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JJ Cale: Der Tod der Unaufgeregtheit


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JJ Cale verbrachte die 80er in einem Trailer in Kalifornien. Nicht, weil er musste, sondern weil er wollte. Die 70er hatten ihn zum Songwriter gemacht, den Eric Clapton, George Harrison und Neil Young verehrten, doch Cale pfiff auf die vermeintlichen Gesetze des Musikbusiness. Dass er erst in mittlerem Alter zu Erfolg kam, mag einer der Gründe dafür sein. „Unabhängigkeit heißt für mich, dass du machen kannst, was du willst. Keiner sagt dir, was du zu tun hast, du musst niemandem Rechenschaft ablegen.“ Als Cale diese Worte zu den Filmemachern sagte, die ihn 2004 auf einer Tour durch die USA begleiteten, war er bereits 65 Jahre alt. Die Zeit hatte sein Mantra zurechtgeschliffen.

JJ Cale und Eric Clapton, 2007

Keine Ambitionen

JJ Cale wurde am 5. Dezember in Oklahoma City geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend jedoch im benachbarten Tulsa. In den 20ern und 30ern war die Stadt Hotspot der Ölförderung im mittleren Westen der USA, und dadurch so amerikanisch wie eine Stadt zu jener Zeit nur sein konnte. Was auf den Kapitalismus zutraf, galt allemal für die Musik. Geographisch lag sie günstig, um vom Jazz und Blues aus den Südstaaten beeinflusst zu werden, gepaart mit dem Country aus Nashville und den unendlichen Weiten des amerikanischen Heartlands. John Weldon Cale war sich dessen durchaus bewusst und nutzte es für sich. Ernst wurde es ihm mit der Musik allerdings erst durch den Rock ’n‘ Roll, da war er Teenager und ging wiederwillig zur Highschool, die er 1956 abschloss.

Ein „real job“ war für den Sohn aus einfachen Verhältnissen eigentlich Pflicht, doch diesem Gebot wollte sich Cale nicht hingeben. „Ich hatte nie irgendwelche Ambitionen, ich habe nicht geträumt, und so bin ich heute noch“, sagte er in der Doku „To Tulsa and Back“ von 2005. „Damals hatte ich keinen Plan, ich hatte keine Ahnung, dass ich mal im Musikbusiness sein würde. Ich wusste überhaupt nicht, was das Musikbusiness war. Ich habe einfach rumgehangen. Hauptsächlich habe ich versucht, Arbeit zu vermeiden.“

Go West

Beim obligatorischen Militärdienst zog es Cale vor, die Technik bei der Air Force zu warten, anstatt mit einer Waffe durch den Matsch zu rennen. Abgesehen davon, dass er sich dadurch dem Drill Instructor entzog, konnte er sein Wissen über Elektrotechnik ausbauen, nachdem er sich im heimischen Elternhaus bereits ein kleines Aufnahmestudio gebaut hatte. Zurück in Tulsa spielte Cale in allen Clubs und Kneipen, die ihn spielen ließen. Meistens Cover mit Elvis-Imitatoren, aber auch in Gruppen, sie sich als Cowboys verkleideten und mit hartem Slang über das Leben auf dem Land sangen, was eher einem Theaterstück glich als einem Konzert. Gemeinsam war all diesen Auftritten vor allem, dass sie schlecht bis gar nicht bezahlt wurden.

Los Angeles schien Anfang der 60er mit seinen Studios und Plattenfirmen ein vielversprechenderer Ort zu sein, um irgendwie als Musiker zu überleben. Wenn es jemanden gab, der ein Auto besaß, sprang man auf die Rückbank und wurde in Hollywood an den Strand der Träume gespült.

„Es war eine wunderbare Zeit für mich, ich liebte das ganze Hippie-Ding“, sagte Cale später. „Ich war immer pleite und hab nie Geld verdient“, hieß es zugleich. „Es schien immer so zu sein, als wäre man einen Tag vom Knast entfernt. Wir haben viel Whisky getrunken und viele Drogen genommen. Das kann man machen, wenn man jung ist, aber man muss aufpassen.“ Es sei die Zeit seiner Jugend gewesen, die er sein ganzes Leben lang als Glorifizierung mit sich herumtrug.

Der Name JJ Cale

Eines Abends ging Cale ins Whisky A Go Go auf dem Sunset Boulevard, um einen Bekannten zu treffen, der einen der heißbegehrten regelmäßigen Gigs ergattert hatte. Er schwatzte sich auf und bekam selbst einen Slot an wenig belebten Tagen. Bei The Velvet Underground gab es bereits einen John Cale, worauf der Promoter des Clubs den Namen JJ Cale vorschlug. „Wenn du mir einen Job gibst, kannst du mich nennen wie du willst“, war die Antwort. Es währte nicht lang. Die Gelegenheits-Gigs und die Aushilfen als Toningenieur in den Studios der Stadt reichten nicht, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können. Die Brandung nahm das angespülte Treibholz wieder mit.

Abermals kehrte JJ Cale nach Tulsa zurück, die Geschichte schien auserzählt. Der Zufall aber wollte es, dass Delaney Bramlett um 1970 erheblichen Einfluss auf Eric Clapton ausübte, der sich an der Schwelle zur Solo-Karriere befand. Bramlett und Cale kannten sich aus den Studios und Clubs von Los Angeles, und Bramlett war einer der Adressaten, an die Cale ein Demotape für einen Song schickte, der zu diesem Zeitpunkt wenige interessierte: „After Midnight“.

