Kritik: John Williams in Wien – der Popstar und seine Jünger


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Die Rolling Stones haben „Satisfaction“, AC/DC „Highway To Hell“ und The Who „Baba O’Riley“: Es ist meist das Abschlusstück ihrer Konzerte, die allerletzte Zugabe, die Auskunft darüber gibt, welcher ihrer Mega-Hits wohl der größte ihrer Mega-Hits ist. Seit den zwei Auftritten des Soundtrack-Komponisten John Williams am Wochenende in Wien dürfte wohl auch bekannt sein, was in seinen Augen der größte Hit ist. Er hat ja einige der bekanntesten Filmmelodien geschrieben, darunter „E.T.“, „Jaws“, „Schindler’s List“ und „Raiders of the Lost Ark“.

Aber es ist – natürlich! – der „Imperial March“ aus „The Empire Strikes Back“, das Thema Darth Vaders, das den Großen Saal des Musikvereins zum Beben bringt. Williams kam da schon zum dritten Mal zurück auf die Bühne, und als der Marsch des wohl populärsten Bösewichts des Kinos einsetzt, nicken Köpfe, wackeln Knie, dirigieren Zuschauer heimlich mit. Das größte Stück also als letzte Zugabe, und eines, das wie die Titelmelodie zu „Indiana Jones“, nicht auf dem Programmzettel stand. Ein Brecher nach dem anderen als Zugabe, herrlich (eher peinlich waren die Plakate vor dem Gebäude des Musikvereins, die mit falschen Stücken warben, darunter der „Olympic Fanfare“ von 1984).

Man muss John Williams als Popstar begreifen, spätestens nach Auftritten wie diesen: Mindestens die Hälfte der Anwesenden ist nicht so gekleidet, wie Leute sich für klassische Konzerte kleiden – sondern wie Fans, die in Bildern des Kinos denken und ihr Leben danach ausrichten: Zu sehen sind Kuttenträger, deren Jeansjacke vorne mit Boba Fett und hinten mit Luke Skywalker bestickt ist. Menschen mit Obi-Wan-Kenobi-Bärten, Fantasy-Träumer. Einer konnte tatsächlich ein Lichtschwert aus Plastik reinschmuggeln. Japaner und Italiener machen vor dem Auftritt Selfies vor der leeren Bühne und halten John-Williams-Puppen in die Kamera. Es gibt sogar Stehplätze, ganz oben und hinten, und dort ist der Jubel nach jedem Stück natürlich am größten.

Die Freude über das Kommen des Amerikaners ist auch deshalb so groß, weil er ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern im vergangenen Jahr, so wie eines mit dem London Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall, aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Williams wird im Februar 88 Jahre alt, es wäre denkbar gewesen, dass er, der in den USA noch recht regelmäßig an beiden Küsten seine Werke dirigiert, gar nicht mehr über den Atlantik kommt – seine Auftritte in London 1992 also die letzten europäischen geblieben wären.

Mit Anne-Sophie Mutter

John Williams ist der größte Soundtrack-Komponist aller Zeiten, er hat die Musik zu 157 Filmen geschrieben und die Rekordzahl von fünf Oscars gewonnen. Ein Programm, nun ja: eine Setlist aus sieben Jahrzehnten Arbeit zu gestalten, ist eine Herausforderung. Williams konzentriert sich auf seine immer noch gigantische Spanne zwischen „The Cinderella Liberty“ von 1973 und seinem jüngsten „Star Wars“-Film „The Rise of Skywalker“, dessen Stück „The Rebellion Is Reborn“ er vielleicht auch deshalb im Programm hat, weil er hierfür seine 53. Oscar-Nominierung erhielt – auch das ein Rekord, er schlug sich dabei natürlich selbst.

Gast der „A Tribute To John Williams“-Abende ist die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter, die den Dirigenten für ausgewählte Stücke nicht nur begleitet, sondern jene gemeinsam erarbeiteten Arrangements intoniert, in denen ihre Violine zum Solo-Instrument wird – beide veröffentlichten im vergangenen Jahr das Album „Across The Stars“ mit Interpretationen von Williams-Werken. Das soll natürlich auch beworben werden.

