Joan Armatrading im Interview: „Mein Thema war schon immer die Liebe“


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Wenige Frauen bleiben ihr Leben lang in der Musikindustrie. Mit größter Selbstverständlichkeit touren Bands wie Kiss und AC/DC weit in ihre Siebziger hinein, Alice Cooper landet noch immer Nummer-Eins-Alben und die Lobeshymnen auf Bob Dylan sind mittlerweile kaum noch überschaubar. Es stellt sich die Frage: Wo bleiben die Musikerinnen mit einer solch erfolgreichen langen Karriere?

Knapp 50 Jahre seit dem ersten Album — Ruhestand nicht in Sicht

Musikerinnen wurden in den vergangenen Dekaden zumeist von Labels, Management und nicht zuletzt dem Druck der Öffentlichkeit geformt — in die Schablone des Business gepresst, bejubelt und dann wieder fallengelassen. Eine Karriere mit Ablaufdatum, die sich an Jugend und Trends ausrichtet.

Das markanteste Beispiel: Britney Spears. Konstant in ein Bild zwischen Americas Sweetheart und Vamp gedrückt, kämpft sie schon seit Jahren juristisch um Selbstbestimmung nach ihrem psychischen Zusammenbruch 2007. Weibliche Pop-Stars jenseits ihrer Dreißiger sind aufgrund strikter Jugend-Ideale rar gesät.

Doch auch der schillernden Pop-Industrie ferneren Künstlerinnen, bleibt dieses Muster nicht erspart. Amy Winehouse wurde in ihren Zwanzigern gefeiert, dann für ihre Drogensucht und psychischen Probleme von der Boulevardpresse denunziert. Nach ihrem Tod wurde sie wiederum auf ein engelsgleiches Podium gestellt und ihre Biografie kommerzialisiert. Musikerinnen wie Joan Armatrading werden durch das System so zur Seltenheit. Seit 50 Jahren ist die Singer-Songwriterin, autodidaktische Musikerin und Produzentin in der Industrie und veröffentlicht mit „Consequences“ ihr 22. Studioalbum. Ruhestand ist dabei noch nicht in Sicht.

Joan Armatrading: Musikalische Autodidaktin

Mit sieben Jahren flog Armatrading allein nach Großbritannien um mit ihren Eltern zu leben, die vier Jahre zuvor von Saint Kitts nach Birmingham übergesiedelt waren. Mit vierzehn Jahren begann sie Songs zu schreiben — auf dem Klavier, das ihre Mutter gekauft hatte, „weil es ein ganz nettes Möbelstück“ sei. Daraufhin folgte ihre erste eigene Gitarre, die ihre Mutter im Pfandhaus gegen zwei Kinderwagen ertauschte. Ihre ersten Job verlor Armatrading dann, weil sie genau diese Gitarre mit zur Arbeit nahm und in den Pausen spielte.

Meisterin des Genre-Eklektizismus

Im Jahr 1972 debütierte die Singer-Songwriterin mit ihrem Album „Whatever’s For Us“. Seitdem widersetzt sich ihre Diskographie jeder pauschalisierenden Genre-Zuschreibung. Tatsächlich stellt sich eher die Frage: Mit welchem Genre hat Armatrading noch nicht gearbeitet? Ihre Einflüsse reichen von Blues, Pop, Rock, Jazz und Soul bis hin zu Reggae, Ska und elektronischen Einschlägen. Ihre Musik schreibt sie allein, produziert sie zu großen Teilen selbst und hat auf ihren letzten fünf Alben fast alle Instrumente eigenständig eingespielt.

Nicht zuletzt hat Armatrading es als erste Frau an die Spitze der Billboard-Blues-Charts geschafft. Und ist die erste Musikerin Großbritanniens, die für einen Blues-Grammy nominiert wurde. Dabei blieb Armatrading in ihrer Karriere der Boulevardpresse immer möglichst fern. Über ihr Privatleben möchte sie wenig preisgeben — es geht eben nur um ihre Musik.