JJ Cale in Amsterdam, 1973

Eine unvorhergesehene Wendung

Bramlett war unter der Hand voll Musiker, bei denen sich „After Midnight“ verfing. Gleiches gilt für Carl Radle, Bassist und Mitglied in Bramletts Band, aufgewachsen in Tulsa, Oklahoma. Der Song erschien auf Claptons erstem Solo-Album, auf dem auch Radle zu hören war. Er wurde ein Hit. Die 70er verbrachte JJ Cale darauf im Fahrwasser der Musikindustrie, er ließ sich mitziehen, machte Alben in Nashville unter der Leitung von Audie Ashworth, der zwischendurch noch Zeit fand, um Cales Familie darüber zu informieren, dass ihr Sprössling mittlerweile ein gefragter Songschreiber war. Die Glücksspieler in den Plattenfirmen und Verlagen leckten sich die Finger, Cales Eltern und Schwester waren derweil vollkommen ahnungslos. JJ Cale machte sich nichts daraus, seinen Erfolg vor sich her zu tragen.

Dies änderte sich auch nicht nach der Veröffentlichung von „Cocaine“. Eric Clapton sah in dem Song eine unterschwellige Kritik von Cale an der Kokserei, ohne dabei zu offensichtlich anti zu werden. „If you want to get down, down on the ground – cocaine“, die zweite Zeile des Liedes, beinhalte die wesentliche Aussage, obwohl es die Mehrdeutigkeit des Textes vermeidet, dass jemand den Zeigefinger auf seiner Brust spüre, so Clapton. Ein Habitus, der Cale gänzlich fremd war. Wenn aber jemand sprichwörtlich ein Lied davon singen kann, welchen Tribut Kokain bis zum Exzess fordert, dann Eric Clapton.

Eric Clapton zur Audienz bei JJ Cale

Zu behaupten, Cales Karriere – bzw. Anti-Karriere –, beruhe einzig und allein auf Claptons Zuneigung, ist dennoch stark verkürzt. Anders herum zu argumentieren, scheint sogar nicht vollkommen abwegig. Als 2006 das einzige gemeinsame Album „The Road to Escondido“ erschien, beteuerte Clapton, stolz darauf zu sein, mit Cale arbeiten zu dürfen. Sein alter Freund habe ihm Zugang zu so viel Ruhm und großartiger Musik gegeben, und er hoffe, dass JJ Cale seinen eigenen Songs vielleicht etwas abgewinnen könne. Clapton klopfte also bei Cale an, ob er an einem Album unter beiden Namen interessiert sei. „So sehr ich es auch versucht habe, ich habe es nie wirklich geschafft, dass ein Album nach ihm klingt“, so Clapton über seine Motive. „Bevor ich unter die Erde gehe, möchte ich ein JJ-Cale-Album mit ihm machen.“

Und sie taten es. Gastmusiker wie John Mayer, Nathan East und Billy Preston gaben sich bei den Aufnahmen die Ehre. Die Songs stammten zum Großteil von JJ Cale. Während sich das Album weltweit mehrere Millionen Mal verkaufte und einen Grammy für das „beste zeitgenössische Blues-Album“ erhielt, dürfte der schweigsame Cale den Erfolg beiläufig zur Kenntnis genommen haben. Für Eric Clapton – schon zu diesem Zeitpunkt längst zum Museum seiner selbst geworden –, war es die beste Arbeit seit seinem MTV-Unplugged-Konzert 1992.

Der Tod von JJ Cale

Spätestens im neuen Jahrtausend waren JJ Cales Auftritte rar gesät, ebenso wie seine Veröffentlichungen. Mit „Roll On“ erschien 2009 sein letztes Studio-Album zu Lebzeiten, bevor er am 26. Juli 2013 an den Folgen eines Herzinfarkts starb. Er wurde 74 Jahre alt. ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander schrieb in seinem Nachruf:

„Unter den amerikanischen Songschreibern war J. J. Cale ein unsichtbarer Riese. Musikjournalisten arbeiteten sich an ihm ab, doch offenbar gab es gar kein Geheimnis um den Eigenbrötler: Er war irgendwie immer da, lebte in Los Angeles, schrieb sehr entspannte Songs und spielte die Gitarre auf eine Weise, die man „laid back“ („zurückgelehnt“) nannte. Ein dänisches Duo, das den Sommerhit „Sunshine Reggae“ sang, benannte sich später so. Cale war immer etwas hinter dem Beat: Das ist eine schöne Metapher für einen Spätstarter, der dem Mainstream gelassen hinterher ging und dem es egal war, wo gerade die Musik spielte. Als „Cocaine“ erschien, hörte man Disco und Punk. Cale hatte seine eigene Zeit.

Sein Gesang war ein knorriges, zweckdienliches Instrument mit Texten über Freunde, Straßen, die Natur, das Wetter und Befindlichkeiten – Dinge also, über die man nachdenkt, wenn man im Schaukelstuhl auf einer Verada sitzt und nichts zu tun hat außer, vielleicht, eine Limonade zu trinken. 1972 hätte Cale sein Lied „Crazy Mama“ höher in die Charts bringen können, wenn er im populären „American Bandstand“ aufgetreten wäre. Doch er konnte seine Band nicht zusammenbekommen, und zum Playback wollte er nicht die Lippen bewegen. So blieb es bei Platz 22. Und weil J. J. Cale nicht nur nicht gern, sondern praktisch gar nicht reiste, verpasste er all die Promotion-Auftritte, Konzerte und Fernseh-Shows, die Geringere berühmt machen.“

 

Gijsbert Hanekroot Redferns

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