet, dass der Zustand so lange anhalten würde.
Normalerweise wären wir im Frühjahr 2021 auf Tour gegangen, da hat sich aber relativ schnell rausgestellt, dass das nicht geht. Von Mai bis September sollten nun sogar insgesamt zehn „Let There Be Tocotronic“-Konzerte unter dem ausgeweiteten Motto stattfinden, aber das ist aktuell sehr ungewiss. Im Hintergrund beschäftigt uns immer der Gedanke, ob wir dieses Jahr überhaupt spielen können oder nicht. Es gibt keine Gewissheit und keine richtige Perspektive, das ist schon anstrengend.

Wie hat die Krise euch und euer Umfeld wirtschaftlich getroffen?
Keiner von uns vieren ist in seiner Existenz bedroht. Es ist machbar, nicht endlos, aber eine Weile geht es. Generell ist dieses Thema für mich ein schmaler Grat. Im schlimmsten Fall muss man sich halt was anderes überlegen. Das klingt jetzt total neoliberal, aber man ist es doch als Selbständiger gewohnt, kreative Lösungen in schwierigen Zeiten zu finden. Ein ehemaliger Mischer von uns fängt jetzt im Impfzentrum an. Es gibt immer noch ein paar Einkünfte aus den Plattenverkäufen, Merchandise, ein bisschen Geld für meinen Podcast, die GEMA: Alles nicht genug zum Leben auf Dauer, aber es federt vieles ab. Heftig ist es für Leute, die ausschließlich von ihrer Arbeitskraft im Live-Geschäft leben. Unsere Crew, die Mischer, Roadies, Tourmanager, für die fällt wirklich alles weg. Aber klar: Auch für uns ist es nicht leicht, keiner von uns hat sich durch Tocotronic eine Villa im Tessin zurechtsparen können.

„In jeder Krise liegt auch eine Chance?“ Habe ich nie gedacht! Das ist einfach nur schlecht, Punkt

Man hört ja oft, dass viele diese erzwungene Entschleunigung insbesondere während des ersten Lockdowns auch als wohltuend empfunden haben, wie ging es euch?
Ich habe nichts an Corona als wohltutend empfunden. „In jeder Krise liegt auch eine Chance?“ Habe ich nie gedacht! Das ist einfach nur schlecht, Punkt. Ich habe kleine Kinder, Schulen und Kindergärten waren zu, ich war von Anfang an sehr alarmiert, dass da eine Riesenscheiße auf uns zukommen könnte und so war es dann ja auch.

Wie denkt ihr über Übergangskonzepte wie Streaming-Konzerte und solche mit Hygienekonzept?
Anfangs habe ich mir ein paar Streaming-Konzerte angeguckt, aber das war nach einer Woche auch wieder vorbei. Irgendwann wollte ich die ganzen Wohnzimmer nicht mehr sehen. Es ist natürlich gut, dass Leute sich kreative Lösungen einfallen lassen und es gibt auch Musik, zu der Autokino- oder Picknickkonzerte gut passen. Aber dieses Glück haben wir nicht. Wir waren nie Fans von „originellen Ideen“. Wir finden den klassischen Rahmen eines Rock-Konzerts für uns voll angebracht und können uns zumindest bislang nichts anderes vorstellen. Wir müssen allerdings gucken, wie sich das dieses Jahr entwickelt. Es könnte durchaus sein, dass Hygienekonzerte durch zusätzliche Hilfe von Bund oder Ländern attraktiver werden. Richtig gute Laune macht einem das alles natürlich nicht, aber das gilt ja generell für die Pandemie.

Wie steht ihr zu sogenannten Quarantänealben und -Songs?
Wir funktionieren als Band nicht so, dass äußere Ereignisse Niederschlag in unserer Musik finden. Wir haben ja den Song „Hoffnung“ vorab ausgekoppelt, weil er gut zur Situation passte, obwohl er schon früher geschrieben worden war. Das war für unsere Verhältnisse schon ungemein spontan.

Stichwort Mental Health: Wie beeinflusst die Situation eure Psyche?
Videokonzepte, Coverdesign, meine Podcastreihe: Wir haben momentan viel zu tun. Aber wir gehen da durch unterschiedliche Stimmungen in der Band. Ende des Jahres war ich sehr optimistisch, im Moment ist alles wieder ungewiss. Das ist schon zermürbend. Bis Dezember dachte man, 2020 war das harte Jahr. Jetzt denke ich eher: 2021 wird noch viel anstrengender. In Verbindung mit so einem Winter in Berlin beginnt die Stimmung bei vielen zu kippen.


Sven Regener: „Es ist nicht gut, wenn Musiker für ihre Crews sprechen“

Sven, wie hat die Krise Element Of Crime und euer Umfeld getroffen? Wir haben das genauso erlebt, wie alle anderen auch. Wir sind voll ausgebremst worden. Es war mit einem Schlag alles weg. Da trifft niemanden Schuld. Das ist eben so, da muss man durch. Allerdings tun wir uns als Musiker damit leichter, weil wir als Element Of Crime auch in der Vergangenheit schon mal ein Jahr lang nichts gemacht haben, 1999 etwa. Aber das war natürlich freiwillig, das ist dann nicht ganz das Gleiche. Wenn wir jetzt Songs schreiben wollten, könnten wir das natürlich trotzdem tun, haben wir aber…
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