Wenn die Musikerin ins Studio geht, steht für sie schon das gesamte Konzept. Einer ihrer ersten Manager soll sich in den Siebzigern geärgert haben, weil er nicht wusste, wie er sie vermarkten solle. Denn Armatrading sei weder bereit gewesen, ihren unaufgeregten Shirt-und-Jeans-Look noch ihre Musik in eine andere Richtung als ihre eigene zu biegen.

Vor kurzem ist Ihr 22. Studioalbum „Consequences“ erschienen — Was verbinden Sie mit dem Titel?

Ich denke sehr oft darüber nach, welche Konsequenzen ein bestimmtes Verhalten hat. Dinge, die erstmal sehr bedeutungslos erscheinen, können eine ganze Kettenreaktion auslösen. Der Song „Consequences“ handelt von einem Paar, bei dem eine Person klarstellt: „Achte darauf, wie du dich verhältst und was du sagst und tust. Wenn du nicht aufpasst, könnte das dazu führen, dass unsere Beziehung endet.“ Es geht darum, dass man bedachte Entscheidungen treffen muss. Und darum dreht sich auch mein Album — vor allem in Bezug auf Liebe. Denn Liebe ist die Sache, um die es in der Welt geht. Und wir als Menschen sind hier, um uns zu lieben und beieinander zu sein. Zum Beispiel ist es wunderbar, in der Natur zu sein, an der frischen Luft im Park. Und spazieren zu gehen, sich die Blumen anzusehen, die Vögel und Bienen und die Architektur. Aber erst wenn man es gemeinsam erlebt, bringt es das Ganze wirklich zum Leben. Und deswegen schreibe ich auch die ganze Zeit über Liebe. Oder wie Barbra Streisand sagen würde: „Some people need people“.

Wirkt sich das Zeitverbringen in der Natur auch auf Ihren Songwriting-Prozess aus?

Ich liebe die Natur, aber ich liebe es auch, in der Stadt zu sein mit all dem regen Treiben. Ich will zwar selber nicht dort leben. Aber zu sehen, wie ein Haufen Menschen in den Straßen wie Ameisen unterwegs ist, das ist klasse. Und da sieht man wieder, dass Menschen voneinander gesehen werden und miteinander leben wollen. Es gibt so viele Großstädte, die ich absolut liebe: New York mit seinen Wolkenkratzern, die so dicht aneinander stehen. Und trotzdem gibt es so viel Platz in den weiten Straßen. London liebe ich wegen all der alten Architektur. Und in Tokio ist sogar alles noch vollgepackter als in New York. Das gibt ein ganz anderes Gefühl von Raum.

Ein Song auf Ihrem Album trägt den Titel „Better Life“. Die Lyrics und die Instrumentierung haben eine sehr lebensbejahende und positive Wirkung. Was führt sie zu dieser hoffnungsvollen Haltung?

Ich war schon immer eine sehr positive Person und kenne gar nichts anderes. Wir alle haben unsere Charaktere und es gibt Menschen, die schon unter einem schlechten Stern geboren worden sind. Manche andere sind schelmisch, machen immer Witze und spielen kleine Streiche. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob wir viel Einfluss auf die Entwicklung unserer Charaktere haben. Wenn du eine schüchterne, introvertierte Person bist, bist du eben schüchtern und introvertiert. So kamen wir alle irgendwie raus. Und ich kam mit dieser sehr positiven, selbstbewussten Attitüde auf die Welt. Manche Leute sagen, man nimmt einiges mit von seinen Eltern und der Erziehung. Teils stimmt das und teils nicht. Denn manche Eltern versuchen ihren Kindern alles mögliche beizubringen und es klappt nicht, weil das Kind eine eigenständige Person ist. Und du kannst nicht zwangsläufig einer Richtung folgen, die dir sagt: Du bist zwar so, aber kannst du so sein?

Ihr Song „To Anyone Who Will Listen“ handelt von dem Bedürfnis, gehört zu werden. Inwiefern denken Sie, dass das etwas Essenzielles für Menschen ist?

