Freiwillige Filmkontrolle


30 Jahre „Behaviour“ von den Pet Shop Boys: So viel Sehnsucht


von

Gut, sie waren nicht jedermanns Lieblingsband. Vielmehr waren sie jedermanns Lieblingsband, aber nicht unsere Lieblingsband. Und sie waren keine Band. Man konnte nicht anders, als „West End Girls“ zu lieben, doch die hymnische Omnipräsenz von „Always On My Mind“ war ZU SEHR 80er-Jahre, bevor man dergleichen sagte und dachte.

Das PLUCKERN kannte man von den Produktionen von Stock-Aitken-Waterman, und die feinen und groben Unterschiede bemerkten wir nicht. Pet Shop Boys war Musik mit Synthesizer. Kylie Minogue wurde dann unwahrscheinlicherweise auch cool, und Bananarama waren erst halb cool, dann gar nicht mehr. Aber die Pet Shop Boys: Die waren wirklich was. Und sie blieben es.

Ein neues Europa – nicht bei den Pet Shop Boys

„Actually“ von 1987 war die eigentliche definierende Platte des Jahrzehnts, und „Rent“ war ihr definierender Song. Ein besseres Cover-Motiv gab es nicht. In der Rückschau wissen wir das alles, aber damals waren wir beschäftigt mit XTC und Prefab Sprout, mit Michael Jackson und Madonna. Und, o Gott, mit U2. Dann 1990. Der Aufbruch. Ein neues Jahrzehnt. Ein neues Europa. Ein neues Leben.

Nicht bei den Pet Shop Boys. Sie waren von Schwermut erleuchtet. Sie holten Harold Faltermeyer, der mit „Miami Vice“ den maschinellen Klang jener Jahre entworfen hatten. Wahnsinn, dass die Pet Shop Boys ihn wollten! Am Mixing des Albums arbeitete der nachmals berühmte Julian Mendelssohn. Johnny Marr, der nach dem Ende der Smiths wenig zu tun hatte, spielte bei zwei Songs die Gitarre. Angelo Badalamenti, der Komponist von „Twin Peaks“, arrangierte zwei Stücke. Und das Balanesqu Quartet wurde für ein Streicher-Arrangement engagiert.

Neil Tennant und Chris Lowe, Pet Shop Boys

Und dennoch weiß man nicht, wie sie es gemacht haben. Es ist keine Platte der neuen Zeit – sondern eine Platte der illustren Melancholie, der glänzenden Vergangenheitssucht, der Trauer und der Wahrheitssuche. „Being Boring“ und das wunderbar elegische Video verbinden die britische Empfindsamkeit von Evelyn Waugh, Oscar Wilde und Christopher Isherwood mit Hollywood-Gefühligkeit und dem ganz großen Gefühl der Nostalgie: verpasste Chancen, verlorene Hoffungen, vergangene Schwüre, vergilbte Briefe, Memorabilia im Karton.

Neil Tennant war in dem Alter, in dem es schon weh tut. „I came across a cache of old photos/ And invitations to teenage parties/ ‚Dress in white‘ one said with quotations/ From someone’s wife, a famous writer in the nineteen-twenties/ When you’re young you find inspiration/ In anyone who’s ever gone/ And opened up a closing door/ She said we were never feeling bored.“ Auch 1990 waren die „nineteen twenties“ unendlich fern und deshalb unendlich begehrenswert. Der Jugendliche ruft sie als Attitüde auf, aber der erwachsene Mann hat Sehnsucht.

Und nie hatte ein Mann mehr Sehnsucht als Neil Tennant in den Songs von „Behaviour“. Verhalten, Betragen, Benimm, Habitus. Tennant ist nicht gekommen, um zu bleiben: „This Must Be The Place I Waited Years To Leave“ heißt ein Stück, das längst jemand hätte schreiben müssen: „The fear and feeling hopelessness, I don’t want to belong/ When we fall in love, there’s confusion/ This must ne the place I waited years to leave/ And How/ How long?“. Die Pause, bevor Tennant „How long?“ singt.

Es würde niemals besser werden

So erlesen und glücklichmachend wie „Being Boring“ sind „To Face The Truth“ und „My October Symphony“, in der Marrs perlende Gitarre, die Streicher, die pulsierenden Synthesizer und opernhafter Background-Gesang eine elysische Verbindung eingehen. Am Ende sind es nur noch die Streicher. Die Balanescus.

Die Pet Shop Boys hatten ein paar Jahre vorher begonnen. Sie waren Stars ihrer Zeit. Sie regierten die Diskotheken. Sie hatten alles. Und Tennant wusste, dass es niemals besser werden würde.

Es war Herbst im Jahr 1990. Heute, im Herbst 2020, schaue ich in den Kasten mit den alten Zeitungsausschnitten. Da ist meine Bestenliste des Jahres 1990, und auf dem ersten Platz steht „Behaviour“. Aber das war untertrieben. Alle anderen Plätze hätte ich leer lassen können.

jr

„Where The Wild Roses Grow“: Kylie Minogues Wiedergeburt als Wasserleiche

Es war ja immer ein bisschen unheimlich, welche hochmögenden Apologeten die puppenhafte Kylie Minogue in ihren Bann zog. Nach der Emanzipation von der Dreifaltigkeit Stock-Aitken-Waterman wurde sie zur Allegorie kecker Unschuld verklärt. Auf ihre leere Kunstfigur ließ sich alles projizieren: die Kindfrau als ikonographische Heilige, der Glamour und Liebreiz der Lolita als Fetisch. Mal huschte sie in transparentem weißem Kleidchen über den Strand, dann schmuste sie schwül mit plüschigen Schoßhündchen. Musik fabrizierte Kylie weiterhin, die Teenager aber hatte sie verloren. Da wächst nichts nach. Dass Nick Cave, ein australischer Landsmann, bei seiner Ballade „Where The Wild Roses Grow“ an Kylie…
Weiterlesen
Zur Startseite

3 Monate ROLLING STONE nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €