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Jonathan Wilson, Dean Wareham, Die Höchste Eisenbahn, Elke Heidenreich und ich


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Ich habe einen anbetungswürdigen Satz gelesen. Gestolpert bin über das Kleinod in dem schönen, von Klaus Theweleit herausgegebenen Bob-Dylan-Reader „How Does It Feel“, darin sich zahlreiche Autoren unter verschiedenen Aspekten an dem Thema Kniebundhosen, pardon: Bob Dylan abarbeiten. In einem Text über das Konzert zu Dylans 30. Bühnenjubiläum, bei dem lauter Stars  – darunter Neil Young, Eric Clapton, Roger McGuinn und Tom Petty – des Sängers Lieder spielen, steht der folgende gülden schimmernde Satz: „Dann trat diese Mischung aus Zwerg Nase und Patti Smith auf, Ron Wood von den Stones mit seinem hundertjährigen Raubrittergesicht.“

Hing ich vor meinem Zusammentreffen mit diesem Satz noch grimmigen Gedanken nach, so war der Tag nun gerettet. Manchmal braucht man tatsächlich nur einen Satz! „Mag sein“, denkt sich nun vielleicht die ein oder andere Leserin, „aber wem ist dieses Kleinod denn nun aus der Feder geflossen?“. Machen wir’s so: Ich verrate es am Schluss dieses Textes. Bis dahin wünsche ich fröhliches Grübeln.

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Oh, was ist das? Ein Grateful-Dead-Wandteppich? Nein, es ist das neue Album von Jonathan Wilson, der es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, so zu klingen, als seien die Geister aller lebenden und verstorbenen Westcoast-Mucker gleichzeitig in ihn gefahren. Was für eine vollkommen wahnsinnige Platte: Zu Beginn gibt es Weltraumgluckersounds, in die sich bald neckisches Frauengestöhne mischt, das von  dramatischen Pink-Floyd-Pianoakkorden abgelöst wird. Es folgt ein längeres Intro. Alleine für diesen Auftakt hätte der Mann eigentlich Hausverbot in allen Punkrock-Schuppen dieser Welt verdient: Ganze drei Minuten nüddelt, daddelt, ohrenwischt und donnert es da vor sich hin – man ist bald geneigt, sämtlichen Rauschmitteln abzuschwören. Dann setzt durch die Nebenhöhlen gepresster Säuselgesang ein, es tönt, als hätten die Pink Floyd des Jahrses 1973 ihre Bong im Laurel Canyon aufgestellt. Es folgen: aufgeplusterte Prog-Breaks, nur als illegal zu bezeichnende Gitarrensoli, entrückte Harmoniegesänge, singende Bässe und dergleichen mehr. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber: Wahrscheinlich ist die Platte komplett barfuss eingespielt worden. Um es ganz klar zu sagen: Das Album ist super. Besäße ich ein Batik-T-Shirt, wäre dieses Ding namens „Fanfare“ womöglich gar meine Lieblingsplatte des Jahres.

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Noch mehr neue Platten gefällig?

Die Band Die Höchste Eisenbahn (bestehend aus Francesco Wilking von Tele, Felix Weigt, Moritz Krämer und Max Schröder) hat ein schönes Album mit dem Namen „Schau in den Lauf, Hase“ aufgenommen. Fluffiger, gut durchmuckter Pop mit Watte-Schlagzeug, Harmoniegesang und, äh, fiesem Saxophon. Hall & Oates für deutsche Langzeit-Studentinnen, sag ich mal. Der Titelsong, der zunächst ein bisschen klingt wie Vampire Weekend für Fußgänger, im Refrain aber abhebt, ist noch das schwächste Stück. Mein persönlicher Favorit ist trotz (oder wegen) des struwweligen Niedlich-Gesangs bislang der Song „Aliens“: Pop, der gerade erst aufgestanden ist.

Möglicherweise bin ich ja zu früh dran mit meinem Text zu der Platte, aber ich muss ja meinen cutting-edge-Ruf wahren und mal zu früh sein, ist zur Abwechslung doch auch ganz erfreulich. All die Menschen, die bereits auf mich warten mussten, werden es womöglich zu schätzen wissen. Sehr gute Platte ohne Indie-Nervereien. Auf dem Cover ist ein Pullover abgebildet, den ich ganz ausdrücklich nicht besitzen möchte.

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Letzte Nacht träumte mir, ich hätte Tom Jones im Winterurlaub getroffen. Plötzlich stand er neben mir auf irgendeiner Skipiste und fing an, mich mit Schneebällen zu bewerfen. „Das ist aber komisch, dass mich jetzt Tom Jones mit Schneebällen bewirft“, dachte ich bei mir und warf, weniger aus Wut, als um ihn in seinem Spieltrieb nicht zu brüskieren, ein paar Bälle zurück. Später fuhren wir dann in derselben Gondel zurück ins Tal.  Immer diese albernen Tom-Jones-Träume. Ich werde meinem Zahnarzt mal davon erzählen …

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Auch meine liebste Schlaftablette Dean Wareham (früher bei Luna, noch früher bei Galaxy 500) hat mal wieder Musik gemacht: „Emancipated Hearts“ heißt sein Mini-Album. Klingt wie immer bei Wareham: Schlaffer, samtener New-York-Pop, der so gerade den Mund aufbekommt. Ich finde es – anders als manche andere mit Musik befassten Menschen – ja gut, wenn sich Dinge nicht ändern. Dean Wareham jedenfalls kaufe ich alles ab! Ich brauche ab und an diesen Dean-Wareham-Zustand. Kümmert sich ja sonst keiner drum!

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Ach so, das Ron-Wood-Zitat. Ach, ich glaube, ich löse das erst nächste Woche auf. Nein, nur Spaß. Ich wollte nur kurz ein Action-Element in den Text einbauen. Also, der Satz stammt von … Trommelwirbel … keiner Geringeren als Elke Heidenreich! Ich ziehe dann gleich mal los, um mir das Gesamtwerk der Frau zuzulegen. Was der wohl zu Jonathan Wilson einfiele?


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Krautrock-Stammtische, Pfauenfederohrringe und Drag-Köche – wiedergehörter Indie-Krempel aus den 80ern

Folge 217 Die Tage werden kürzer und die Ohren immer länger. Auch der Rest ist komisch. Halt und Orientierung bietet in diesen Zeiten ausschließlich das Wiederauflegen seit Jahren nicht mehr gehörter Indie-Platten der 80er und frühen 90er. Hier sind vier davon. The Coolies – „Dig ..?“ (1987) https://www.youtube.com/watch?v=0BmW4YA_i1M Wer oder was sind The Coolies? Auf dem Cover ihres Albums „Dig ..?“ beantworten die fünf Musiker aus Atlanta, Georgia die drängende Frage gleich selbst: „Five fine young men from Atlanta, GA not too different from you or me except for being blessed with seemingly super-human talent, overwhelming artistic integrity and devastating…
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