Diesen Song habe ich geschrieben, nachdem ich einen Artikel über einen jungen Mann gelesen habe, der depressiv ist. Er sagte darin, alles was er will ist, dass die Leute ihm zuhören. Er erwartete gar keine Handlung oder einen Rat. Die andere Person hätte noch nicht einmal etwas sagen müssen. Und das schien eine große Sache zu sein. Neulich habe ich außerdem diese Sendung mit Oprah Winfrey gesehen. Darin war Lady Gaga zu Gast und hat über psychische Probleme geredet. Sie sagte, dass das wirklich Wichtige für Menschen sein sollte, zuzuhören. Menschen täten viele Dinge für andere, aber sie würden oft nicht das Richtige tun, weil sie nicht wirklich zuhören. Und wir als Menschen brauchen alle das Gefühl, dass uns zugehört wird.

Ihr Song „Consequences“ hat einen elektronischen Opener, der sehr sphärisch und spacig klingt. Im Gespräch haben Sie erzählt, dass Sie solche Space Tunes lieben. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, entweder ins All zu fliegen oder mit einer Zeitmaschine durch die Zeit zu reisen, was würden Sie machen?

Ich bin eine Person, die im Hier und Jetzt lebt. Deswegen interessiert es mich eher, was jetzt gerade passiert. Es wäre wahrscheinlich spannender, in die Zukunft zu reisen als in die Vergangenheit. Aber so wichtig wäre es mir auch nicht. Gerade passieren so viele spannende Dinge in den Nachrichten, alle zwei Sekunden gefühlt. Man braucht gar nicht die Zukunft zu besuchen.

Das bedeutet also, wenn Sie entweder eine Zeitreise oder eine Tour durchs All machen könnten, würden Sie einfach hierbleiben?

Ich würde wahrscheinlich ins Weltall gehen. Aber ich würde warten bis viele andere die Route genommen haben und mir versichern, dass es absolut sicher ist. Ich will nicht an irgendeinem Experiment teilnehmen und dann herausfinden, dass wir da oben feststecken. Auch noch ohne Essen und Trinken.

Der Punkt mit dem Sicherheits-Level ist äußerst nachvollziehbar! Wirklich spannend am Weltraum wäre auch der Kontakt mit Aliens.

Auf jeden Fall! Es ist schwer zu glauben, dass wir die einzigen Menschen hier draußen sind. Wir haben uns wahrscheinlich bisher nur alle nicht vernetzt. In diesem riesigen Universum wäre es merkwürdig, wenn wir die einzige lebende Spezies wären.

Sie sind mittlerweile knappe 50 Jahre in der Branche und haben 22 Platten veröffentlicht. Haben Sie manchmal Angst vor Wiederholung?

Nein, diese Angst habe ich nicht. Natürlich gebe ich mein Bestes, nicht immer wieder das Gleiche zu tun. Und was wirklich interessant ist, ist ja dass verschiedene Leute die Dinge komplett unterschiedlich wahrnehmen. Wenn sich zwei Menschen verlieben, sieht das nicht genauso aus wie bei einem anderen Paar. Nicht jeder verliebt sich um 2 Uhr, mittwochs, in einem Hotel in Bournemouth — so funktioniert das einfach nicht. Manche finden die Liebe in Helsinki, manche beim Tauchen. Es ist für alle anders und deswegen gibt es auch immer wieder Neues zu entdecken. Eine große, schöne Wiederholung gibt es aber natürlich trotzdem bei mir: Seit 1972 ist mein Thema die Liebe und jetzt sind wir schon im Jahr 2021 angekommen. In dieser Zeit habe ich eben versucht zu kommunizieren, wie unterschiedlich dieses Gefühl für Menschen aussehen kann.

Die Liebe ist wohl eines der mysteriösesten Phänomene auf der Erde.

Absolut! Wer weiß, warum sich manche Leute ineinander verlieben. Wenn du dir manche Paare anschaust, fragst du dich, warum hast du dir DEN ausgesucht? Oder sie? Woher diese Anziehung?

