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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress

Lee Ranaldo: das erste Soloalbum

Bei Sonic Youth wirkt Lee Ranaldo an der Seite des Glamour-Pärchens Kim Gordon und Thurston Moore manchmal ein bisschen unscheinbar. Auch wenn er in den vergangenen Jahren die Bühne ohne die Band betrat, blieb er im Schatten. Für sein Projekt „Contre Jour“ bearbeitete er im Gegenlicht eine von der Decke hängende Gitarre mit dem Geigenbogen, während hinter ihm Fotografien seiner Gattin Leah Singer an die Wand projiziert wurden. Mit dem Gitarristen Alan Licht und dem Saxofonisten Ulrich Krieger improvisierte er Sounds zu Filmen des Experimentalfilmers Stan Brakhage. Kürzlich führte er als Teil eines Ensembles in Miami eine Noise-Sinfonie für futuris­tische Geräuschmaschinen auf. Ausgerechnet Lee Ranaldo also, dessen Stück „Genetic“ unter großem Streit vom Sonic-Youth-Album „Goo“ gestrichen wurde, weil es zu „songwriterhaft“ war, bewegte sich im Abstrakten, während Thurston Moore sich solo als Songwriter versuchte.

„In früheren Jahren habe ich die Zeit außerhalb von Sonic Youth eigentlich immer für Erkundungen jenseits des Songformats genutzt“, so Ranaldo. „Aber dadurch, dass die Zeit zwischen unseren Platten immer länger wurde, hatte ich plötzlich gar keine Möglichkeit mehr, an strukturierteren Stücken zu arbeiten, und ich merkte irgendwann, dass mir das fehlte.“ Etwa zu der Zeit erhielt er die Einladung, ein Solokonzert beim Midi-Festival im südfranzösischen Hyères zu spielen.Er begann, neben akustischen Versionen von alten Sonic-Youth-Songs, wie „Eric’s Trip“ oder „Hey Joni“, neue Lieder zu erarbeiten. „Plötzlich hatte ich Material für eine ganze Platte zusammen“, so Ranadlo. „Zunächst dachte ich, es würde ein akustisches Soloalbum werden.“

Als Ranaldo dann allerdings im  Sonic-Youth-Studio Echo Canyon in Hoboken, New Jersey mit Schlagzeuger Steve Shelley und Bassist Irwin Merken die Aufnahmen vorbereitete,  entwickelten die Songs ein Eigenleben, wollten größer werden und lauter. So nahm „Between The Tides And the Times“ Gestalt an. Eine magische Zeit sei das gewesen, sagt Ranaldo. Noise-Gitarrist Alan Licht kam ins Studio, und Ranaldo lud den Jazz-Keyboarder John Medeski ein. „Die Platte sollte einen anderen Sound haben als Sonic Youth. Deshalb wollte ich einen Keyboarder. Mit John habe ich schon für den Soundtrack zu Todd Haynes’ Dylan-Film ,I’m Not There‘ gearbeitet.“ Die beiden spielten dort 2007 als Teil der All-Star-Band The Million Dollar Bashers wuchtige Versionen klassischer Dylan-Songs. „Unsere Aufgabe war es ja, den Sound von Bob Dylan und The Band Mitte der Sechziger nachzuäffen“, so Ranaldo, ein glühender Dylan-Fan, der am 11. September 2001 im Angesicht des Terrors sein Loft in Downtown Manhattan verließ, um irgendwo ein Exem­plar des an diesem Tag erschienenen „,Love & Theft‘“ zu ergattern. Auch mit Nels Cline war er nun erstmals seit den Million Dollar Bashers wieder im Studio. Der Wilco-Gitarrist spielt in dem neuen Stück „Fire Island (Phases)“ einen ähnlichen Part wie vor fünf Jahren in „All Along The Watchtower“. „Das Album ist voll von solchen kleinen Referenzen, die mir mir sehr viel bedeuten“, erklärt Ranaldo.

Kooperation

Es scheint, als versuche er, Sonic Youth hinter sich zu lassen, indem er sich auf dem neuen Album auf die Musik bezieht, für die er in seiner Jugend auf Long Island entflammte, bevor er nach New York kam und Punk, Noise und die Avantgarde entdeckte. „So habe ich das noch gar nicht gesehen“, sagt er und überlegt lange. „Ganz sicher ist da was Wahres dran. Sehr viele der Quellen, aus denen diese Lieder hervorgingen, sind tatsächlich aus dieser Zeit. Joni Mitchell, David Crosby, Neil Young, die akustischen Grateful-Dead-Platten … Vielleicht war es eine Art Befreiung, nicht wie bei Sonic Youth dauernd reflektieren zu müssen, was ich da tue.“ Es klingt wie eine Fügung, dass Ranaldo die Lieder von „Between The Tides And the Times“ mit seiner neuen Band erstmals an dem Tag live spielte, an dem Thurston Moore und Kim Gordon offiziell ihre Trennung bekannt gaben. Die Zukunft von Sonic Youth ist ungewiss. Immerhin stehen die Chancen für ein weiteres befreites Album von Lee Ranaldo gut.


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