Es dürfte das erste gemeinsame Live-Zusammenspiel der beiden gewesen sein, eine schöne Premiere also. Aber ein Blick auf das Programm des von Williams 2018 abgesagten und von einem anderen Dirigenten durchgeführten London-Konzerts offenbart, welche Möglichkeiten ein Auftritt gehabt hätte, müsste eben nicht jenes „Across The Stars“-Album vorgestellt werden. Es gibt also einiges, das weichen musste. „Theme from Schindler’s List“ wäre zu schön gewesen, das „Superman“-Thema sowie Williams wohl zweitbekanntestes Motiv überhaupt, die Titelmelodie zu „Jaws“. Anderes, wie seine vielleicht letzte Großtat, „Duel of the Fates“ von 1999, wäre wiederum ohne Chor nicht aufzuführen.

Die Titelliste kann ja auch nicht jeden glücklich machen. Aber ob offensichtlich der Spielkunst Anne-Sophie Mutters zuliebe aufgeführte Skizzen aus „The Witches Of Eastwick“, „War Horse“ oder „Tintin“ – also Stücke fast überwiegend aus Williams schwächerem Spätwerk – von den sehnsüchtigen europäischen Anhängern bevorzugt werden, darf man bezweifeln. Ausgerechnet das gemeinsam eingespielte „Dracula“ fehlt, andererseits wäre man ohne Anne-Sophie Mutter vielleicht nicht in den Genuss gekommen, die unterschätzte Titelmelodie aus dem missglückten „Sabrina“-Remake von 1995 live zu hören.

Höhepunkte der Aufführung sind Zusammenschnitte aus „Close Encounters of the Third Kind“ mit Williams‘ genialer Mischung aus Ligetis irritierenden Geigenschlieren, also Williams‘ direkte Hommage an Kubricks „2001“, sowie der eigenen Symphonie für ein Raumschiff, das als eine Art bunt leuchtendes Karussell, wie ein Kindertraum, in das All entschwebt. Dazu die leicht gekürzte „E.T.“-Suite „Adventures On Earth“, in der es Williams 1982 wie kein zweiter Filmkomponist vollbrachte, die Abschieds-Gefühle eines kleinen Jungen, dessen Leben nie mehr so sein wird wie zuvor, seine Trauer, seine Freude, Stolz und Hoffnung, zu illustrieren.

„Ohne störenden Film“

John Williams, der Popstar, greift an diesem Abend gelegentlich auch zum Mikro, berichtet von seiner Zusammenarbeit mit Hollywood-Regisseuren. Er erzählt von Spielberg und „E.T.“, und wie der fahrradfahrende Junge Elliott gemeinsam mit dem Außerirdischen mit „35.ooo Meilen die Stunde“ davonbraust um dessen Raumschiff pünktlich zu erreichen. „Dies ist die Möglichkeit“, sagt er leicht ironisch, „diese Musik ohne die störenden Filme zu genießen.“ Er hat natürlich Recht: Epigonen wie Hans Zimmer, die sich seltener von Welt-Orchestern einladen lassen, sondern für ihre Auftritte einfach die größten Mehrzweckhallen buchen, begleiten ihre Werke – so wenig Vertrauen in die Vorstellungskraft seiner Zuhörer muss man erstmal haben – auch mal mit Filmausschnitten. Williams‘ Musik erzählt ihren eigenen Film.

Zu „Star Wars“ erzählt Williams die Anekdote, dass er 1977 davon ausging, es würde nur dieses eine „Krieg der Sterne“-Werk geben – und weil er Luke Skywalker und Prinzessin Leia als Liebespaar sah, komponierte er mit „Luke and Leia“ ein Liebesmotiv; erst zur Vorbereitung der Fortsetzung „The Empire Strikes Back“ erklärte ihm George Lucas, dass die beiden Bruder und Schwester sind. „Luke and Leia“ hat Williams seit ein paar Jahren wieder häufiger im Programm, der Tod von Leia-Darstellerin Carrie Fisher hat ihn mitgenommen.

Am Ende muss auch Anne-Sophie Mutter, hier nicht mehr Solistin, sondern Begleiterin, ein wenig grinsen. Die Zuschauer vermögen zu den strahlenden Fanfaren-Klängen von „Indiana Jones“, die man normalerweise wohl nicht in diesem Saal zu hören bekäme, ihre Ekstase nur schwer zu drosseln. Urigere Sitzbewegungen gab es selten zu sehen.

Ein bisschen hoffte man ja darauf, dass beim „Imperial March“ Statisten in Sturmtruppen-Kostümen und schließlich auch ein Darth Vader in den Saal einlaufen und sich hinter John Williams in Stellung bringen würden; diesen Gag präsentierte er zuletzt bei einem viel beachteten Auftritt in Los Angeles. Aber für diese Parade wäre im Großen Saal des Musikvereins wohl auch kein Platz gewesen. Auch, wenn dies ein wenig mehr war als ein normales Klassik-Konzert.