Um zu den Anfängen Ihres Songwriting zu kommen: Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass Sie mit 14 Jahren begonnen haben, auf dem Klavier, das Ihre Mutter kaufte („weil es ein nettes Möbelstück ist“), mit dem Komponieren zu beginnen. Davor, schreiben Sie, haben Sie Limericks, Kurzgeschichten und Witze geschrieben. Können Sie sich noch an Geschichten aus dieser Zeit erinnern?

An die Geschichten nicht, aber ich erinnere mich an den ersten Song, den ich geschrieben habe. Ich weiß nichts genaueres mehr über die Zeilen. Aber der Titel war: „Als ich jung war“. Und das ist ein sehr merkwürdiger Titel für eine junge Person. Auf wie jung bezog ich mich mit dem Titel?

Da Sie gerne witzige Kurzgeschichten geschrieben haben: Was macht guten Humor Ihrer Meinung nach aus?

Allererstens müssen Comedians witzig für mich aussehen. Nicht auf eine merkwürdige Art und Weise. Aber wenn du sie ansiehst, musst du schon wissen, dass sie witzig sind. Viele Komiker haben fast ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Als wüssten sie etwas sehr Lustiges und sind kurz davor, es dir zu erzählen. Es ist aber auch wichtig, die witzige Seite in allen Dingen zu erkennen. Nicht alle Menschen können auch das Humoristische im Tragischen und dem Unglück erkennen. Gerade deswegen ist es so wichtig, über sich selbst lachen zu können. Lachen ist eines der besten Gefühle überhaupt. Wenn wir Humor nicht in dieser Welt hätten, dann würden wir wahrscheinlich bald vom Ende von Allem reden.

Joan Armatrading — „Consequences“ Album-Cover

Während Sie auf Tour waren, haben Sie Ihren Studienabschluss in Geschichte gemacht. Inwiefern hat das Studium Ihnen geholfen, die Welt um Sie herum zu verstehen? Und dadurch Ihr Songwriting beeinflusst?

Am Anfang habe ich niemanden vom Studium erzählt. Außer als ich dann auf Tour war. Mein Tour-Manager und die Band mussten ja meine Bücher tragen. Das Studium habe ich komplett unbezogen zur Musik gemacht. Es war aber auch eine völlig andere Sache des Schreibens. Normalerweise schreibe ich, wie ich will. Ob es die Länge oder das Thema angeht — da brauche ich niemanden, der drüberschaut. Wenn du studierst, hängt vieles von Kriterien ab: Die Anzahl der Worte, das Thema, die Sprache, die du verwenden sollst oder das Datum der Einreichung. Alles wird diktiert und solange du das nicht einhältst, kannst du auch keinen Abschluss schaffen. Das war ein interessanter neuer Aspekt für mich. Denn als Songwriterin bin ich sehr frei und da ging es hingegen um sehr viel Kontrolle von Außen. Ich dachte immer, das hätte keinen Einfluss auf mich gehabt, aber vor Kurzem habe ich das Gegenteil bemerkt. 2007 habe ich beschlossen an einer Trilogie zu arbeiten. Einem Blues-, einem Rock und einem Jazz-Album. Und da habe ich mir gesagt: Hier schreibe ich nur Blues, hier nur Rock und da nur Jazz. Dahingehend hat mir das Studium geholfen mich darauf zu fokussieren und nicht doch am Ende einen Pop- oder Reggae-Song dazwischen zu packen.

Nach 50 Jahren Karriere — was ist das beste, was Ihre Musik anderen gebracht hat? Beziehungsweise das schönste Feedback, das Sie erhielten?

Das müsste ich andere Menschen fragen. Aber was mir gesagt wurde ist, dass sie anderen hilft, die Dinge zu sagen, die sie sonst nicht in Worte verpacken könnten. Und Melodien sind sehr starke Emotionsträger. Songs zeigen dir regelrecht, welche Emotion du fühlen sollst. In Filmen zum Beispiel. Sobald die traurige Musik einsetzt mit der Handlung und dem Dialog, weißt du: „Oh, hier sollte ich weinen“.

Streamen Sie hier „Consequences“ von Joan Armatrading:

Joel Anderson